Konzertkritik: Bosse / Tonhalle München

Das Konzert von Bosse in der Tonhalle München war toll, und ich habe schon auf dem Heimweg spontan entschieden, dass ich darüber etwas schreiben möchte. Ich bin kein ausgebildeter Musikjournalist, und mir ist es auch etwas peinlich, über Musik zu schreiben, weil mir das kritische Instrumentarium fehlt. Aber ich will es trotzdem versuchen, weil mir das emotionale Sensorium sagt: Das war toll. Und nach dem Seminar Kulturberichterstattung vor gefühlt 100 Jahren müsste ich dafür auch fachlich in der Lage sein. Über Filme, Bücher und Produkte schreibe ich ja auch in diesem Blog. Da habe ich keine Kastagnetten, äh, Manschetten.

Wenn ich auf ein Konzert gehe, bereite ich mich mit einer Online-Recherche vor.

  1. Wie ist die Setlist? Spielt der Künstler immer die gleichen Lieder in der gleichen Reihenfolge? Dafür ist ein Angebot wie Setlist.fm hervorragend. Ich hoffe, dieses Wiki für Setlists wird nie geschlossen. Ich habe jedenfalls gerade eine Pause vom Bloggen gemacht und die Setlist eingetragen. Denn Bosse hat die gleiche Setlist gespielt wie bei seinem Gig in Offenbach. Das habe ich während des Konzerts kontrolliert und wollte ich jetzt für die Nachwelt dokumentieren. Das ist eine der Schwächen des aktuellen Internets: Alle Welt filmt mit, aber an die Handyvideos und andere Metadaten kommt man nicht geordnet heran, obwohl so viele Daten vorliegen.
  2. Wann beginnt das Konzert? Das ewige Rumstehen, Anhören der uninteressanten Vorband – dafür habe ich die Karte nicht gekauft. Dafür lasse ich mir gern Snobismus vorwerfen. Es hat auch mit meinem Alter und den beginnenden Rückenschmerzen zu tun, die dann auftreten, wenn ich stundenlang herumstehe. Leider steht das in den meisten Rezensionen nicht drin. Um 21 Uhr ging es los – bis zum München-üblichen pünktlichen Schluss um 23 Uhr.

Bosse turnt auf der Bühne herum wie Chris Martin von Coldplay, ohne dessen Athletik oder Sehnigkeit zu haben. Nach zwei Liedern kündigt er schon an – ich bin jetzt komplett fertig. Bosse ist ein Unterhalter, und das findet man deutschsprachigen Künstlern meiner Meinung nach sehr selten. Nach eigenen Angaben hat Bosse bei dem Konzert in der drückend warmen Tonhalle seinen eigenen Schwitzrekord für das Jahr aufgestellt. Sein schwarzes T-Shirt war nach zwei Dritteln des Konzert komplett mit Schweiß vollgesogen. Wenn jemand Goldfische dabei habe, könne er die ihm geben, sagte Bosse. In seinem Shirt könnten die problemlos überleben.

Was mir an Bosse gefällt, ist sein Bekenntnis zu gefühlvollen Texten. Er ist irgendwie post-ironisch, würde wohl auch ein Harald Schmidt sagen. Er singt, was er denkt. Er berichtet von seinen Erlebnissen. Man könnte auch sagen, er ist zu politisch korrekt. Als er für einen Gang durchs Publikum von der Bühne geht, endet dieser Gang bei der Studentin, die für die Hilfsorganisation Viva Con Aqua die Fahne schwenkt. Damit sind wir auch wieder bei Coldplay und Chris Martin. Auf Konzert der Briten sieht man solche Kooperationen zwischen Musiker und Charities auch. Coldplay ist zum Beispiel eines der Testimonials für Oxfam, gefühlt seit Ewigkeiten. Das kann man abtun als ein Feigenblatt, mit dem man zeigen will, dass man zu den Guten gehört. Aber auf seine authentische Art glaubt man Bosse das an diesem Abend sofort, dass ihm die Sache etwas bedeutet. Er hat auch schon Projekte der Organisation besucht, so wichtig ist ihm das.

Er unterhält die Menschen, weil er selbst so gut gelaunt ist. Als er den Song „Nachttischlampe“ einführt, erzählt er davon, wie schwer es für ihn geworden ist, wirklich von Einsamkeit zu erzählen in seinen Texten. Mit einem zehnjährigen Kind ist ihm die abhanden gekommen.

Bosse unterhält in Tonhalle München

Was mir auch gefällt, ist seine Koketterie mit dem Alter. Einer der Bandkollegen ist über 40, und der bekommt sein Fett dafür weg. Er plaudert von seiner HNO-Ärztin, die ihm für gesangliche Notsituationen einen Cortison-Spray verschrieben hat. Und einen Song muss er gar abbrechen, weil er in der bekanntermaßen schlecht klimatisierten Tonhalle keine Luft mehr bekommt. Und das Gleiche macht er dann noch einmal für einen Zuschauer, der in Reihe 5 oder 10 blass geworden ist. Der/die kriegt Wasser, ein Snickers und darf sich etwas am Merchandising-Stand aussuchen.

Wie ist die Musik jetzt eigentlich gewesen? Um die habe ich mich ein bisschen gedrückt. Der Ton in der Tonhalle ist immer tendenziell schlecht. Der ein oder andere Toningenieur kriegt das besser hin, der andere nicht. Besonders wenn die Mitten fehlen, kann ein Konzert Spaß machen. In der Mitte wird es gern mal breiig und die Stimme des Sängers säuft ab. Frauen haben da nicht so das Problem. Sparsame Instrumentierung wird jedenfalls von der Halle in der Regel belohnt. Also von der Akustik der Halle.

Bosse war fabelhaft gut zu verstehen, auch für Menschen, die nicht alle Texte aus seinem Oeuvre kennen. Also Menschen wie mich. Man muss auch dazu sagen, dass ich zu Konzerten immer Ohrenschützer trage, so richtig semiprofessionelle für Hobbymusiker. Mein erster Hörsturz war mit nicht einmal 20, und das muss ich nicht noch einmal erleben. Vor einem Tinnitus graut es mir.

TL;DR

Bosse ist ein Netter, den will man beinahe knuddeln – wäre er nicht so verschwitzt. Als Live-Act ist er ein Erlebnis, das man nicht verpassen sollte.

    AWS re:Invent – was bei mir hängen geblieben ist

    Nach Thanksgiving war 2016 AWS re:Invent, die Hausmesse von Amazon Web Services für die ganze Cloud-Welt. Eine der drei Keynotes habe ich mir angesehen, die letzte von Werner Vogels. Und ich kann nicht verhehlen, dass es mir genauso geht wie diesem Analysten:

    Auf zu neuen Ufern – re:Invent 2016: AWS verlässt die Komfortzone: „Viel Evolution, wenig Revolution und eine klare Ausrichtung in Richtung Edge Computing, IoT und Hybrid Cloud. AWS versucht sich weitere Geschäftsfelder einzuverleiben. Dies geschieht jedoch nicht so revolutionär, wie man es gewohnt ist. Vielmehr ist es eine natürliche Weiterentwicklung des eigenen Portfolios. „

    (Via.)

    Aber ist das nicht normal? AWS ist jetzt zehn Jahre alt und damit ein echt reifes Softwareunternehmen. Da geht die Entwicklung nicht mehr in Sprüngen voran, sondern evolutionär. Das ist eher ein Zeichen für die Belastbarkeit der Technik und ihren Reifegrad, weniger ein Zeichen von Innovationsschwäche.

    In seiner Keynote erzählte CTO Vogels dann auch, dass AWS in 2016 mehr als 1000 neue Features liefern wird. Und so beginnt sein Blogeintrag auf seinem berühmten All Things Distributed (nicht mit dem Blog von Peter Kafka verwechseln) auch mit der Erwähnung, er habe 13 neue Features vorgestellt.

    Alle Features will ich hier gar nicht vorstellen, das können die herkömmlichen Technik-Blogs auch viel besser als ich. Ich finde ein paar Features spannend, bei denen Amazon nämlich gegenüber dem Wettbewerb aufholen muss.

    Aufholjagd bei AWS re:Invent

    So etwa beim maschinellen Auslesen von Bildinformationen. Da hat AWS Amazon Rekognition vorgestellt, den Service, der aus Bildern Muster erkennt und beim automatisierten Vertaggen helfen kann. Bei Microsoft Azure heißt das Computer Vision oder auf Deutsch Maschinelles Sehen-API. Bei IBM ist dafür Watson zuständig, das Produkt heißt Watson Visual Recognition. Google hat die Cloud Vision API. AWS hatte bis zu dieser Woche – nix.

    Klar, kann man auch ein Open-Source-Produkt auf Containern oder Instanzen von AWS laufen lassen, aber von der Stange mit all der Erweiterbarkeit gab es von Amazon nix. Die ersten Ergebnisse sind ok, haben andere Schwächen als die anderen Dienste. Ein Foto vom Eiffelturm richtig vertaggen zu lassen, ist einfach. Alles Andere ist da schon schwieriger. So nutze ich etwa Amazon Prime Photos auch für die Familienfotos. Anders als etwa Apple verwechselt die automatische Gesichtserkennung meine beiden Söhne miteinander. So macht das Tagging in der Software keinen Sinn. (Ja, Problem ist schwer, aber andere machen es halt besser.)

    AWS Shield ist eine gute Antwort auf andere Dienste, die auch die Verteidigung der Website gegen DDoS-Attacken bieten. Cloudflare und Google waren da voraus. Das ist auch ein defensiver Schritt.

    AWS Codebuild ist für die Arbeit in unserem Startup interessant. Am Build-Schritt hat ein Angebot von AWS gefehlt. Wenn ich CodeShip oder ein vergleichbarer Anbieter wäre, würde ich mir Sorgen machen.

    Branding von AWS re:Invent

    Alle Entwicklerkonferenzen haben blöde Titel. Google I/O ist noch der beste. Apple Worldwide Developer Conference ist nicht wirklich Worldwide, sondern nur für 10.000 Glückliche in San Francisco. AWS schießt den Vogel ab. Der Titel funktionierte nicht mal als Hashtag. Reinvent lautet der. Weil mit dem Camelcasing kann niemand etwas anfangen, nur die Menschen im Marketing finden das besonders.

    Das Skalieren der Events hat AWS am besten hinbekommen. 32.000 Teilnehmer ist eine gigantische Zahl. Es zeigt das Wachstum der Public Cloud in der IT weltweit. Und Hotelzimmer gibt es in Las Vegas wirklich wie Sand am Meer. Für 900 Euro hätte man den Flug und das Hotel buchen können, wenn man nicht darauf achtet, ob es ein 2- oder 4-Sterne-Hotel ist, das man bucht.

      Zeichentrick und Realfilm

      Was ist noch besser als Zeichentrick? Wenn Realfilm die gestalterischen Möglichkeiten des Zeichentricks bekommen hat. 3D war nur ein Schlenker auf dem Weg zur Konvergenz von Trickfilm und Realfilm.

      Wir dachten, 3D wäre die Zukunft des Zeichentricks. Doch Realfilm ist es geworden

      Wir haben früher gedacht, dass mit den Möglichkeiten der 3D-Darstellung wie in Toy Story der Zeichentrickfilm ganz neue Sichtweisen für uns bringen würde. Das hat er auch, wenn wir uns die emotionale Wirkung von animierten Spielzeugen oder die anderen Werke der Renaissance des Zeichentricks in den 90er Jahren bei Disney ansehen – oder große Teile des Werks von Pixar ansehen. Mittlerweile haben die beiden Firmen viel voneinander gelernt, Pixar das Merchandising von Disney und Disney wieder die Liebe zum Erzählen von Disney.

      Wieso komme ich jetzt auf dieses seltsame Thema? Zwei Auslöser habe ich dafür, das ist mehr, als ich sonst für irgendwelche Schnellschüsse hier in meinem Blog brauche.

      1. Auslöser: „The Jungle Book“ zeigt virtuelle Tiere in einer Echtheit, dass mir die Unterscheidung schwer fällt. Das kommt aus den technologischen Durchbrüchen, die wir das erste Mal in „Schiffbruch mit Tiger“ gesehen haben. Wahrscheinlich konnte sogar das Rendering-Modell aus dem Film recycelt werden, um Shir Khan wieder aufstehen zu lassen. Als pelziger, nicht putziger Gesell.
      2. Der Trailer für das „Live Action Remake“ von „Die Schöne und das Biest“. Wir befinden uns jetzt in der 20-Jahre-Recycling-Schleife. Filmklassiker aus den 90er Jahren (jüngere Lesern sträuben sich bei dieser Formulierung nicht die Nackenhaare) werden wieder aufgelegt. Hier ist der offizielle Trailer aus den USA: Beauty and the Beast US Official Trailer – YouTube. Emma Watson, mit der ich mir alles ansehen würde, auch solche toll aussehenden Filme, ist die Inkarnation der reinen jungen Frau, die mit ihrem goldenen Herzen den Status Quo auf die Probe stellt.
      Wenn ich an die letzten Jahre zurückdenke, was ich da so im Kino gesehen habe, dann ist die Grenzüberschreitung immer selbstverständlicher geworden. Das war sie lange nicht: Der flüssige Terminator im gleichnamigen Film war ein klarer Special Effekt. Auch so verdrehte Welten wie „Alice im Wunderland“ spiegeln immer noch die Bemühungen, im Computer kreierte Wesen auch als Fabelwesen erkennbar zu machen. Auch die Änderungen an menschlichen Schauspielern, wie etwa an Tim Burtons Ex-Freundin Helena Bonham Carter, sind klar als solche zu erkennen. Oder die Kamerafahrten in „Panic Room“ durch ein Schlüsselloch und in „Fight Club“ durch den Griff einer Kaffeemaschine – Gimmicks, aber immer als solche zu erkennen.
      Aber realismusheischende Filme wie „The Revenant“ verschieben die Grenze. Der Bär ist natürlich nicht echt, mit dem Leonardo DiCaprio kämpf. Oder ist er es vielleicht doch? In was legt er sich zum Schlafen hinein, wenn es nicht ein Pferd ist? Kino wird wieder Illusionsmaschine, und das sieht anders aus, als wir das gedacht haben. Wir haben in den neunziger Jahren aus den 3D-Welten von „Die Schöne und das Biest“ extrapoliert. Filme wie „Beowulf“ sahen aus wie sichere Meilensteine auf diesem Weg. Im Nachhinein sind sie Irrwege oder erste Prototypen, je nachdem, wie man das sehen will. Erst jetzt, 2016, hat die Computertechnik das Level erreicht, wo man seinen Augen wirklich nicht mehr trauen kann – nicht einmal mehr in einer Laser-Projektion, wenn Dolby Atmos am Sitz rüttelt.

        Schatten, Echos früherer Entscheidungen

        Mein Jahresrückblick hat begonnen. Es ist Dezember, nix Außergewöhnliches. Aber auch der zum 40. Geburtstag. Den meine ich heute. Herbst macht sentimental, und Klassentreffen machen es auch. Vor allem unerwartete. 

        Auf dem Vocer Innovation Day 2016 habe ich ein Panel mit Carsten Brosda, Staatsrat in der Hamburger Senatskanzlei, erlebt. Carsten kenne ich seit 23 Jahren. Das ist natürlich Quatsch. Ich kenne ihn nicht wirklich, und er wird mich auch überhaupt nicht kennen. Aber ich habe ihn in der Vorbereitung auf mein Austauschjahr als Oberstufenschüler in den USA kennengelernt. Und auf dem Vorbereitungswochenende war er mein Gruppenleiter. Glaube ich. Vielleicht auch beim Auswahlverfahren, das kann auch sein. Auf alle Fälle stimmt der Kontext.

        Ich durfte ihn mit Sicherheit duzen. Daher nenne ich ihn jetzt den Carsten. Carsten ist gar nicht carstenhaft. Er kann immer noch beim Sprechen druckreifer formulieren als ich schreiben kann. Später habe ich ihn dann wiedergesehen an der Hochschule, wo ich studiert habe. Glaube ich. Nach mehr als zehn Jahren wird meine Erinnerung bruchstückhaft.

        Seine Vita, mein Lebenslauf

        Wie man seiner offiziellen Vita entnehmen kann und meinem Lebenslauf, haben wir beide in Dortmund an der damaligen Uni und heutigen TU Journalistik studiert. (Findet das eigentlich noch jemand sonst außer mir, dass Vita das größere Wort ist, das auf größere Biografien passt als die eigene?)

        Warum erzähle ich von dieser zufälligen Begegnung? Weil sie in meine Rückblickstimmung passt, in der ich mich befinde. Auf der Hochzeit meines besten Freundes habe ich viele Menschen aus früheren Lebensphasen wiedergesehen, zu denen der Kontakt ein bisschen oder ganz eingeschlafen ist. Sie haben damals zum Beispiel schon Kinder gehabt, ich jetzt erst. Da entwickelt man sich auseinander. Schwangerschaftsstreifen sind genauso ein Ding beim Elternsein wie Intoleranz für Kindergeschichten – die ich auch berechtigt finde. Ich habe mit meinem Mittzwanziger Ich auch nix damit anfangen können.

        Meine Frau hat ähnliche Wiedersehenserinnerungen, wenn wir in Urlaub fahren. Da ist unser Ziel meistens das Familienhotel, das aus dem kleinen Berghotel geworden ist, in das sie als Kind schon gefahren ist.

        Türen öffnen sich

        So öffnen sich Blicke in die Vergangenheit und lassen Erinnerungen wieder auferstehen, die lange verschüttet waren. Auf dem Klassentreffen Nummer 2 habe ich zwei ehemalige Vorgesetzte von mir wiedergetroffen. Direkte Chefs, Chefredakteure sogar. In meinem Kopf spiele ich dann die Möglichkeiten durch: Was wäre, wenn ich in ihren Redaktionen mich hätte durchsetzen können oder wollen? Mir fehlte damals viel, das weiß ich heute, und mit größerer Gelassenheit, als ich das für möglich gehalten hätte, kann ich das heute auch ertragen. Diese Niederlagen haben mich weitergebracht – so wie uns Niederlagen immer nach vorn treiben. Naja, mich halt. Weil: So funktioniere ich. Aus Siegen kann man nicht so viel lernen. Fragt mal den FC Bayern, warum das Double-Jahr von Borussia Dortmund genauso wichtig ist für die jüngere Vereinsgeschichte wie das Triple von Heynckes. 

        Erst durch die Linse der Niederlage kann man oft kritische Pfade analysieren und bessere Weichenstellungen für die Zukunft vornehmen.

        Als ich mein Diplom als Journalist in der Tasche hatte

        Ja, es gibt sowas. Also nicht bloß Taschen, auch Diplom-Journalisten. Ich bin einer. Damals dachte ich, das war es jetzt also mit der Offenheit. Jetzt musst du dich entscheiden. Mit jeder Tür, durch die du jetzt gehst, so ging mein innerer Dialog, schließen sich andere. In den Flur des Lebens fällt dann weniger Licht. Die Gelegenheiten werden weniger.

        Bullshit.

        Wichtig ist doch, dass du in diesen Fluren ein paar Meter, Lebenskilometer gehst und Erfahrungen sammelst. Die machen schlaflose Nächte, Falten, aber auch klüger. Irgendwann kam ich dann an den Punkt, dass ich in dem Flur eine Wand aufbrach und hindurchstürmte. Und in dem anderen System bin ich seit 2008 tätig – als Produktentwickler im Mediensystem. Dort baue ich die Flure. Das ist das, was ich als den entscheidenden Unterschied zu meinem früheren Ich und meinem alten Denken begreife.

        Dieses Denken habe ich auch auf dem Vocer Innovation Day 2016 in vielen Sessions mit Journalisten wieder gesehen. Ein Echo meiner alten Weltsicht. Wie kleine Labortiere machen sie die Experimente der Verleger und Businessmenschen mit. Aufbruch ist möglich. Heute, wo Medienproduktion sogar in Full HD kaum noch etwas kostet, sind die Verlage dabei, den neuen Plattformbetreibern beinahe ausgeliefert zu sein. 

         

         

          Filmkritik Trolls: Die bunte Seite der Trolle

          Trolle haben im Jahr 2016 Konjunktur, wie wir nicht nur in der US-Präsidentschaftswahl gesehen haben, sondern auch in den Kinos. Mit „Trolls“ kommt ein neuer Kinofilm heraus, der das Thema von der freundlichen Seite aufbereitet.

          Es gibt nämlich eine Trolle-Dichotomie: die netten, hilfsbereiten auf der einen Seite, und die wirklich fiesen, die dich beleidigen, belästigen und verfolgen. Die habe ich einmal aufzuzeichnen versucht:

          Balkendiagramm Trolls
          Kleine Vorbeugung vor Coolnessgraphed.com: Balkendiagramm Trolls. Eigene Illustration

          Was ist „Trolls“?

          Bleiben wir aber auf der sonnigen Seite der Troll-Welt. „Trolls“ erzählt von einem Volk von Trollen, das in ständigen Bedrohung durch die Bergens lebt, große Wesen, die einmal im Jahr Trolle fressen, um glücklich zu sein. Die Bergens können sonst nicht glücklich sein. Und die Trolle verstecken sich – bis eines Tages die angehende Trollkönigin ein großes Fest feiert, und die Bergens das versteckte Volk doch entdeckt. Alles ist so gekommen, wie es der Kassandrarufer namens Branch immer vorhergesagt hat. Aber wie es sich für einen guten Trollpatrioten gehört, folgt er dem Gesang und seiner Berufung – um sein Volk zu retten.

          Alles ist dabei in diesem Mischmasch: eine 9/11-Welt wird für die Erwachsenen angedeutet. Post-traumatische Störungen wegen frühkindlicher Traumata, und natürlich zuckersüßer Gesang. Trolls unterhält auf vielen Ebenen, hat eine hervorragende Besetzung und ist verschwendeter Sonntagnachmittag im Kino. Da habe ich schon Schlimmeres gesehen. Das ist umso erstaunlicher, wenn man sich die Genese des Stoffes ansieht. Trolls: Der Film zum Spielzeug.

          Erst waren Filme zu Büchern.

          Dann kamen Bücher zu Filmen.

          Dann kamen Filme zu Comics.

          Dann kamen Filme zu Computerspielen.

          Dann kamen Filme zu Vergnügungsparks.

          Dann Vergnügungsparks  zu Filmen.

          Ein Klassiker sind Spielzeuge zu Filmen.

          Jetzt scheinen wir in der Phase Filme zu Spielzeugen zu sein.

          Lego war das erste, jetzt ist Hasbro mit den bunten Trollen dran. Uns drohen dann wohl als nächstes die Filly-Pferdchen. Ganz so hässlich wie die echten Spielzeuge sind die im Film nicht. Und die sind wirklich hässlich. Das Beitragsbild wird ihnen nicht gerecht. Warum die sich jemand freiwillig kauft, ist mir ein Rätsel. Bei Flickr gibt es eine Menge Sammlerfotos von mir, aber leider ohne die Lizenz, die ich für die Wiederverwendung hier bräuchte.

            Wissensmanagement in Unternehmen

            Wissensmanagement, ein großes Wort. Was meine ich damit? Wissen ist Macht. Das gilt insbesondere für Unternehmen. Wer viel weiß, nimmt als Mitarbeiter automatisch eine privilegierte Stellung ein. Das ist oftmals keine durch Titel gekennzeichnete Position, sondern eine rein informelle. Die hat etwas mit der Nützlichkeit des Wissens zu tun, das die Person besitzt. Ich kenne mich damit aus, ich behaupte mal, ich habe das das ein oder andere Mal schon so erlebt.

            Dieser Prozess ist ungesteuert. Er hat mit gemeinsamen Projekten und Erlebnissen zu tun. Er hört immer an den Kontakten und Kontakten von Kontakten auf. Er ist nicht planbar. So belastbar er in gewachsenen Organisationen auch ist, weil die Fluktuation gering ist: In schnell wachsenden Unternehmen wie Startups kommt er schnell an seine Grenzen.

            Zentralisiertes Wissensmanagement

            Als Führungskraft ist es mir daher wichtig, das, was wir als Organisationswissen erarbeitet haben, auch zu dokumentieren. Denn die Probleme, die man einmal gelöst hat, kommen wieder, wenn auch in anderer Form.

            So habe ich schon 2008 in der Zusammenarbeit mit Partnern bei meinem ersten Startup als Mitarbeiter eine Dokumentation für immer wiederkehrende Themen angelegt. Die ist mir jetzt über den Weg gelaufen, als ich mich mit dem neuen Aufguss von Google Sites beschäftigt habe – das kann es mittlerweile bis auf die Custom Domain als kostenloses Produkt beinahe mit Squarespace aufnehmen. Damals habe ich mit dem Firmen-Google-Account da mehrere Spaces angelegt, äh, Sites: einen fürs Produktmanagement, einen für die Partner und einen später als Übergabe für meinen Nachfolger.

            Gerade den letzten empfinde ich als peinlich. Eigentlich hätte der gar nicht notwendig sein müssen, weil meine Arbeit aus sich heraus gut dokumentiert war. Das war sie aber nicht.

            Acht Jahre später finde ich mich natürlich schlauer. Viel zum Operations ist jetzt im Firmen-Jira und im Trello notiert. Und Handgriffe, die immer wieder gemacht werden müssen, aber selten vorkommen (etwa im Projektgeschäft alle paar Monate), schreibe ich gleich ins Intranet oder Firmen-Wiki, das ich auf der Basis von WordPress angelegt habe. Warum WordPress? Weil das unsere meist genutzte Software bei TargetVideo ist.

            Dabei habe ich mich bewusst gegen andere System entschieden. Bei Microsoft wurden zum Beispiel Sharepoints für den Austausch zwischen internen und externen Stakeholdern angelegt. Das ist aber sehr mühselig, weil man immer erst ein Dokument öffnen muss, bevor man etwas lesen kann. Davon rate ich aus diesem Grund der mangelnden Einfachheit also ab. WordPress würde ich heute wohl etwas anders aufsetzen, oder gleich ein Q&A-fähiges Produkt benutzen. Aber die Suche ist eh die wichtigste Funktion in Intranets. Die muss passen. Wir setzen hier auf die Kombination ElasticPress und Elasticsearch.

              Anti-Pattern: doppelter Download

              Das ist mal ein interessantes Anti-Pattern aus Usersicht: Ich habe eine Demo-Software gerade per Download-Button heruntergeladen. Dann werde ich auf ein Formular geleitet, in dem ich meine Kontaktdaten angeben muss. Der Händler schickt dann eine Demo-Lizenz zu. In dem Moment, wo ich das Formular erfolgreich abschicken kann, startet erneut ein Download. Der lädt software.dmg jetzt als software (1).dmg noch einmal herunter. Wenn ich jetzt mit dem Laptop unterwegs gewesen wäre und jedes Bit zahlen muss? Keine gute Idee.

              Gut, dass ich Hazel habe. Da ist es eine Standard-Regel, dass doppelte Downloads direkt in den Papierkorb geschmissen werden.

                Software, die ich nutze: Origami von Facebook

                Auch wenn ich unter anderem das Produktmanagement für ein Do-It-Yourself-Portal verantworte, mit Origami meine ich nicht die Falttechnik aus Japan. Origami ist eine Software von Facebook für das Design von App-Prototypen auf dem Mac. Besonders ausgelegt ist diese für das gute Zusammenspiel mit den Dateien, die aus Sketch kommen. Sketch ist eine unter jüngeren Designern sehr beliebte Vektorzeichenanwendung, die deutlich schneller und performanter ist als Illustrator oder vergleichbare Adobe-Produkte.

                Origami konkurriert mit anderen Hybriden (kann Design und ist Entwicklung recht nahe) wie Framer.js um das Mindset und den Marktanteil der Designer/Developer. Es ist kein Tool wie Axure RP, das sich an den gestandenen Informationsarchitekten richtet – und wo jede Animation weh tut. Zumindest ist das meine Erfahrung aus dem letzten Projekt bei ProSiebenSat.1, wo ich viel mit Axure gemacht habe und in großen Projekten damit auch immer die Anmutung der Seite vermitteln konnte. Aber Axure hat zwei Schwächen: Responsive Prototypes sind echt schwer, und eben diese Animationen. Vom heftigen Preisschild (500 Euro aufwärts) mal ganz abgesehen. Axure befördert auch eher einen eher schlichten Look der Prototypen. Hier einer meiner ersten:

                Was ist jetzt an Origami so besonders? Es kommt von den Animationen her. Von diesen neuen Workflows, die App-Designern und -Entwicklern seit 2007 so bekannt sind, die aber für Web-Menschen wie mich, die Kanzlerin würde sagen Neuland sind. Oder zumindest waren. Auch ich beschäftige mich viel mit den aktuellen Trends, aber ich werde mich nie Designer nennen. Na, vielleicht ja doch.

                Wer eng mit Entwicklern zusammenarbeitet und ihre logische Denkweise kennt, kommt mit dem Programm ganz gut klar. Die größte Hürde waren für mich die neuen Begriffe der Animationswelt. Meine ersten Berührungen mit dem Thema waren beim Buch vom Val Head zum Thema. Das empfiehlt sich sicher, vorher die Animationsmuster zu überlegen und auch zu wissen, welche Animation welchen Effekt auf den Nutzer hat.

                Origami ist mir zu kompliziert – was kann ich tun?

                Der Einstieg ist bei Axure einfacher, aber man braucht dafür auch einen Tag, um das zu verstehen, wie das alles gedacht ist. DAs Gute ist, dass die Anbieter inzwischen die Power von Video-Tutorials entdeckt haben. Zwar ist der Sprecher meist nicht besonders inspririerend, aber ich kann das Video an der Stelle anhalten, an der ich etwas nicht verstehe und immer wieder zurückspulen. Das ist etwas, was auch der beste Erklärtext nicht kann. Mein Tipp ist Keynote für Mac-Nutzer. Auch damit habe ich schon Prototypen gemacht. Die Animationen, die Apple dem Programm spendiert hat, sind zu viel für Präsentationen. Aber für animierte Microinteraktionen sind sie perfekt.

                  Podcasts – die Session beim Vocer Innovation Day 2016

                  Wenn es um journalistische Innovation geht, sind derzeit Podcasts nicht weit. Was sind Podcasts? Für uns Oldtimer sind das RSS-Feeds mit langen Wortbeiträgen (meistens Wort, manchmal auch mit Musik versehen). Oder anders: ein kostenloses Spotify für längere Wortbeiträge.

                  Längere – das steht für alles über zehn Minuten. Wie die Besucher des Workshops „Podcasts“ auf dem Vocer Innovation Day 2016 in Hamburg festgestellt haben, sind Podcasts in Deutschland in großen Teilen Zweitverwertungen von langen Hörfunkproduktionen aus den Rundfunkanstalten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Warum ist das so? Der Rundfunkstaatsvertrag steht dagegen (PDF). Vereinfacht gesagt: Sendungsbegleitende Downloads sind machbar, alles andere ist schwieriger, weil es der ausdrücklichen Genehmigung bedarf – funk fällt etwa unter diese Regeln:

                  „Ist ein neues Angebot oder die Veränderung eines bestehenden Angebots nach Absatz 1 geplant, hat die Rundfunkanstalt gegenüber ihrem zuständigen Gremium darzulegen, dass das geplante, neue oder veränderte, Angebot vom Auftrag umfasst ist. Es sind Aussagen darüber zu treffen,

                  1. inwieweit das Angebot den demokratischen, sozialen und kulturellen Bedürfnissen der Gesellschaft entspricht,
                  2. in welchem Umfang durch das Angebot in qualitativer Hinsicht zum publizistischen Wettbewerb beigetragen wird und
                  3. welcher finanzielle Aufwand für das Angebot erforderlich ist. Dabei sind Quantität und Qualität der vorhandenen frei zugänglichen Angebote, die marktlichen Auswirkungendes geplanten Angebots sowie dessen meinungsbildende Funktion angesichts bereits vorhandener
                  vergleichbarer Angebote, auch des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, zu berücksichtigen. Darzulegen ist der voraussichtliche Zeitraum, innerhalb dessen das Angebot stattfinden soll.“

                  Es gibt aber auch eine Nähe bei den handelnden Personen im Podcast. Podcastmacher kommen oft aus dem öffentlich-rechtlichen System. Einfach deshalb, weil dort viele der Wortmacher zum Hören arbeiten. Im Privatradio wachsen eher Moderatoren heran, nicht so sehr Beitragsgestalter und Menschen, die vom Inhalt her kommen. Behaupte ich mal.

                  Das sah man auch bei den Podcastern, die die Vocer-Konferenzmacher für den Workshop gewinnen konnten:

                  • Lilly Wagner ist Reporterin beim ZDF und bei RTL, hat ein Konzept für funk eingereicht und auch grünes Licht für die Umsetzung bekommen. Und sie hat ein Volontariat beim SWR gemacht. Und sie hat dieses wundervolle Selfie von der Session gemacht!
                  • Holger Klein moderiert alle zwei Woche die Nachmittagsschiene bei Radio Eins. Früher war er eine Ewigkeit Radiomacher bei Radio Fritz. Und dieses Radio-Urgestein macht auch Podcasts. Einige als Hobby, andere als Corporate-Produktionen.

                  Was meint Klein damit? Was sind Corporate Produktionen? Er macht formal ähnliche Podcasts wie seine eigene, macht diese auch als lange Interviews – aber bei Resonator etwa für die Helmholtz-Forschungsgemeinschaft. Das ist PR für eine wissenschaftsinteressierte Zielgruppe. Die ist etwa 20-50.000 Downloads pro Folge groß. Das lohnt sich also nur dann, wenn eine finanzkräftige Institution dahinter steht. In den USA ist das ein Content Marketing-Trend, den etwa General Electric erkannt hat.

                  In Deutschland kann man mit Podcasts noch nicht richtig Geld verdienen, meint Klein. Beziehungsweise: Darauf sollte man es nicht anlegen. Ich finde das eine Frechheit, auch wenn er das charmant verpackt hat. Denn: Die Einstiegshürden sind beim Podcasting nur wenig höher als beim Bloggen, wie er auch selbst beschreibt. Mit ein paar hundert Euro kann man beinahe in den Radios sendefertiges Material erzeugen, das war früher viel teurer. Und um sein eigenes Format zu finden, reichen auch die Aufnahmemöglichkeiten des iPhones völlig aus. Und etwas anzufangen, ohne zu wissen, dass man damit irgendwann mal die Miete zahlen kann, ist irgendwie nicht besonders erwachsen.

                  Wie man aus der Reaktion der Teilnehmer des Workshops Podcast merkt, fehlt aber vielen Neulingen der Zugang – zum System, weniger zum Thema. Radio ist eine schwer einnehmbare Festung, wenn man nicht über ein Netzwerk in die Anstalten verfügt. Und wer nicht über diese Beziehungen Rundfunktechnik einatmet, wird ein bisschen abgeschreckt beim Einstieg in die Szene. Klein gibt auch zu, dass das Fachsimpeln bei der Aufnahmetechnik schlimme Züge annehmen kann und preislich beim Equipment eines Radiomachers /Podcasters keine Grenzen nach oben gesetzt sind.

                  Als Podcasthörer muss ich sagen, dass ich empfindlich bin, was die Aufnahmequalität angeht. Wenn ich im Auto einen Podcast höre und die Lautstärke auf das Maximum anheben muss, sowohl am Signal auf dem Smartphone als auch auf dem Aux-In-Signal im Autoradio, aber die Sprache eines des Sprechers dennoch dem Windgeräusch auf der Autobahn nicht gewachsen ist, ist der Griff zum Skip-Button schnell gemacht. Ein Aufruf an alle Podcastmacher in eigener Sache: Hört euch eure Produktion mal unter ungünstigen akustischen Bedingungen an. Nicht im abgehängten Studio und auch nicht im Schrank, sondern in der U-Bahn, im Bad in der Nähe der Dusche und vor allem im Auto. Ein anderes vermeidbares Artefakt aus sehr einfachen Audioproduktionen sind Ploppgeräusche des Sprechers, wenn er zu hastig in Mikrofonnähe artikuliert. Ich bin da auch gefährdet, man kann da über die richtige Mikrofonhaltung viel lernen

                  Und weil ich möchte, dass mehr Einsteiger in die Podcastszene kommen, hier ein paar Tipps:

                  Was sind denn die Geschäftsmodelle für Podcasts? Da wurde ich in der Session nicht schlauer. Darüber wurde nicht so richtig gesprochen, sieht man von Gesamtfinanzierungen für Produktionen durch die Rundfunkanstalten oder Corporate Sponsors ab. Die scheinen aber wichtig zu sein, siehe Resonator oder die General-Electric-Produktionen.

                  In den USA haben darüberhinaus Direktvertriebler Podcasts für sich entdeckt. Casper, das sind die mit den Matratzen, die man online kaufen und 100 Tage testen kann, wirbt viel. In This Week in Google, einem meiner Lieblings-Podcasts, kommen auch andere Onlinevertriebler als Kunden vor – Domainverkäufer Hover, Projektmanagementtoolhersteller Basecamp und Essenslieferant Blue Apron.

                  Wer in der US-Szene ein bisschen herumhört, wird diese und vor allem das Geschäftsmodell des Direktvertriebs über das Internet immer wieder antreffen. Über Promocodes wird die Zuweisung der Vertriebserfolge (Attribution) geregelt, und vielleicht auch ein bisschen über Spikes an Veröffentlichungstagen. Hier sind die gleichen Ungenauigkeiten in der Zählung ein Problem wie bei Fernsehwerbung – wie viel des Traffics kann man einer bestimmten Marketingmaßnahme zuschreiben und wie viel entspricht dem eigentlichen Grundrauschen auf meiner Landingpage.

                  In Deutschland ist Viertausendhertz der Vorzeige-Vermarkter und Publisher für Podcasts. Sponsor-Ansagen werden hier auch von den Presentern vorgelesen und sind etwa eine Minute lang. Aber es gibt auch andere Werbeformen, wie Banner-Werbung auf den Detailseiten der einzelnen Podcast-Folgen. Wie gesagt: Das muss man sich als Neu-Podcaster zusammensuchen. Wie so oft bei Konferenzen mit Inhaltemachern – die Geschäftsmodelle werden nicht immer mitgedacht.

                    Unwort des Monats: „Die Jugend“

                    Was macht die Jugend heute eigentlich so in ihrem digitalen Alltag? Sätze, die man gar nicht mehr sagen kann – und was schlimmer ist, auch nicht mehr ungeschehen machen kann, hat man in der Zeit nach der Wahl von Trump zum Präsidenten oft gelesen. Da stammten sie von Trump. Aber auch wir Journalisten machen uns zum Beförderer eines Trends zur Sprachverwahrlosung. Nein, ich werde jetzt nicht Mitglied im VDS. Ich glaube aber, dass die deutsche Sprache auch schön sein kann. Dafür muss man sie kennen, mit ihr täglich üben und auch neue Wege gehen.

                    (Lieber Schlussredakteur, das „man“ redigierst du mir noch raus, oder? Danke, der Autor.)

                    Was denkt die Jugend?

                    Einer der Sätze, die nicht mehr gehen, lautet:

                    Nein, das muss ich besser sagen. Wir können als weiße, mittelalte Männer nicht annehmen, dass wir wissen, wie die Zielgruppe oder die Menschen, die man mal Publikum genannt hat (TPFKAA – the people formerly known as audience), so tickt. Unsere Erfahrung mit digitalen Produkten trennt uns von ihnen. Außerdem ist es eine Anmaßung, sich mit werdenden Müttern oder shoppenden Anzugträgern zu vergleichen. Oder auch der Jugend. Dafür gibt es Methoden wie Befragungen von echten Mitgliedern der Zielgruppe. Allen, die ein wenig Geld für Research ausgeben wollen, empfehle ich das Buch „The One Dollar Prototype“. Und deshalb ging ich bei diesem Satz aus der Snapchat-Spectacles-Berichterstattung steil:

                    What it feels like to wear Snapchat Spectacles: „Put simply: The kids are gonna love ‚em.“

                    (Via.)

                    Das ist natürlich tongue-in-cheek, aber eben irgendwo auch ernst gemeint. Bei Übermedien wäre das ein Hasswort. Für mich ist es eben diese kleine Kolumne.