Das eine Mal, als ich ein Vorstellungsgespräch in einer Eisdiele hatte

Ich weiß gar nicht, ob ich davon schon an dieser Stelle erzählt habe, von meinem Vorstellungsgespräch in einer Eisdiele. Die Redaktion war neu in der Stadt. Welt kompakt war gerade ein paar Tage in Saarbrücken erschienen, da suchte das Pilot-Team Verstärkung. Über eine Kollegin war ich empfohlen worden, nachdem ich eine Bewerbungsmappe geschickt hatte. Also setzte ich mich nach der Arbeit bei T-Online.de in den ICE nach Saarbrücken und ließ mich befragen. 

Die Redaktion war brandneu, und einen Konferenzraum gab es noch nicht. Also gingen wir ein paar Häuser weiter in eine Eisdiele. Die Alternative wäre ein nahe gelegenes Hotel und das Foyer dort gewesen. Daran musste ich denken, als ich diesen Rant von DHH sah:

Interviewing job applicants in a coffee shop is fucking barbaric. Stop it. STOP. IT.: „Interviewing job applicants in a coffee shop is fucking barbaric. Stop it. STOP. IT.“

(Via.)

Daraus könnte man wohl auch eine ganze Folge für „The Office“ machen. (Redet eigentlich noch jemand von „Stromberg“? Ich habe das ja noch nie gesehen, zumindest noch nie eine komplette Folge am Stück.)

Mein Gespräch war gar nicht so schlimm. Aber ich muss rückblickend auch sagen, dass ich in dem Setting eher abgelenkt und unfokussiert war. Wahrscheinlich wollte ich den Job auch nicht dringend genug.

Filmkritik „Robot & Frank“

Apropos „Robot & Frank“: Über Filmtitel lohnt es sich im Deutschen in der Regel nicht, länger nachzudenken. Ich meine auch nicht den deutschen Nachsatz, der wie alle Filmtitelnachsätze vollkommen verzichtbar, beinahe geschmacklos ist: „Zwei diebische Komplizen“. Das ist noch nicht ganz im „Völlig unverfroren“-Terrain, hat aber schon nach Wohnungen in diesem Sprachgebiet gesucht. „Robot & Frank“ – das gesteht dem titelgebenden Roboter eine Rolle zu. Und zwar eine wichtige. Der sieht ein bisschen so aus wie die Pflegeroboter, die man aus Japan kennt. Genug an Knuddeligkeit, und was ich besonders charmant finde, auch von einem Darsteller mit Kostüm gespielt – im Abspann taucht die Rolle des Roboter-Darstellers auf. Die Stimme leiht ihm eh ein gestandener Schauspieler, an dem man seine Knautschigkeit mag: Peter Sarsgaard. Ich bin auch für einen Oscar für Voice Acting, im Übrigen. Wenn die Rubrik der animierten Filme auch immer größer wird.

Frank (der ausgerechnet auch von einem Frank gespielt, Frank Langella, den wir auch als Nixon schon gesehen haben) vergisst immer mehr. Er lebt noch allein, er steht eigentlich kurz vor der nächsten Pflegestufe. Er braucht Hilfe. Sein Haushalt verwahrlost. Der Sohn (James Marsden) wohnt weit weg, versucht sich zu kümmern und dreht dann im Streit durch. Die Tochter (Liv Tyler) führt ein Leben als Digitalnomade und ist nur mehr eine Telepräsenz für ihren Vater. Das ist dem ganz recht, da kann er seine Fassade aufrechterhalten. Am Sohn bleibt der Großteil der Pflege hängen. Der ist ein Helikopter-Sohn, arbeitet viel, hat selbst Familie, fliegt mit dem Auto ein, kümmert sich, flattert im Streit wieder davon. Wahrscheinlich sind sich die beiden zu ähnlich.

Frank hat vergessen, welche Restaurants noch geöffnet sind in seiner Heimatstadt. Und bald geht ihm auch die wichtigste Anlaufstelle verloren, die er noch hat: die Bücherei. Dort arbeitet die reizende Bibliothekarin (Susan Sarandon), der er nachstellt. Dafür plant er die Wiederaufnahme seines alten Berufes: Er war Juwelendieb. Jetzt will er ihr ein Juwel von einem Buch aus der Bücherei klauen. Als Geschenk. Denn die Bücherei soll geschlossen werden, alle Bücher wurden längst digitalisiert. Doch damit kann Frank nix anfangen. Der Coup soll ihm das Herz der Bibliothekarin öffnen. Mit dem Roboter plant er den Diebstahl.

Spoiler für „Robot & Frank“

Wie man sich das nach dieser Vorgeschichte denken kann, stellt der Film die großen Fragen: Was heißt es eigentlich, ein Mensch zu sein? Ist das eigentlich so in Stein gemeißelt, wie wir denken? Wie ist das, wenn sich ein Mensch, den wir zu glauben kennen, auflöst, weil sich seine Erinnerung auflöst? Ist das dann der gleiche Mensch? (Nein.) Wie gehen wir damit um? (Schlecht.)

All das sind entscheidende Fragen in Gesellschaften wie unseren westlichen, die immer älter werden, weil die Lebenserwartung jedes Jahr beharrlich um einige Monate steigt. Und in Gesellschaften, in denen jetzt schon nicht genug Menschen die Pflege anderer Menschen übernehmen wollen. In der U-Bahn in München gibt es genauso viele Plakate für Stellenausschreibungen für Pflegekräfte wie für Entwickler. Sicher nur ein Indiz, aber der Markt ist leergefegt. Die Geschichten von treu sorgenden polnischen Einwanderinnen, die zwar illegal beschäftigt werden, wurden bereits erzählt. Für viele Familien mit Intensivpflegefällen sind sie die einzige Rettung.

So weit ist Frank noch nicht, ihm bleiben noch einige seiner Eigenschaften. Aber die Symptome werden schlimmer. Seine Aussetzer im Erinnern werden mehr, er wird unordentlicher. Der Roboter kam fast schon zu spät. Und der Roboter, der nur den einen Zweck hat, hält uns Angehörigen den Spiegel vor: Wie wirst du mit der Pflegesituation deiner Eltern umgehen? Bist du darauf vorbereitet, wenn sich dein Gegenüber nicht dankbar verhält? (Nein.)

Wer schon einmal erlebt hat, wie aus dem Körper eines geliebten Menschen dessen Geist schwindet, den trifft der so leichte und lockere Filme doppelt. Deshalb habe ich jetzt auch einige Zeit nicht darüber schreiben können, obwohl er so viel in mir zum Schwingen gebracht hat. Er stellt die Fragen, die sich Mittdreißiger bis Mittvierziger stellen sollten. Auch wenn sie sich hoffentlich noch ganz lange Zeit nicht stellen, weil wir natürlich alle gesunde Eltern haben.

TL;DR

Bei Filmkritiken sind die falschen Anführungszeichen in Calypso wirklich nervig. Der Film ist aber toll.

4 von 5 Büchern

Serienkritik „Stinky und Dirty“

Als Papa geht man auch dahin, wo es weh tut. An den Windeleimer, an einen durchgeschwitzten Wickelbody und in die Kindersektion der Streamingdienste. Seit ich Mitarbeiter von ProSiebenSat.1 war, schaue ich natürlich nur noch legal fern. Vorher war mir das schon zu umständlich, danach zu riskant. Zu nah kamen die Abmahnungen im Freundeskreis.

Die Hauptfiguren sind Stinky und Dirty, da braucht es nicht viel Fantasie. Kinder lieben so gute Beschreibungen. Auf Deutsch wird der ab und zu zu Stinker verballhornt. Was mir aber an dieser Serie gut gefällt: Hier wird nicht alles von vornherein in der glitzernden Zentrale („Paw Patrol“) überlegt und dann ausgeführt, sondern der Plan wird dauernd verändert. Eigentlich ist es gar kein Planen, sondern viel Ausprobieren.

Trial and Error bei „Stinky und Dirty“

Stinky ist ein Müllauto, und Dirty ist ein Bagger, eigentlich ein Baggerlader – vorne also wieder ein Radlader mit einer großen Schaufel und einem Tiefenlöffel hinten. Gelb ist er auch noch. Oder anders: Kein Wunder, dass Amazon die Serie als Home-run in den Jungsmarkt geschleudert hat. „Stinky und Dirty“ ist eine Amazon Original-Produktion, so wie „Mozart in the Jungle“ oder „Transparent“. Nicht ganz so dekoriert, aber sicher auch beliebt. Leider ist an Zahlen zu den Serienguckern bei Streaming-Anbietern wie Netflix und den anderen nicht so leicht zu kommen. Seit September 2016 ist sie bei Amazon verfügbar. Sie beruht wohl, sagt die Pressemitteilung, auf einem beliebten Kinderbuch: „I Stink!“

Mir gefällt die Grenzüberschreitung. Die beiden Nutzfahrzeuge benutzen Gegenstände des Alltags, um ihre Probleme zu lösen. Gern auch den Müll, den Stinky immer mit dabei hat.

Ein Beispiel. Die Bojen aus Hafennähe sind aufs Meer heraus geschwemmt worden. Also müssen neue Bojen her. Die beiden fragen sich: Was machen Bojen eigentlich? Die halten Schiffe vom Ufer fern. Und wie machen sie das? Mit stinkenden Bojen, bis die Bojen wieder zurückgeholt wurden.

Das bietet einen guten Punkt, um mit Vorschulkindern, für die die Serie mit den zehn Folgen gemacht wurde, ins Gespräch zu kommen. Warum haben die das so gemacht? Und was hättest du gemacht? Dann verändert man leicht die Situation und kriegt sogar noch Transferleistungen hin.

(Ja, ich weiß, dass ich das gerade ein bisschen verbräme, dass meine Kinder das sehen dürfen, aber manchmal muss das für alle sein.)

Interessant ist auch, dass eine Folge von Stinky und Dirty in die nächste übergeht – Bingeviewing wird hier schon Kindern beigebracht. Da muss man als Erwachsener gut aufpassen, dass nicht zu viel gesehen wird.

Stinky und Dirty steht bei Amazon Prime Instant Video zur Verfügung, zehn Folgen auf Deutsch. 

RSS macht dich so alt

Über Männer sagt man ja, dass sie mit dem Alter interessanter werden und nicht weniger attraktiv. Das ist natürlich ganz großer Bullshit, Männer, die knittrig sind, sind natürlich auch einfach nur alt.

Ich werde dieses Jahr 40, und schon von daher beschäftige ich mich mit dem Alter. Ich arbeite außerdem in einem Startup mit einer ganz, ganz jungen Mannschaft. Darüber habe ich auch schon geschrieben in ebendiesem Blog. Weil mir das an vielen Stellen einfach dann doch wieder auffällt.

Einer Mitarbeiterin habe ich ja in 2016 erklärt, was RSS-Feeds sind. Wie macht man das, wenn man das nicht einmal in Browsern mal findet? Das habe ich gesagt, so oder so ähnlich:

RSS-Feeds sind Podcasts ohne die Datei zum Anhören, sondern mit einem Text zum Lesen.

Das ist ein bisschen hinten durch die Brust ins Auge formuliert, aber es trifft den Kern. Auch wenn es natürlich anders herum entstanden ist. Erst schuf Gott die RSS-Feeds, wobei Gott mehrere sind, und dann kamen die Podcasts (Dave Winer).

Wenn ich jetzt also auf einer Seite komme, die einen Feed anbietet, freue ich mich. Dafür benutze ich mittlerweile Feedly, darüber habe ich ja schon an dieser Stelle erzählt.

Wie alt bin ich jetzt also? Ich werde 2017 40 Jahre alt.

  • Ich kenne noch RSS-Feeds, als die noch nicht jedes CMS out of the box erzeugen konnte.
  • Ich halte Webseiten für in die Jahre gekommen, wenn die einen Follow-Me-Button in Feed-Form haben (haben nämlich immer weniger). Vor zehn Jahren entsprachen dem die kleinen Labels, das ein Website für Internet Explorer 4.0 oder so optimiert wurden. Die sind auch nicht in Würde ergraut. (Anders als ich natürlich!) Heute verweist man auf Facebook, Twitter, YouTube, Snapchat, VKontakte (letzteres scheint ein heißer Trend auch auf deutschsprachigen Seiten zu sein).
  • Meine erste Website habe ich selbst im HTML gepflegt. Neuer Inhalt? Neues HTML-Dokument notwendig.
  • Ich habe mal irgendwann gedacht, Onlineredakteure würden ohne HTML-Kenntnisse nicht auskommen. Das kommen sie heute sehr gut, und ich halte das auch prinzipiell für eine gute Sache in Sachen Beherrschbarkeit der CMSe.

Wenn daraus jemand eine T-Shirt-Kollektion machen möchte, bitte ich um ein Belegexemplar. #kudos

Code Generator, oder die geheimste Funktion der Facebook-Mobile-App

Facebook ist ja ganz groß darin, die wichtigsten Funktionen aus der großen, blauen App, wie sie Mark Zuckerberg mal salopp genannt hat, in eigene Apps zu packen. Messenger ist auf diese Art und Weise auf den meisten Geräten außer im Desktop-Web zu einer eigenen App geworden.

Eine Funktion, die wohl nur Power-User nutzen, ist aber immer noch tief in der Facebook-App verbuddelt: der Codegenerator. Ich glaube, derzeit muss man auf Einstellungen (das ist das Hamburger-Icon mit den drei Strichen) klicken, dann ganz nach unten scrollen. Noch einmal klicken, und dann öffnet sich die Ansicht, die ich im Beitragsbild mal in eine Hand montiert habe.

Der tut nicht weh, der sorgt nur für mehr Sicherheit. Immer dann, wenn ich mich an einem neuen Computer oder auch am alten mit gelöschten Browserdaten anmelde, muss ich nach der Anmeldung mit Mailadresse und Passwort den Code aus dem Codegenerator eingeben. Der öffnete sich früher von allein auf dem Smartphone in der Facebook-App. Das war zumindest früher, also in der ersten Jahreshälfte 2016, so.

Jetzt muss man also auf den Hamburger in der App klicken und ganz weit nach unten scrollen. Dann bekommt man den sechsstelligen Code angezeigt, den man dann in dem anderen Gerät zur Bestätigung eingeben muss. Das ist klassische 2-Faktor-Authentifizierung, und etwas, das ich ganz schwer empfehle. Besonders bei den wichtigsten Accounts, die man als digitaler Nutzer so hat. Und Facebook gehört ja bei gefühlt 80 Prozent der Deutschen dazu. Außer natürlich bei den ganz hippen Snap-Teens. Aber das ist eine Geschichte für einen anderen Blogeintrag.

Die Bahn: Die 2-Cent-User-Experience bei einem 2000-Euro-Stück Papier

Dass ich zur Arbeit pendle, ist bekannt. Meist mit dem Zug, manchmal mit dem Auto, wenn die Verspätungen die Anschlüsse zu einer Frechheit machen. Mein Chef hat mir sogar schon ein Buch übers Pendeln geschenkt. Montags wie heute ziehe ich aber den Zug vor. Da sind die ganzen Wochenpendler auch noch zusätzlich auf den Straßen und machen München noch mehr zu einem Nadelöhr.

Das erste Jahr im Startup ist vorbei, und jetzt stand auch die Verlängerung meiner Monatskarte für den Bahnverkehr an. Die kostet weit über 200 Euro im Monat und wird zentral in den Ländern von einer Fahrkartenstelle verschickt. Wenn man so viel Geld ausgibt, erhält man automatisch einen BahnCard 25 dazu, und weil ich mit der Monatskarte so hoch einsteige, hat die gleich Silberstatus. Der nennt sich natürlich Comfort. Das ist ganz gut, weil man damit auch in die Bahnhofslounges könnte. Könnte sage ich, weil es am Ostbahnhof in München keine gibt, sondern nur am Hauptbahnhof. Und der liegt in den allermeisten Fällen nicht auf meiner Strecke. Bringt mir also nix. Da ich nicht mit Zügen der Deutschen Bahn fahre, sondern nur mit dem privaten Anbieter Meridian. Der hat auch ein Stammkundenprogramm, aber das nimmt keiner ernst. Eine andere Geschichte.

Dass die Deutsche Bahn User Experience nicht kann, wissen wir. Wer einmal mit der ÖBB Railjet gefahren ist oder dort bloß ein Ticket gebucht hat, weiß, dass es auch mit einem deutschen Wording besser geht. Die Website der ÖBB ist wirklich spektakulär gut geworden. In Deutschland fällt mir zum Vergleich nur der lokale öffentliche Nahverkehr in München der MVG auf, die eine wirklich durchdachte Antwort gegeben haben auf die Probleme der Nutzer. Auch wenn die so anders ist, dass man sich erst einmal orientieren muss.

Was stört mich jetzt konkret an der User Experience? Wenn ich eine Fahrkarte kündige, muss ich das Stück Papier als Einschreiben an die Bahn zurückschicken, damit die sich nicht herausreden kann, das Ding nie erhalten zu haben. Das empfiehlt die Bahn selbst in ihren FAQs.

Wenn sie selbst aber eine Fahrkarte im Wert von mehr als 2500 Euro verschickt, macht sie das mit einem einfachen DIN-lang-Brief. Dann wird der Träger einfach zwei mal geknickt. Nun gut, die Fahrkarte würde ja auf ein Drittel des Papierformates passen. Aber es gibt einen Versatz von vier Millimetern, so dass ich das ganze Jahr mit einer hässlichen Knickkante in der  Plastikeinschubhülle leben muss. Das muss man im Foto sehen:

Meine Schülerfahrkarte vor 30 Jahren war genauso verknickt, jeden Monat. Aber da trug einen Gutteil der Kosten die öffentliche Hand, da war mir die Sorgfalt egal. Bahn, ich bin ein Premiumkunde und nur ein paar hundert Euro von der schwarzen BahnCard entfernt. Deren Kunden erfahren die Behandlung, die sie verdienen.

Bei jedem Autovermieter erhalte ich nach der ersten Buchung ein Stück Plastik, das professioneller und markensicherer ist. Daher habe ich mich mal daran gemacht, das zu redesignen. Wohlgemerkt, ich bin kein Designer. Aber das kriege sogar ich besser hin, Bahn.

Hier ist mein Vorschlag.

Redesign-Frequent-Traveller

Ich bin kein Designer. (Habe das mit Sketch, OpenSans als Schriftart und einem Foto von Unsplash entworfen.)

Man könnte sogar daraus ein echtes Unboxing-Erlebnis machen. Man kann das etwa in sehr günstige Echtlederhüllen stecken, manch ein Shop verschickt so etwas als Giveaway an seine Frequent Einkäufer.

Liebe Bahn, solltest du einige meiner Vorschläge zumindest für Langstreckenpendler wie mich aufnehmen wollen, mein Honorar wäre ein Jahr einer schwarzen BahnCard 100, ok?

TL;DR

Kundenzentriertes Denken findet man bei der Bahn nicht. Hochwertige Güter sollten auch hochwertig verpackt sein. Meine Fahrkarte kostet so viel wie zwei iPhones. Jedes Jahr.

Filmkritik „Sin City 2“

Der Film, um den es heute geht, heißt gar nicht „Sin City 2“, sondern wie ein Spieletitel versteckt er, dass er eine Fortsetzung ist, im Namen: „Sin City: A Dame to Kill for“. Als ich vor mehr als zehn Jahren den ersten Teil gesehen habe, in der Originalfassung am Berliner Potsdamer Platz, hat mich der Film umgehauen. Nur wenige Tage später wollte ich ihn noch einmal sehen. Seine visuelle Macht ist auch heute noch stark, Luke. Er hat sich förmlich in mein Netzhautgedächtnis gebrannt, so wie helle Schrift auf einem dunklen Hintergrund.

„Sin City 2“: guilty pleasure bei Netflix

Bei Netflix gab es jetzt den zweiten Teil, und die Kinder schliefen früh. Ich wünsche mir übrigens immer noch die Funktion auf der Fire-TV-App von Netflix, nur nach Filmen von unter einer Spieldauer von zwei Stunden suchen zu können. Mit diesem Schnellansehen von Filmen kann ich nix anfangen. Man kann schlechte Filme ja auch einfach ausschalten. Wisst ihr schon, wo der Knopf ist, ne? #peterlustig

Die Welt von Sin City ist so dreckig und so gewalttätig, dass man sich als Vater freut, wenn die Kinder tief schlafen und ein paar Räume entfernt sind, wenn der Film läuft. Da wird geschossen, gekämpft, mit Schwertern Köpfe abgerollt. Kill Bill ist harmlos, wenn man die Gewalt mit der comichaften Orgie in „Sin City 2“ vergleicht. Entschuldigung, „Graphic Novel“ natürlich, die Deckel, in denen die Zeichnungen verkauft werden, sind ja die eines Buches.

Der erste Teil hat eine ganz neue Bildsprache ins Kino gebracht. Ein Schwarz-weiß-Film, der die Grenzen der Farblosigkeit geschickt durch punktuelle Farbverwendungen überwindet. Der zweite Teil fühlt sich an wie der zweite Teil so vieler Disney-Hits: direkt auf VHS veröffentlicht. Er macht zwar die gleichen Bewegungen, viele Stars, viele Episoden, wie Huren/Heilige, viele Männer/Narren, aber es ist alles so mechanisch.

Streichelst mich mechanisch, völlig steril, eiskalte Hand, mir graut vor Dir.
Fühl‘ mich leer und verbraucht, alles tut weh,
hab‘ Flugzeuge in meinem Bauch.
Kann nichts mehr essen,
kann dich nicht vergessen
aber auch das gelingt mir noch.

Herbert Grönemeyer, Flugzeuge im Bauch

Ich könnte nicht einmal die Hauptfigur benennen, aber wahrscheinlich ist das die treudoofe Seele Dwight (Josh Brolin), die von der Film-Noir-Wiedergeburt Ava (Eva Green) um den Finger gewickelt und dann hereingelegt wird. Er ist der unglücklich Verliebte aus „Flugzeuge im Bauch“. Aber es ist bleibt so egal wie die Fassung von Oli P. von dem Lied, es geht nicht ans Herz wie die Geschichte von Cop und Stripperin aus dem ersten Teil. Die beiden sind wieder dabei, Bruce Willis spielt einen Toten, der seiner Ex-Freundin (Jessica Alba) immer wieder erscheint. Das ist ein netter Gag, aber man hat genug Zeit als Zuschauer, auch die Einstellungen daraufhin zu überprüfen, ob die auch aus „The Sixth Sense“ kopiert wurden, weil man emotional einfach gar nicht gefordert ist. Es tauchen noch viel mehr interessante Schauspieler auf, aber sie sind einfach als ironische Referenz zu verstehen. So wie aus einer wissenschaftlichen Arbeit kein Meisterwerk wird, wenn die Verweise stimmen, so ist es auch bei diesem Film, der den Mythos Sin City gründlich zerstört.

Als eine der parallel erzählten „Geschichten“ zu Ende geht, so nach 75 Minuten, freute mich schon auf das bevorstehende Ende. Aber da war noch was – Eva Green muss auch noch dran glauben.

TL;DR

Wer den ersten Film mochte, sollte ihn sich noch mal ansehen. Der zweite Teil zerstört bloß den guten Eindruck.

1,5 von 5 Blutfontänen

Erste Sätze, auch im Journalismus

Drüben beim Blog Lieblingssätze von Journalist/Autor Bernhard Blöchl, übrigens ein ganz netter Typ und für diese Kombination beinahe schon Slashie-verdächtig, gibt es eine Rubrik „Erste Sätze“, in der er die Anfangssätze von Romanen sammelt, die er im Blogpost danach dann bespricht. Eine tolle Sache, der ich natürlich Hommage erweisen musste.

Erst einmal ist natürlich alles, was dieser Blöchl schreibt, schön, wahr und richtig und unbedingt zu empfehlen. Und zweitens gibt es das wohl auch im Journalismus:

Star Wars: Why Is the Force Still With Us? – The New Yorker: „The biannual Star Wars Summit Meeting is an opportunity for the licensees who make Darth Vader masks and thirty-six-inch sculpted Yoda collectibles to trade strategy and say ‘May the Force be with you’ to the retailers from F.A.O. Schwarz and Target who sell the stuff, and for everyone in the far-flung Star Wars universe to get a better sense of ‘how deeply the brand has penetrated into the culture,’ in the words of one licensee.“

(Via.)

Was folgt, ist ein Text, der vom Empfehlungsmechanismus bei newyorker.com nach dem Tode von Carrie Fisher nach oben gespült wurde. Lesenswert. Wie sich Geschäftsleute, die Yoda-Toilettendeckel herstellen, daran berauschen, dass die Macht mit ihnen sei.

Opernkritik „Hänsel und Gretel“, Kinderoper in München

Die erste Reaktion meines Sohnes auf die Geschichte von „Hänsel und Gretel“ war eigentlich richtig: „WAS?“

Seine zweite war folgerichtig: „Und essen die dann auch die Hexe?“

So kenne ich die Geschichte nicht so ganz, aber ich kannte bis zum Opernbesuch auch nur die Grimm’sche Fassung. Die geht so:

Da gab ihr Gretel einen Stoß, dass sie weit hineinfuhr, machte die eiserne Tür zu und schob den Riegel vor. Hu! Da fing sie an zu heulen, ganz grauselich; aber Gretel lief fort, und die gottlose Hexe musste elendiglich verbrennen.

(Behutsam an neue Rechtschreibung angepasst, d. Red.)

Over the top, into the oven

In München geht sie in Flammen auf, in bunten, klopft gegen die Tür, macht Grimassen. Mich schaudert es eh, schon von der Musik. Die Inszenierung von Richard Jones sparte nicht an Drastik. Aber der Reihe nach.

Bei der Kinderoper im Nationaltheater in München, wo wir zum ersten Mal bei einer Familienvorstellung waren, sahen wir das bekannteste Werk von Engelbert Humperdinck – also dem ersten Musiker diesen Namens. Der war romantischer Komponist, nicht Romantikschmusesänger. Humperdinck war ein Nachgänger von Wagner, hat sogar zeitweise als sein Assistent gearbeitet, und Richard Strauss hat „Hänsel und Gretel“ uraufgeführt. Die beiden, Strauss und Humperdinck, waren in den Premierenvorbereitungen in sehr enger Korrespondenz.

Das alles weiß ich nicht so, sondern ich habe es in der Pause und auf der Heimfahrt dem sehr, sehr guten Programmbuch entnommen. Nach Weihnachten kommt man sofort darauf, was für ein Material die Opernmacher für den Bucheinschlag hergenommen haben: Es ist Backpapier. Passt ganz gut zur Knusperhexe. Die hat nämlich die perfekte Küche für eine Backaktion. Wenn sie nicht so gern Kinder in den Ofen stecken würde.

Hänsel und Gretel wären heute auf Hartz IV

Ich versuche die Geschichte mal auf eine zeitgemäße Art und Weise zu erzählen. Hänsel und Gretel gehören zum vorindustriellen Proletariat. Sie müssen eigentlich Besen binden für Mama und Papa. Der verkauft als Vertreter auf den Märkten der Gegend verschiedene Sorten Besen, und das läuft mal besser und mal schlechter, Handgestricktes ist auch dabei.

Als die Kinder mal einen Tag lieber gespielt als Besen geknüpft und Socken gestrickt haben, kommt die Mama heim und schimpft. Die Milch haben sie auch noch leer getrunken, also ab in den Wald. Der Wald ist die stille Treppe dieser Kinder, dort sollen sie Erdbeeren sammeln, also wohl wilde Erdbeeren. Kaum ist der Papa heim, angetrunken und auch berauscht vom Verkaufserfolg des Tages, kehrt die Einsicht ein: Oh, die beiden Kinder sind in der Dämmerung allein im Wald, der zu der Knusperhexe führt. Die Sorge wird größer, die Eltern machen sich auf den Weg. Doch die Kinder sind nicht zu finden, erst am nächsten Morgen, als sie die Hexe in den Ofen geschoben haben. Da ist viel Ertüchtigung dabei, aber Echos von Natascha Kampusch gibt es bei mir im Kopf auch.

Die gruseligen Details der Geschichte erinnern an einen Splatterfilm, und so wird das auch in München im großen Haus inszeniert. Die Hexe hat ja eine Vorgeschichte als Kindermörderin, und so finden im großen Finale auch die Lebkuchenkinder aus der Vorratskammer, dem Kühlschrank und den Küchenschränken wieder zurück den Weg ins Leben.

Kinder verkraften ja viel mehr, als man denkt. Allein die Zwischenvorhänge, alle großflächig bemalt, hätten zarte Gemüter durchaus schädigen können. Sehr nah ist die Bildsprache an den Motiven, die man aus dem Horrorgenre im Kino kennt. Viel davon lässt sich szenisch auf der Bühne nicht darstellen, da greift man auch im Theater zu Tricks. Etwa, wenn aus den Lebkuchenkindern echte Kinder des Münchner Opernchors werden – Vorhang und Schnitt. Oder die Baummenschen, die den Wald im Traum von Hänsel und Gretel darstellen sollen – eindeutig ein Fantasiewesen, oder auch die 14 Köche in Gummimasken. Alles sehr gruselig, und manche Kinder weinten oder bevorzugten den elterlichen Schoß gegenüber der Sitzerhöhung, die es gegen Pfand auch gibt, und von der man auch in der ersten Reihe in den Rängen und Balkonen mehr als eine bräuchte.

Manche Momente sind auch Schock gebürstet, andere ausgesprochen bieder. So richtig aus einem Tortenguss ist die Inszenierung nicht. Eher viel Standard, mit ein paar Tupfern aus der Inszenierungs-Tube. Beim Backen ist das wohl eher die Spritztüte mit dem Blutzuckerguss, um im Bild zu bleiben. Das ist aber glücklicherweise den Kindern egal, die sich vielleicht fragen, warum das Orchester gar so laut ist. Das hat schon Strauss kritisiert, und es muss wohl in der Urfassung noch mehr so gewesen sein.

Filmkritik „Looper“

Filmkritiken über Zeitreisenfilme wie „Looper“ sind schwierig. Zu leicht ist man in Versuchung, einige der Sprünge durch die Zeit vorwegzunehmen. Spoiler sind kaum zu vermeiden. Bei einem arglosen, sinnlosen und wertlosen Film wie „Jumper“ mag das noch angehen, bei „Primer“ wäre das sträflich. „Interstellar“ habe ich noch nicht gesehen. Der ist einfach zu lang für einen elterlichen Filmabend auf der Couch mit einer schlafverträglichen Zubettgehzeit.

(Warum müssen diese Filme eigentlich alle auf -er oder -ar enden?)

Was in anderen Sci-Fi-Filmen mit Texttafeln erledigt wird, wird in „Looper“ durch ein Voiceover der Hauptfigur gemacht – das Setup. (Ich liebe Expositionen, und vor allem so schnörkellose wie hier.) Joseph Gordon-Levitt spielt den Looper Joe und erklärt, was Looper so tun.

Was ist ein „Looper“?

Looper sind Handlanger von Gangstern der Zukunft. Spät im 21. Jahrhundert werden Zeitreisen möglich. Aber sie werden auch gleich wieder verboten. In gut zu filmenden, leer stehenden Warenhäusern betreiben Gangster die aber wieder. Es ist angeblich unmöglich geworden, jemanden in der Zukunft zu töten, ohne vom Staat dafür belangt zu werden. Aber Gegner kann man immer noch in kühltruhengroße Geräte stecken und 30 Jahre zurück schicken. Dann nimmt sie jemand wie Joe in Empfang, verpasst ihnen eins mit der Schrotflinte und entsorgt die Leiche.

Auch Gangster haben einen Kodex. Der Stumpfheit des Tuns entflieht man mit schnellem Sex, schnellem Geld und leicht verfügbaren Drogen. Das ist in „Goodfellas“ so, in „Gangs of New York“, in „Legend“.

Irgendwann packt dann den Verbrecher das Gewissen, so will das die Moral des Zuschauers. Das Syndikat sieht das kommen, wahrscheinlich gibt es auch dafür RFID-Chips unter der Haut oder etwas Entsprechendes. Und dann wird der Vertrag beendet: Der Looper muss sein zukünftiges Ich umbringen. Auch in der Zukunft ist Auftragskiller also ein Beruf mit einer kurzen Lebenserwartung. Aber sie haben die Rechnung ohne Joe gemacht, also ohne das ältere Ich von Joe, das Bruce Willis spielt.

Zeitreisenfilme sind noch mehr als andere Genres darauf angewiesen, dass man über seinen eigenen Unglauben hinwegspringt („Suspension of disbelief“). Das schafft „Looper“ mühelos, und das liegt auch an der hochkarätigen Besetzung. Gordon-Levitt hat in den Interviews zum Fi,start viel darüber erzählt, wie er sich darauf vorbereitet hat, den großen Willis in jung zu spielen. Wenn sich die beiden Joes begegnen, und das müssen sie, sonst gäbe es nicht die volle Zeitmaschinenpunktzahl, setzen sie sich gegenüber, extreme Close-ups auf die Augen und sie sind dann sehr pragmatisch. Kein Gelaber von den endlosen philosophischen Verwicklungen – die sind kein gutes Kinos. Das hat Autor und Regisseur Rian Johnston ganz richtig erkannt. (Oft geraten diese Erklärszenen ungefähr so filmisch wie das Gekritzel von Russell Crowe auf einer durchsichtigen Wand wie in „A Beautiful Mind“. Man fragt sich die ganze Zeit, wie man das gedreht hat und warum er eine Glastafel in seinem Büro hat. Damit wird die ganze Illusion gesprengt.)

Der Film hat so manche Schwächen, etwa wenn er Emily Blunt, die starke Farmerin als in der Sonne liegendes Sexsymbol mit sexy Schweiß ausstellt. Das muss nicht sein, sie ist auch so das Herz des Films. Oder die Nasenprothese, die Joe jung tragen muss, um mehr so auszusehen wie Joe alt. Die hält davon ab, ihn als Figur ernst zu nehmen – das muss aber nicht sein, wie man an der Nase von Nicole Kidman alias Virginia Woolf in „The Hours“ gesehen hat. Bruce Willis bekommt einen Signature Move mit Maschinenpistolen, das ist augenzwinkernd gemeint, sprengt aber den Rahmen des Films. Wie so oft in Autorenfilmen ist hier nicht noch einmal der Regisseur glättend über das Material gegangen. Manchmal ist das gut so, diese Momente stören in dem ansonsten ansprechenden Film.

TL;DR

Wenn Zukunft und Gegenwart zusammenkommen, entdeckst du ganz neue Seiten an dir, Looper Joe.

4 von 5 Silberbarren.