Filmkritik „Robot & Frank“

Schreibe einen Kommentar
Film
Apropos „Robot & Frank“: Über Filmtitel lohnt es sich im Deutschen in der Regel nicht, länger nachzudenken. Ich meine auch nicht den deutschen Nachsatz, der wie alle Filmtitelnachsätze vollkommen verzichtbar, beinahe geschmacklos ist: „Zwei diebische Komplizen“. Das ist noch nicht ganz im „Völlig unverfroren“-Terrain, hat aber schon nach Wohnungen in diesem Sprachgebiet gesucht. „Robot & Frank“ – das gesteht dem titelgebenden Roboter eine Rolle zu. Und zwar eine wichtige. Der sieht ein bisschen so aus wie die Pflegeroboter, die man aus Japan kennt. Genug an Knuddeligkeit, und was ich besonders charmant finde, auch von einem Darsteller mit Kostüm gespielt – im Abspann taucht die Rolle des Roboter-Darstellers auf. Die Stimme leiht ihm eh ein gestandener Schauspieler, an dem man seine Knautschigkeit mag: Peter Sarsgaard. Ich bin auch für einen Oscar für Voice Acting, im Übrigen. Wenn die Rubrik der animierten Filme auch immer größer wird.

Frank (der ausgerechnet auch von einem Frank gespielt, Frank Langella, den wir auch als Nixon schon gesehen haben) vergisst immer mehr. Er lebt noch allein, er steht eigentlich kurz vor der nächsten Pflegestufe. Er braucht Hilfe. Sein Haushalt verwahrlost. Der Sohn (James Marsden) wohnt weit weg, versucht sich zu kümmern und dreht dann im Streit durch. Die Tochter (Liv Tyler) führt ein Leben als Digitalnomade und ist nur mehr eine Telepräsenz für ihren Vater. Das ist dem ganz recht, da kann er seine Fassade aufrechterhalten. Am Sohn bleibt der Großteil der Pflege hängen. Der ist ein Helikopter-Sohn, arbeitet viel, hat selbst Familie, fliegt mit dem Auto ein, kümmert sich, flattert im Streit wieder davon. Wahrscheinlich sind sich die beiden zu ähnlich.

Frank hat vergessen, welche Restaurants noch geöffnet sind in seiner Heimatstadt. Und bald geht ihm auch die wichtigste Anlaufstelle verloren, die er noch hat: die Bücherei. Dort arbeitet die reizende Bibliothekarin (Susan Sarandon), der er nachstellt. Dafür plant er die Wiederaufnahme seines alten Berufes: Er war Juwelendieb. Jetzt will er ihr ein Juwel von einem Buch aus der Bücherei klauen. Als Geschenk. Denn die Bücherei soll geschlossen werden, alle Bücher wurden längst digitalisiert. Doch damit kann Frank nix anfangen. Der Coup soll ihm das Herz der Bibliothekarin öffnen. Mit dem Roboter plant er den Diebstahl.

Spoiler für „Robot & Frank“

Wie man sich das nach dieser Vorgeschichte denken kann, stellt der Film die großen Fragen: Was heißt es eigentlich, ein Mensch zu sein? Ist das eigentlich so in Stein gemeißelt, wie wir denken? Wie ist das, wenn sich ein Mensch, den wir zu glauben kennen, auflöst, weil sich seine Erinnerung auflöst? Ist das dann der gleiche Mensch? (Nein.) Wie gehen wir damit um? (Schlecht.)

All das sind entscheidende Fragen in Gesellschaften wie unseren westlichen, die immer älter werden, weil die Lebenserwartung jedes Jahr beharrlich um einige Monate steigt. Und in Gesellschaften, in denen jetzt schon nicht genug Menschen die Pflege anderer Menschen übernehmen wollen. In der U-Bahn in München gibt es genauso viele Plakate für Stellenausschreibungen für Pflegekräfte wie für Entwickler. Sicher nur ein Indiz, aber der Markt ist leergefegt. Die Geschichten von treu sorgenden polnischen Einwanderinnen, die zwar illegal beschäftigt werden, wurden bereits erzählt. Für viele Familien mit Intensivpflegefällen sind sie die einzige Rettung.

So weit ist Frank noch nicht, ihm bleiben noch einige seiner Eigenschaften. Aber die Symptome werden schlimmer. Seine Aussetzer im Erinnern werden mehr, er wird unordentlicher. Der Roboter kam fast schon zu spät. Und der Roboter, der nur den einen Zweck hat, hält uns Angehörigen den Spiegel vor: Wie wirst du mit der Pflegesituation deiner Eltern umgehen? Bist du darauf vorbereitet, wenn sich dein Gegenüber nicht dankbar verhält? (Nein.)

Wer schon einmal erlebt hat, wie aus dem Körper eines geliebten Menschen dessen Geist schwindet, den trifft der so leichte und lockere Filme doppelt. Deshalb habe ich jetzt auch einige Zeit nicht darüber schreiben können, obwohl er so viel in mir zum Schwingen gebracht hat. Er stellt die Fragen, die sich Mittdreißiger bis Mittvierziger stellen sollten. Auch wenn sie sich hoffentlich noch ganz lange Zeit nicht stellen, weil wir natürlich alle gesunde Eltern haben.

TL;DR

Bei Filmkritiken sind die falschen Anführungszeichen in Calypso wirklich nervig. Der Film ist aber toll.

4 von 5 Büchern

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.