Opernkritik „Hänsel und Gretel“, Kinderoper in München

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Musik
Die erste Reaktion meines Sohnes auf die Geschichte von „Hänsel und Gretel“ war eigentlich richtig: „WAS?“

Seine zweite war folgerichtig: „Und essen die dann auch die Hexe?“

So kenne ich die Geschichte nicht so ganz, aber ich kannte bis zum Opernbesuch auch nur die Grimm’sche Fassung. Die geht so:

Da gab ihr Gretel einen Stoß, dass sie weit hineinfuhr, machte die eiserne Tür zu und schob den Riegel vor. Hu! Da fing sie an zu heulen, ganz grauselich; aber Gretel lief fort, und die gottlose Hexe musste elendiglich verbrennen.

(Behutsam an neue Rechtschreibung angepasst, d. Red.)

Over the top, into the oven

In München geht sie in Flammen auf, in bunten, klopft gegen die Tür, macht Grimassen. Mich schaudert es eh, schon von der Musik. Die Inszenierung von Richard Jones sparte nicht an Drastik. Aber der Reihe nach.

Bei der Kinderoper im Nationaltheater in München, wo wir zum ersten Mal bei einer Familienvorstellung waren, sahen wir das bekannteste Werk von Engelbert Humperdinck – also dem ersten Musiker diesen Namens. Der war romantischer Komponist, nicht Romantikschmusesänger. Humperdinck war ein Nachgänger von Wagner, hat sogar zeitweise als sein Assistent gearbeitet, und Richard Strauss hat „Hänsel und Gretel“ uraufgeführt. Die beiden, Strauss und Humperdinck, waren in den Premierenvorbereitungen in sehr enger Korrespondenz.

Das alles weiß ich nicht so, sondern ich habe es in der Pause und auf der Heimfahrt dem sehr, sehr guten Programmbuch entnommen. Nach Weihnachten kommt man sofort darauf, was für ein Material die Opernmacher für den Bucheinschlag hergenommen haben: Es ist Backpapier. Passt ganz gut zur Knusperhexe. Die hat nämlich die perfekte Küche für eine Backaktion. Wenn sie nicht so gern Kinder in den Ofen stecken würde.

Hänsel und Gretel wären heute auf Hartz IV

Ich versuche die Geschichte mal auf eine zeitgemäße Art und Weise zu erzählen. Hänsel und Gretel gehören zum vorindustriellen Proletariat. Sie müssen eigentlich Besen binden für Mama und Papa. Der verkauft als Vertreter auf den Märkten der Gegend verschiedene Sorten Besen, und das läuft mal besser und mal schlechter, Handgestricktes ist auch dabei.

Als die Kinder mal einen Tag lieber gespielt als Besen geknüpft und Socken gestrickt haben, kommt die Mama heim und schimpft. Die Milch haben sie auch noch leer getrunken, also ab in den Wald. Der Wald ist die stille Treppe dieser Kinder, dort sollen sie Erdbeeren sammeln, also wohl wilde Erdbeeren. Kaum ist der Papa heim, angetrunken und auch berauscht vom Verkaufserfolg des Tages, kehrt die Einsicht ein: Oh, die beiden Kinder sind in der Dämmerung allein im Wald, der zu der Knusperhexe führt. Die Sorge wird größer, die Eltern machen sich auf den Weg. Doch die Kinder sind nicht zu finden, erst am nächsten Morgen, als sie die Hexe in den Ofen geschoben haben. Da ist viel Ertüchtigung dabei, aber Echos von Natascha Kampusch gibt es bei mir im Kopf auch.

Die gruseligen Details der Geschichte erinnern an einen Splatterfilm, und so wird das auch in München im großen Haus inszeniert. Die Hexe hat ja eine Vorgeschichte als Kindermörderin, und so finden im großen Finale auch die Lebkuchenkinder aus der Vorratskammer, dem Kühlschrank und den Küchenschränken wieder zurück den Weg ins Leben.

Kinder verkraften ja viel mehr, als man denkt. Allein die Zwischenvorhänge, alle großflächig bemalt, hätten zarte Gemüter durchaus schädigen können. Sehr nah ist die Bildsprache an den Motiven, die man aus dem Horrorgenre im Kino kennt. Viel davon lässt sich szenisch auf der Bühne nicht darstellen, da greift man auch im Theater zu Tricks. Etwa, wenn aus den Lebkuchenkindern echte Kinder des Münchner Opernchors werden – Vorhang und Schnitt. Oder die Baummenschen, die den Wald im Traum von Hänsel und Gretel darstellen sollen – eindeutig ein Fantasiewesen, oder auch die 14 Köche in Gummimasken. Alles sehr gruselig, und manche Kinder weinten oder bevorzugten den elterlichen Schoß gegenüber der Sitzerhöhung, die es gegen Pfand auch gibt, und von der man auch in der ersten Reihe in den Rängen und Balkonen mehr als eine bräuchte.

Manche Momente sind auch Schock gebürstet, andere ausgesprochen bieder. So richtig aus einem Tortenguss ist die Inszenierung nicht. Eher viel Standard, mit ein paar Tupfern aus der Inszenierungs-Tube. Beim Backen ist das wohl eher die Spritztüte mit dem Blutzuckerguss, um im Bild zu bleiben. Das ist aber glücklicherweise den Kindern egal, die sich vielleicht fragen, warum das Orchester gar so laut ist. Das hat schon Strauss kritisiert, und es muss wohl in der Urfassung noch mehr so gewesen sein.

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