Filmkritik Deadpool: Anders, aber hallo, schau mal! Wie anders ich bin! #zwinker

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Soweit ich weiß, habe ich nicht ADHS. Das zeitgenössische Mainstream-Kino geht aber wohl davon aus, dass alle Kinobesucher daran leiden. Es gibt Statistiken, nach denen 14 Prozent der US-amerikanischen Jungen zwischen 5 und 17 daran leiden, aber nur 5,9 Prozent der Mädchen. Die Zielgruppe von Jungs zwischen 14 und 19 ist eine der wichtigsten Zielgruppe auch für deutsche Kinos. Sie machen zehn Prozent aller Kinobesuche aus. Daher werden Filme immer hektischer. Zeit zum Luftholen ist kaum. Das gilt auch für „Deadpool“.

Deadpool ist ein ADHS-Abenteuer, genau wie „Avengers Teil M“ oder „Transformers Teil N“ oder „Spider-Man vs Godzilla“.

Die genauen Titel weiß ich nicht, seit Iron Man 2 habe ich keinen von den großen Franchisefilmen mehr gesehen. Auch wenn der Film „Deadpool“ die ganze Zeit einen anzwinkert: He, ist nicht so wie sonst, ist anders, verstehsse? Die anbiedernde Rückversicherung kennt man aus den Gesprächen von Jugendlichen („und ich so und er so“) – oder dem Humor von Mario Barth. „Kennse? Kennsse? Wa?“

Franchisekino für Ironiker

Franchisefilme verstopfen die Kinos: 8 der 20 erfolgreichsten Filme im Jahr 2016 in deutschen Kinos hatten eine Zahl am Ende oder waren Teil einer Filmreihe.

Die Absicht des Films scheint deutlich auf, der cleverste im abgedunkelten Raum zu sein, und daher bin ich verstimmt. Das letzte Mal an einem Freitagabend im Kino war ich in Mad Max Fury Road. Jener Film war ein Meisterwerk, und diesmal hatte ich halt Pech und habe etwas Mittelmäßiges erwischt.

Wenn du nämlich sehr ironisch sein willst, kann so ein Drehbuch und damit auch der Film in eine Nummernrevue umkippen. Und der Film gibt Vollgas beim IRONISCH!-Sein. Er flirtet mit seiner eigenen Fortsetzung, seiner Tweetbarkeit, seinen Anspielungen – und gibt dabei eine Chance zur emotionalen Bindung aus der Hand. Das eigene Emoji-Set drückt das auch am besten aus – selten hat eine Marketingaktion besser zu einem Film gepasst.

Dass der Held die Titelfigur todkrank ist im Laufe des Films, registriert man kaum. Zu schnell wird darüber hinweggegangen. Die unentschieden durch die Zeit torkelnde Story entfernt den Charakter von seiner einzig erlösenden Seite – seiner Partnerin, die an ihm mehr finden muss als wir die Chance haben. Die ist heilige Hure. Ja, liegt wohl an der Vorlage, Comics, die ich als Nicht-Comic-Leser nicht kenne. Und man sieht auch mehr Karriereplan-Entwicklung bei der Schauspielerin (Morena Baccarin) am Werk. Wir kennen sie noch als tief verletzte Frau Brody aus Homeland.

Habe ich schon gesagt, wie krampfhaft pfiffig der Film sein will? Ist ein Streberfilm im Blockbusterland, so wie das im Arthouse die Filme eines David Lynch sind. Erkennt man alle Anspielungen? Perfekt für den Second Screen, kann man gleich mit X-Ray dank Amazon Prime schauen, woher man das Lied kennt.

Die Musik ist auch so ein Ironieding. Die kann nicht ernst gemeint sein und damit verliert sie auch die dienende Funktion. Schon ein Tarantino setzt Musik überpointiert ein. Deadpool macht den inneren Monolog in einer Szene zu einer leiernden Musikeinlage, wo die Titelfigur sich gegen eine, nennen wir sie schwerwiegende Verletzung in Ohrnähe wert.

Ryan Reynolds kommt mit Deadpool zum zweiten Mal ins Superheldengenre. Beim ersten Mal war das ein krachender Flop, Green Lantern. Der Film nahm sich zu wichtig, ohne irgendwas eigenes zu haben. Das passiert dieses Mal nicht. Dieser Film ist anders, und daher ist der auch interessant. Aber er ist wie dein Sitznachbar in der achten Klasse, der immerzu mit den Fingern geschnipst hat, um im Unterricht dran zu kommen. Das ist eine kurzfristig wirksame Strategie, ich habe anfangs viel gelacht. Aber auf die Dauer ist das wie ein Faustkampf bei Bud Spencer und Terence Hill. Es klatscht immer und ist LUSTIG! Verstehsse? Verstehsse? Irgendwann ist der Nerv wund gescheuert von lauter zielgruppenadäquater Ansprache.

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