Buchkritik: Seveneves von Neil Stephenson

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Allgemein
Der reichste Literaturkritiker der Welt, Bill Gates, hatte das Buch empfohlen. Viele der Sachbücher, die der Microsoft-Gründer in den letzten Jahren empfohlen hatte, hatten mir gefallen. Warum sollte ich nicht auch einem Roman eine Chance geben? Ich hatte lange Zugfahrten im Besonderen und viele Zugfahren im Allgemeinen vor mir. Die Rede ist von „Seveneves“ von Neil Stephenson.

Bei 850 Seiten im Buchladen wäre ich zurückgeschreckt. Wie soll ich das denn bei der wackligen Fahrt vor mir dauerhaft still halten? Digital ist besser: ssind auf dem Kindle ja nur viereinhalb Megabyte. Text braucht nicht so viel Speicherkapazität. Und der Kindle oder das Smartphone, auf dem ich in letzter Zeit am meisten lese, sind auch immer gleich schwer. Selbst wenn es zum Schmökerphone geworden ist.

„Seveneves“ ist radikal in seiner Absolutheit, so wie das im Science Fiction-Genre wohl oft die Gedankenexperimente sind. Der Mond wird zerstört, und er wird der Erde auf den Kopf fallen. Da wären sogar die Gallier empört. Was macht die Menschheit? Sie bereitet sich auf die Flucht in den Weltraum vor. Diese Flucht ist der wesentliche Gegenstand des Buches. Wer darf, wer nimmt sich das Recht, welches Recht gilt da oben – das sind die harten, pragmatischen Fragen, die ganz natürlich in der Handlung des Romans beantwortet werden.

Wer das Buch noch lesen möchte – es folgen SPOILER.

Also wirklich jetzt, die Lektüre lohnt sich. Tolles Buch für einen viel zu entspannten Urlaub am Pool.

Besonders einleuchtend sind die Fortschritte in der Gentechnik, die die Menschheit macht. Erschreckend zeitgemäß, wie ich jetzt in der ZEIT lesen konnte. (Diese Kreuzverbindungen, die wie Serendipität einfach so entstehen, weil sich Strömungen im Leben miteinander vermengen und Verweise ergeben, sind das Beste daran, auch mal Belletristik zu lesen.)

Wenn sich in Washington – wie im Dezember vergangenen Jahres – Biowissenschaftler aus allen relevanten Forschungsnationen versammeln, um sich über die Möglichkeiten und Grenzen von genome editing zu verständigen, gähnt die Welt und wischt schnell wieder dorthin, wo’s um Gadgets statt um Gene geht. Woher kommt diese Ignoranz?

Epigenetik nennt das Stephenson. Keine Ahnung, ob er das richtig definiert, aber es fühlt sich echt an. Und so folgt man den logisch scheinenden Volten seiner Geschichte, die einen längeren Zeitraum überbrückt, als ich zunächst gedacht hätte. 5000 Jahre erlauben erhebliche genetische Veränderungen an den Menschennachfahren, vor allem wenn man sich mit dem Überleben und nix  Anderem als dem Überleben beschäftigen muss. Die gute Nachricht: Inzest ist heilbar, aber wir können immer noch nicht mit denen, die anders sind als wir, in Frieden zusammenleben. Krieg ist eine unheilbare Krankheit. Conditio humana.

Das Buch schlägt wilde Haken, legt falsche Fährten und verliert sich in seitenlangen Beschreibungen von Raumstationen. Ich sehe förmlich die establishing shots vor meinem inneren Auge, die davon vorbereitet werden. Kubrick hätte sich auch um die Filmrechte bemüht.

Der Weltraum unendliche Weiten. Dies sind die Abenteuer der letzten Überlebenden der Menschheit. The final frontier. Where noone has gone before.

Die wirklichen Filmrechte an „Seveneves“ hat jetzt Ron Howard erworben, ein Experte für Not-OPs an notleidenden Raumschiffen (der Regisseur von „Apollo 13“. Lustig, dass auch im Roman auf diese Weltraumgeschichte der Menschheit verwiesen wird. Das Runde muss ins Eckige ist auch in der Astronautenzunft ein geflügeltes Wort.

Ich bin kein Science-Fiction-Vielleser. Aber: „The Martian“ habe ich im Kino ja leider verpasst, aber das Buch habe ich auch ähnlich schnell weg gelesen. Pageturner wie „Seveneves“ können Amerikaner einfach schreiben. Sogar als Nicht-Muttersprachler kann man dem Sog des Buches nicht widerstehen. Die Empfehlung von Bill Gates habe ich nicht bereut.

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