Der Herr auf der Bank im Flughafen neben mir hat schon lange das Rentenalter erreicht. Aber das hält ihn nicht ab, zu seinen Budapestern rote Kniestrümpfe zu tragen. Eine graue Anzughose, ein blaues Hemd und einen grünen Blazer. Willkommen in Italien, du Tedesco. Du hast zwar das Leinensakko eingepackt, aber die Italiener werden dir allemal zeigen, wie man Mode schreibt und lebt. Zeigen, nicht sagen.
Auf Italienisch wirst du jedenfalls in keiner Bar angesprochen. Auch wenn das International Journalism Festival in Perugia eine Konferenz ist, auf der es keine Badges für die Teilnehmenden gibt, sondern nur für Mitarbeitende des Festivals, die Presse und die, die auf dem Panel sitzen. Der Eintritt ist frei.
Für ein kostenfreies Festival ist das alles hervorragend organisiert. Die Technik klappt meistens auf Anhieb, gerade weil die Leute vor Ort auch gleichzeitig mit dem Ton für den YouTube-Livestream verantwortlich sind. Da sei ihnen auch das Vapen am Pult verziehen.

Vor allem der pünktliche Beginn der meisten Panels (<5 Minuten Verspätung bei denen, die ich gesehen habe) hat mich schockiert. So pünktlich war mein Zug zum Flug nicht, und der Flug auch nicht. In Deutschland Streik beim Betreiber des Fluges und in Italien ist alles pünktlich. Die Busse in der Stadt, und die Panels auch. Tempora mutantur.
Nur bei einem Panel, das ich nur per YouTube mir anschaue (Frühstück war zu spät, vielleicht, weil der Abend zu lang war – aber was in Perugia passiert, bleibt in Perugia), habe ich den Eindruck – hm, das hätte ich mir sparen können. Die Kuration der Festivalteams ist wirklich gut. Selbst auf den KI-Panels ist das Wortgeklingel gering, da wird von echten Problemen transparent erzählt. KI ist das bestimmende Thema des Festivals. Das sieht man an der Größe der Cluster, die ich auf dieser Datenvisualisierung mal per Hand eingezeichnet habe.
Überhaupt diese YouTube-Videos. Damit kann man all das teilen, was man an Wissen von diesem Festival mitnimmt. Das machen die Organisatoren und Organisatorinnen clever, denn das Festival macht etwas Anderes aus. Plötzlich sitzt im Bus vom Flughafen jemand, den man von Twitter kennt, oder im schicken Vortragssaal jemand, mit dem man seit längerem Slack-Nachrichten austauscht. Und wer als Gruppe kommt, ist noch mehr im Vorteil – die Kollegen und Kolleginnen können gleich die Vorstellung des Neuzuwachses im eigenen Netzwerk übernehmen.
Mit Claude Code habe ich die Transkripte aller englischsprachigen YouTube-Videos vom Festival nach Konzepten durchsucht und daraus eine Visualisierung der Themen gemacht:
Vom Merch vom Festival bin ich schwer enttäuscht. Es gibt keines, zumindest habe ich keins gesehen. Ich hätte da Vorschläge:
- Halstücher für die, denen der ständige Wind auf der Anhöhe zu schaffen macht
- Kühlschrank-Magnete mit dem Logo des Festivals und einem Kugelschreiber (oder was heute für Reporter steht im AI-Zeitalter).
- Limoncello-Fläschchen mit Logo – dann muss man die nicht erst am Flughafen kaufen.
- Bacis mit Festival-Logo (das ist die bekannteste Süßigkeit der Stadt, geschmacklich so was wie das Vorbild für Ferrero Küsschen – Baci heißt ja Küsse -, und vom Ruf her so etwas wie die Mozartkugeln in Salzburg. )
- Fleece- oder Picknickdecken für das Mittagessen im Park mit Salat aus dem kleinen Supermarkt, wenn man keine Pasta, Pizza oder Pinsa mehr sehen kann.
- Eine Körperwaage für die hinzu gewonnenen Pfunde durch das durchweg gute Essen und viel zu viel Milchschaum beim Cappuccino
