Bluetooth-Ohrstecker, oder: die Irre aus der U-Bahn

Bayern

Die Frau ist auf dem Weg zum Flaschensammeln. Das war mein erster Gedanke. Die U2, die mich an diesem Feierabend zum Auto brachte, fährt weiter zum Einkaufszentrum am Rande der Stadt. In Riem, wo früher Jets die Räder auf den Boden setzten, trifft sich heute nur noch das proletarische Jetset. Die Riem-Arcaden haben einen Lego-Store, das macht sie auch für mich anziehend. Warum denke ich also, diese Frau, die da in der U-Bahn mir gegenüber sitzt, wolle Flaschen sammeln? Sie spricht mit sich. Nicht wirr, sondern mit einem offenbar roten Faden. Die innere Stimme muss gut organisiert sein, denke ich mir noch. Dann wende ich den Blick ab, schaue durch die dunklen Fenster auf die Tunnelwand, um mich nicht zu verraten - dass ich ihr Verhalten befremdlich finde. Dann streicht die Frau, die ich auf 40-50 schätze, und die erstaunlich gut erhalten geblieben ist für eine Flaschensammlerin, sich die mittellangen Haare zurück. Und dann erspähe ich etwas an ihrem Ohr, was ein Bluetooth-Headset sein könnte. Sie telefoniert! Ach so. Ich schäme mich. Aber warum habe ich das nicht gleich erkannt? Was war so anders an ihrem Gespräch? Ab und zu nahm sie Augenkontakt mit den Passagieren in der U-Bahn auf, und da muss ich ihre Sätze darauf bezogen haben, die sie sprach. Dabei waren das nur Gleichzeitigkeiten von Dingen, die nicht zusammen gehört haben. Ich schäme mich noch einmal. Auch dafür, dass ich sie belauscht habe, selbst beim passiven Wegsehen meinerseits. Dies ist meine Entschuldigung. An eine Frau, deren Namen ich nicht kenne, aber die ein Telefon so benutzt hat, wie es vorgesehen war. Nicht, indem sie in das untere Hände hineinspricht, wären sie das Display sichtbar vor sich hält, wie es Mode gewesen ist. Nicht als laut plärrender Transistorradioersatz. Und auch nicht als Comic-Sans-What’s-App-Chat mit Chat-Hintergrundmuster. Und nicht mit dem Nachricht-gesendet-Ton von Samsung.

Weiterlesen »

Nachrichten machen Angst

Journalismus

Ich erinnere mich noch gern an die sehr alte Großmutter meiner Frau. Die wurde 97 Jahre alt, und sie hatte immer Angst. Angst, weil sie in einer fast vollständig medial vermittelten Wirklichkeit lebte. Angst vor Unfällen auf der Autobahn, Angst vor dem Wetterumschwung usw. Sie konnte sich zwar selbst versorgen, aber sie verließ nur noch für den Besuch bei Geschwistern/Kindern/Enkeln die Wohnung, die sie seit vielen Jahrzehnten ihr Heim nannte. Daran musste ich jetzt denken, als ich diesen Post von Dave Winer las:

Weiterlesen »

Tassen sind meine Brotkrumen, meine T-Shirts

Arbeiten / Konferenz / Reisen

Vor einiger Zeit habe ich schon darüber geschrieben, dass ich in einer Hinsicht meiner Mutter gleiche. Das ist natürlich nicht die einzige. Auch ich trinke Kaffee, in Stresszeiten auch mal den ein oder anderen Kaffee zu viel. Und andere Eigenschaften habe ich auch geerbt/übernommen. Anlage/Umwelt ist da eigentlich egal, das Ergebnis kommt auf das gleiche heraus. Heute soll die Rede von Tassen sein. Tee, Kaffee, egal. Ich trinke beides. Meist aus großen Kaffeetassen, Haferl nennen das die Bayern, Mugs die englischen Muttersprachler. Tassen sind ein beliebtes Mitbringsel, nicht nur allgemein für Touristen, sondern auch für mich als Reisenden im Speziellen. Aus Las Vegas habe ich meiner Mutter einen Kaffeepott mitbringen wollen, auf der das bekannte Ortsschild abgebildet ist. Das war gar nicht so leicht. Aber es hat funktioniert. Und ich bringe mir auch Tassen aus Shops mit, die mir besonders gut gefallen. Aus Museumsshops etwa. So gibt es in unserem Küchenschrank eine Art Brotkrumenpfad durch die Orte und Städte, wo ich schon einmal war. Auch wenn der Transport meist schwierig war (viele Shops haben weder Seidenpapier noch Luftpolsterfolie zum Einpacken): Eine Tasse habe ich mir von vielen Orten mitgebracht. Irgendwann wurden es aber zu viele Tassen, und die Tassen meiner Frau zu bunt. Normalerweise nutzen wir nämlich weiße Vivo-Tassen. Meinen Kaffee trinke ich auch am liebsten aus einem Bol-artigen Gefäß. All die bunten Merchandising-Tassen mit Logos sind dann zweite Wahl. Deshalb habe ich angefangen, meinen Tassen-Brotkrumenpfad auf meine Arbeitgeber auszuweiten. Mein alter Arbeitgeber hatte in einem frisch renovierten einen Tassenvernichtungsbefehl ausgegeben - es sollten idealerweise nur noch die weißen, vom Arbeitgeber gestellten Tassen benutzt wurden. Mit der Zeit wurde das aufgeweicht. Tassenliebhaber gibt es überall, und auch so etwas wie Monogramme auf den Tassen sind beliebte Giveaway-Tassen geworden. Auf der letzten Konferenz, auf der ich war (dem WordCamp Europe 2016), waren die Tassen fast so beliebt wie T-Shirts. Eine Plesk-Tasse findet sich jetzt auch bei TargetVideo im Schrank, und ich habe ein paar Tassen weniger im Schrank. Daheim. Aber bei meinem jetzigen Arbeitgeber TargetVideo hat sie ein gutes Heim gefunden! Genauso wie die ran-Tasse, die ich mitgebracht habe - perfekt für Tee. Oder den Typografie-Mug von Hoefler Fonts mit ihren unzähligen Ampersands - kaufmännischen Und-Zeichen.

Weiterlesen »

937 Worte über die steigende Bedeutung von Schriften im Marketing - und kaum eins über den Flächenverlust

Apple / Design / Journalismus / Produktmanagement / User experience / Web

Type war früher schon heiß, als die Type noch gegossen wurde: Move over, Helvetica: Type is hot: “Blue-chip companies like Ford and Citibank as well as storied publications like The Atlantic are commissioning custom fonts in search of a unique look.” (Via.) Dass Mercedes-Benz eine eigene Schriftart, ist klar. Aber wer kann sich so etwas leisten? Auch wenn das sehr viele Kunden haben wollen. Aber was ich sagen will: Egal ob diese Schweizer Type oder San Francisco, auf immer kleineren (und auch pixeligen) Displays ist Schrift für die Marke überlebensnotwendig. (Ist das ein Wort?)

Weiterlesen »

Es gibt immer mehrere Wege... zu einem GIF

Design

Ich mag GIFs eigentlich gar nicht besonders, aber manchmal vermitteln sie mehr von einem Design als ein flacher Screen ohne Interaktion. Daher arbeite ich gerade an einem Workflow, den alle meiner Kollegen machen können, um etwas aufzunehmen. Der kostengünstigste Weg ist Licecap, darauf bin ich durch einen Blogpost von Gina Trapani gestoßen, der Gründungschefredakteurin von Lifehacker. So ist auch die Grafik zu diesem Post entstanden. Screengrab mit LICEcap von einem Word-Dokument funktioniert immer. Aber: Das fühlt sich hacky an. Ein echter Designer macht das anders. Auch wenn ich keiner bin, ich mag Sketch. Und in Sketch gibt es dafür ein Plugin, das ich mir von GitHub besorgt habe. Frame-Animationen brauche ich keine komplizierten, nur zwei Bilder, die sich mit einer halben Sekunde Laufzeit abwechseln. Voilà. Anklicken, beide, sonst tut sich nichts. Mit Sketch entstanden: [caption width=”450” id=”attachment_2524” align=”aligncenter”]Mit Sketch entstanden Mit Sketch entstanden[/caption] Mit Word entstanden: How-much-is-the-fish-Word

Weiterlesen »

Buchkritik: Seveneves von Neil Stephenson

Allgemein

Der reichste Literaturkritiker der Welt, Bill Gates, hatte das Buch empfohlen. Viele der Sachbücher, die der Microsoft-Gründer in den letzten Jahren empfohlen hatte, hatten mir gefallen. Warum sollte ich nicht auch einem Roman eine Chance geben? Ich hatte lange Zugfahrten im Besonderen und viele Zugfahren im Allgemeinen vor mir. Die Rede ist von “Seveneves” von Neil Stephenson. Bei 850 Seiten im Buchladen wäre ich zurückgeschreckt. Wie soll ich das denn bei der wackligen Fahrt vor mir dauerhaft still halten? Digital ist besser: ssind auf dem Kindle ja nur viereinhalb Megabyte. Text braucht nicht so viel Speicherkapazität. Und der Kindle oder das Smartphone, auf dem ich in letzter Zeit am meisten lese, sind auch immer gleich schwer. Selbst wenn es zum Schmökerphone geworden ist. “Seveneves” ist radikal in seiner Absolutheit, so wie das im Science Fiction-Genre wohl oft die Gedankenexperimente sind. Der Mond wird zerstört, und er wird der Erde auf den Kopf fallen. Da wären sogar die Gallier empört. Was macht die Menschheit? Sie bereitet sich auf die Flucht in den Weltraum vor. Diese Flucht ist der wesentliche Gegenstand des Buches. Wer darf, wer nimmt sich das Recht, welches Recht gilt da oben - das sind die harten, pragmatischen Fragen, die ganz natürlich in der Handlung des Romans beantwortet werden. Wer das Buch noch lesen möchte - es folgen SPOILER. Also wirklich jetzt, die Lektüre lohnt sich. Tolles Buch für einen viel zu entspannten Urlaub am Pool. Besonders einleuchtend sind die Fortschritte in der Gentechnik, die die Menschheit macht. Erschreckend zeitgemäß, wie ich jetzt in der ZEIT lesen konnte. (Diese Kreuzverbindungen, die wie Serendipität einfach so entstehen, weil sich Strömungen im Leben miteinander vermengen und Verweise ergeben, sind das Beste daran, auch mal Belletristik zu lesen.)

Weiterlesen »

Wie viele deutsche Fahnen passen auf ein Auto?

Fussball

Die Überschrift liest sich hoffentlich ein bisschen wie ein Ostfriesenwitz. Oder einer der anderen, der auf Kosten von Minderheiten geht. Nicht, weil ich die gut finde, sondern weil es zu viele Fahnen auf einem Auto geben kann. Versteht mich nicht falsch, ein bisschen Patriotismus täte Deutschland gut, gerade auf die Errungenschaften der Demokratie kann man wirklich stolz sein, mehr als 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der grässlichen Dimension deutscher Verbrechen. Ich glaube, der Deutschlandstolz in positiver Hinsicht ist mit dem Sommermärchen 2006, von dem auch dieses Foto stammt, erwacht. Zahl-der-deutschen-Fahnen-cool Das Maximum dessen, was ich in 2016 zählen konnte, waren 8 Fahnen: eine an der Antenne, zwei an den Außenspiegeln, vier als Klemmfahnen an der Tür und eine als Aufkleber auf der Motorhaube. Da man sicher auch noch mehr Fahnen auf das Auto kriegt, habe ich die Achse nicht bei acht aufhören lassen. Danke an Flickr-User Ralf für das tolle Foto!

Weiterlesen »