Schleifen kommen nicht an den Baum. Symbolbild. Foto: Picjumbo

Weihnachten kann man auch einfach nur anstrengend finden

Weihnachten für die Kinder gestalten

Auf einmal bist du auf der anderen Seite der Wohnzimmertür. Der geschmückte Baum sieht erst mal aus wie ein paar Äste in ein Rollbratenkostüm gesteckt. Wo ist der Ständer? Oh, die Lichterkette hat wieder ein paar ausgebrannte Lichter? Wo ist eigentlich Prime Now (und ich meine an allen Tagen!) auf dem Land, wenn man es braucht? Ui, der piekst dieses Jahr mal wieder. Unter Stress entstehen Diamanten – und flackernde Augenlider, Tinnitus und Herpes.

Weihnachten egal finden – mit Tendenz zu nervig

Es geht ja noch weiter mit der Erwachsenwerdung. Das ist kein Schalter von 0 auf 1, der umgelegt wird. Von der kindlichen Freude über das perfekte Geschenk kann man sich noch weiter entfernen. Bei mir ist es so weit, dass ich mir die besten Geschenke eh nur selbst machen kann. Ich weiß, was ich will, und auch mein Amazon-Wunschzettel. Aber da schaut ja das Christkind auch seit Jahrzehnten nicht mehr drauf.

Diese Langeweile: Man kann an Weihnachten nix Gescheites machen. Der Heiligabend geht nicht vorbei, die Kinder sind viel zu aufgeregt für einen Mittagsschlaf. Die Läden haben am Mittag geschlossen. Sogar der DHL-Mann kommt nach 12 eher nicht mehr vorbei. Dann sind fünf Stunden, eher mehr, bis zum Festbraten, den keiner anrührt, weil er sich schon an Plätzchen sattgefressen hat. Dann wird ausgepackt.

Lange Gesichter, weil nicht alle Wünsche erfüllt wurden oder weil Frechheiten verschenkt wurden. Alle betrinken sich mit Glühwein oder Kinderpunsch. Um 21 Uhr brechen die Ältesten zur Mette auf. Alle anderen schlüpfen in die Betten. Am Feiertag geht es um sechs Uhr weiter. Die Spielzeuge erwarten, beschäftigt zu werden.

Ja, Weihnachten ist auch schön, aber darüber gibt es schon genug im Netz. Und über unreflektierte Weihnachtshasser auch.

Wie ich an Weihnachten merkte, dass ich seit langem erwachsen bin

Dass ich jetzt wirklich erwachsen bin, merkte ich im Büro. Im Büro merkt man ja wirklich viel, auch, was man nicht ist. Bei ProSieben, entschuldigt, liebe Ex-Kollegen, waren es die Berufsjugendlichen, mit denen ich nix anfangen konnte. Immer gut gelaunt, Sneaker, so grau oder karg die Haare auch wurden. Was machen eigentlich alte Menschen bei einem Privatsender? Das scheint ja auch der CEO des DAX-Konzerns zu denken, so hat er ja seinen Abschied angekündigt.

Mit einem Alter von dann 60 Jahren, glaube er, sollte man kein Medienunternehmen mehr leiten, so der Manager zur Begründung.

Jetzt, im Startup, habe ich noch jüngere Kollegen. Zeit für ein bisschen Introspektion – und weil Weihnachten ist: Ein Kind zu bekommen, hat mich erwachsen werden lassen. Da gibt es auch ganz tolle Essays von werdenden und gewordenen Vätern dazu.

Rückblickend glaube ich, ging das aber eher los. Ich mache mehrere Punkte des Erwachsenwerdens aus. Der letzte Punkt ist: dass man an Weihnachten nicht mehr nach Hause fährt, sondern zu Hause bleibt. Aber der Reihe nach.

Flügge werden

Von zu Hause ausziehen ist ein großer Schritt. Nicht nur ist die Formulierung grammatikalisch interessant, „leaving home“ ist irgendwie knapper auf Englisch. Auch der Umzug selbst. Ich habe dabei alle Fehler gemacht, die man so machen konnte. Einer war, die Kisten erst am Umzugstag zu packen. Traut man mir heute gar nicht mehr zu, war aber so. Damals fühlte ich mich sehr erwachsen. War ich aber nicht. Mein Chaos fand jetzt nur woanders statt.

Die Wäsche selbst machen

Man sollte meinen, dass dieser Schritt zum ersten dazu gehört. Aber so ist es nicht überall. Gründe gibt es viele. Man stellt sich dumm an. Mutti traut einem das noch nicht zu. Mutti will nicht loslassen. Vor allem bei Männern, so hört man. Ausreden gibt es übrigens noch mehr: die Waschmaschine im Wohnheim, die Diebstähle aus dem Waschraum.

Ein Kind bekommen

Hier ist also der Auslöser für den Post. Das ist jetzt so lange her, dass ich zum ersten Mal Vater wurde, dass ich mich beinahe kaum erinnere. Aber dieses Gefühl, dass dieser Mensch mit so kleinen Händen und so kleinem Alles das Größte ist, für was du je sorgen musst – es war sofort da. Es geht auch nicht mehr weg. Es wird bloß überlagert von all den kleinen Dingen, die den Blick auf das Wesentliche verstellen. Elternliebe überdauert alles und ist größer als fast alles auf dieser Welt.

Weihnachten daheim bleiben: Erwachsen

Die Tickets werden 92 Tage vorher gebucht. Mit dem Zug geht es heim. Businesskasper fliegen Air Berlin nach Posemuckel, hier kann man noch eher die e-Tickets zum Schnäppchenpreis buchen. Die Schwaben verlassen den Prenzlberg, weil bei Muttern futtern den Kerosingestank wett macht. Erst flogen die Gänse in den Topf, dann die Wamse den Gänsen hinterher,  um sie in den Wams zu stopfen. Wo ich bin, ist jetzt meine Familie. Also müssen wir der Familie nicht mehr hinterher reisen.

Wenn ich groß bin, schreibe ich ein Buch

Seit langem hege ich einen Kinder-Wunsch. Äh, einen Kinder-Buch-Wunsch. Wenn ich schon keine Yoga-DVD veröffentlichen kann (wegen amtlicher Unsportlichkeit und mangelnder Bekanntheit), dann den anderen Weg zum Bestsellerregal: Kinderbücher. Madonna hat es gemacht, Ralf Bauer bestimmt auch.

Seit meine Jungs alt genug dafür sind, komme ich aus dem Lesen von Kinderbüchern nicht heraus. Da geht es um eher sachliche Zusammenhänge. Dort finde ich, fehlt noch viel von der echten Welt. Was macht eigentlich ein Projektmanager? Ich glaube also, ich habe Erfahrung mit dem Stoff. Und ich bin Zielgruppe.

Das ist eine fixe Idee geworden, und so schaue ich ab und an nach Illustratoren bei einem der gängigen Marktplätze für Design, die mir gefallen könnten. Immerhin ist die Idee jetzt mit einem Blogpost in der Welt. Vielleicht kann sich das ja so verselbständigen.

Fixe Ideen führen bei mir schon auch zu Domain-Käufen. Für ein paar Bücher habe ich mir bereits die Domains gesichert. Fehlt eigentlich nur noch das pädagogische Konzept. Oder braucht man das nicht als Kinderbuchautor?

Opernrezension: „Die Feenkönigin für Kinder“ bei den Salzburger Festspielen

Seit einigen Jahren, Jahrzehnten bei den größeren Institutionen wie der Oper Köln, geben sich die Macher im Musiktheater Mühe, das Durchschnittsalter der Musikliebhaber zu senken. Sehr weiß oder sehr kahl sind die Häupter derer, die Musik lieben. Sagt der Volksmund. Ich habe mir mal die Statistiken angesehen. Das heißt, das wollte ich.

Über die Sozialstruktur der deutschen Opernbesucher gibt es aber nur wenige empirische Untersuchungen. Eine Zuschauerbefragung des Soziologen Karl-Heinz Reuband in Köln und Düsseldorf (sehr punktuell, eher eine Stichprobe, der Blogger) ergab wenig überraschend, dass ein hohes Bildungsniveau viel stärker mit der Häufigkeit von Opernbesuchen zusammenhängt als ein hohes Einkommen – mit starken Abweichungen schon zwischen diesen beiden Städten.

In Deutschland gibt es sehr viele Opernhäuser, erklärt die FAZ:

 An 84 Häusern in 81 Städten treten hierzulande regelmäßig festengagierte Opernensembles auf – mehr als in jedem anderen Land auf der Welt.

Da wird es Zeit für eine Erneuerungsinitiative. Schule und Eltern versagen großteils. Aber es gibt natürlich noch Eltern, etwa im klassischen Großbürgertum, die die Kinder mit in die Oper nehmen. (Irgendwie gehören wir auch dazu, auch wenn ich sicher nicht bürgerlich aufgewachsen bin.) Die zweitnächste Oper für uns ist die bei den Festspielen in Salzburg, der Stadt der absoluten Mozartvermarktung. Mozarthaus, Geburtshaus, Mozartkugel – alles voller Touristen. Purcell geht aber auch im Programm ganz gut. Ein voller Saal an einem heißen Samstagnachmittag in der großen Aula der Universität. Klimatisiert, mit toller Sicht und auch hochgelobter Akustik (kann ich jetzt nicht so bestätigen).

Die Feenkönigin für Kinder bedarf einer Einführung, und das macht die Musikpädagogin Monika Sigl-Radauer auch wirklich gut. Die fünf Euro pro Eintrittskarte sind beinahe besser investiert als die für die vollständige Aufführung. (Schade bloß, dass das Festival nicht auf der Website hinweist, dass man die Karten für die Einführung auch noch bezahlen muss. Das ist zwar für einen derartigen Kinder-Workshop preislich vollkommen angebracht. es ist schlicht ein Kommunikationsversagen auf der Seite, die man immer noch nicht responsive auf dem Smartphone bedienen kann. Im Jahr 2016. Aber die Agentur, die sie gebaut hat, baut ihre eigene Site noch mit Tables. Egal, ich schweife ab.)

Salzburger Festspiele 2016:  Kinderworkshops „Spiel und Spaß mit Henry Purcell" Foto: Andreas Kolarik, 27..07.16 (Salzburger Festspiele / Andreas Kolarik)

Salzburger Festspiele 2016: Kinderworkshops „Spiel und Spaß mit Henry Purcell“ Foto: Andreas Kolarik, 27.07.16 (Salzburger Festspiele / Andreas Kolarik)

Bei der Einführung spielt ein Pianist ein paar Motive selbst auf dem Klavier oder von der CD ein, und die Kinder werden teilweise verkleidet und dürfen Textzeilen deklamieren, durch den ganzen Saal laufen und auch tanzen. Das war bezaubernd, und uns hätte das auch fast gereicht.

Jetzt aber zur Hauptsache, der einstündigen, extrem reduzierten Version von Purcells Feenkönigin, die auf Deutsch vorgetragen wird. Das ist toll, scheitert nur manchmal daran, dass Deutsch als Fremdsprache für Opernsänger auch nicht die Sache leichter macht. Es soll zwar phonetisch Deutsch sein, aber mein Sohn hat nicht viel verstanden. Übertitel hätten auch nix gebracht, er kann noch nicht lesen.

Die Geschichte von Oberon und Titania dürfte vielen Kindern bekannt vorkommen. Mama und Papa lieben sich zwar, streiten sich aber auch. Und ihr Diener muss es ausbaden. Manservant Puck kriegt erst den Auftrag, Titania zu verzaubern und dann muss er sie wieder vom Zauber befreien. Oberon bereut seine erste Aussage, muss eine widersprüchliche zweite machen. Hü-hott, wie bei vielen Eltern im Familienhotel.

Ich finde ja eine Titania gut, wenn man versteht, welche Anziehungskraft sie auf ihren Mann im Allgemeinen und Zettel im Besonderen hat. Das hat Nika Goric im Überfluss – die bildschöne und spielfreudige Sopranistin trägt die Vorstellung beinahe alleine. Wie so oft bleibt der ebenfalls gut aussehende Oberon-Darsteller dagegen blass. Die Identifikation findet mit den beiden Handwerkern statt.

Eine Stunde Spieldauer ist für die kleinen Opernbesucher perfekt – sie müssen nicht einmal so lange ruhig sitzen bleiben wie im Kino. Ein toller Nachmittag, den wir gern nächsten Sommer noch einmal mit einem anderen Stück wiederholen. Schön ist es auch, dass man die Busse und anderen Verkehrsmittel im Salzburger ÖPNV auch nutzen kann. Gemeinsam mit dem Bayernticket ist das dann günstiger als ein Ausflug über die volle A8 und das Parken in der Mönchsberggarage.

Wie ich eine Story über einen Vater-Sohn-Trip las, und dann machte es Klick

Identität, Zugehörigkeit. Das sind Themen, mit denen ich mich seit meiner Pubertät beschäftigt habe. Wer bin ich, und wenn ja, wie viele Rollen spiele ich? Auch wenn ich das Buch von Erfolgsphilosoph Richard Precht nicht gelesen habe, das Thema bewegt mich. In der Schule fühlte ich mich oft allein, erst im Studium fand ich Freunde, die so waren wie ich. Einen davon durfte ich vor kurzem als Trauzeuge begleiten. 20 Jahre später.

Das berührte mich, als ich das Porträt eines Modeverrückten durch seinen Vater las. Von allen Orten ausgerechnet bei GQ. Kaum irgendwo sonst fühle ich mich mentalitätsmäßig weniger daheim, zumindest bei der deutschen GQ. Die amerikanische hat auch mal große Geschichten. Sein liebenswertes Stück schließt mit folgendem Dialog:

My Son, The Prince Of Fashion | GQ: „‘You were with your people. You found them,’ I said.

He nodded.

‘That’s good,’ I said. ‘You’re early.’“

(Via.)

Natürlich ist das kalkulierte Werbung für seinen neuen Roman. Michael Chabon hat eins meiner Lieblingsbücher geschrieben, das mittlerweile auch schon 15 Jahre alt ist. Egal. Es ist eine tolle Liebeserklärung an seinen Sohn, und auch eine gute Zusammenfassung des Erwachsenwerdens – was eines von Chabons Themen ist. Wonder Boys, einer der besten Filme der Jahrtausendwende, erzählt auch von Wunderkindern – ehemaligen und angehenden. Kongenial von Curtis Hanson verfilmt. 

Produkte, die ich nutze (4): UE Boom

Auf der Fahrt in den Sommerurlaub kommt sie wieder richtig ins Schwitzen, die kleine schwarze Röhre, die mit einem Zugband am Fahrersitz befestigt ist: der Bluetooth-Lautsprecher UE Boom. Das ist eine (etwas coolere) Nebenmarke von Logitech, unter der der Maushersteller Audio-Equipment auf den Markt bringt. Für uns ist das eine autarke Ergänzung izum CD-Player im Auto. Denn welcher Fahrer möchtest schon bei langen Autobahnfahrten die ganze Zeit die Eiskönigin hören. Das schöne an dem mobilen Lautsprecher ist: Der Ton wird nach hinten abgegeben, damit sind die kleinen Beifahrer auf der Rückbank zufrieden und der Fahrer kann sich auf die Autobahn konzentrieren. Das ist besonders dann eine große Errungenschaft wenn es urlaubsüblich in den Stop-and-go-Verkehr geht.

Inzwischen gibt es das Modell, das wir im Auto hängen haben in einer neueren Ausgabe, aber das ändert nichts daran, dass man sich in einer Kategorie befindet, die man eher von den nervigen Jugendlichen im Freibad kennt. Dennoch ist sie sehr sinnvoll. Auf alle Fälle ist das etwa 100 Euro teure Gadget um ein Vielfaches günstiger als das Update auf das teurere Automodell, dass die Lautsprecher unterschiedlich ansteuern kann. Vorne Beethoven, hinten Bieber.

15 Stunden lang hält der Akku, sagt der Hersteller. Nach unserer Erfahrung reicht der länger. Und so lange ist bisher keine unsere Autofahrten gewesen. Wenn man den wieder auf dem Hotelzimmer auflädt, kommt man damit auch bequem wieder nach Hause. Im Alltagsbetrieb oder am Wochenende ist überhaupt kein Schwächerwerden des Akkus zu beobachten.

Alles in allem ein toller Kauf.

Ich bin bloß froh, dass der kleine Lautsprecher kein eigenes Audio-Profil von unserem Musikgeschmack anlegt – anders als dass die Zuspiel-App Spotify zum Beispiel macht, sonst würde ich mir an dieser Stelle noch ein digitales Stirnrunzeln vorstellen wollen. Ein Hoch auf die Profile von Netflix an dieser Stelle mal wieder.

Eine Möhre bitte!

Ich glaubte nicht an die inspirierende Wirkung von Kochvideos. Wer kocht sich schon ein Tasty-Tastify-Kitchen-Stories-Rezept nach, wenn er das nicht eh geplant hatte? 

Mein Sohn hat mich jetzt eines Besseren belehrt. Er hat eine Folge Shaun das Schaf sehen dürfen (S04E24), in der der Bauer und Shaun mit Joggen abnehmen wollen. Da füllen die Schafe den beiden ihren Vorratsschrank mit gesunden Sachen. Karotten waren dabei. Und was sagte mein Sohn? „Papa, schälst du mir eine Möhre?“ 

Aber sicher. 

(Foto: Gabriel Gurrola / Unsplash)

Intensiv Leben

Der Mensch kann sich an alles gewöhnen. Das ist eine bemerkenswerte Fähigkeit an unserer Spezies. Seit mehr als drei Wochen bin ich an jedem Tag auf der Intensivstation zu Besuch.

Du-du-du-du-duuu-du.

Pffff. Ffff. Ff. FF.

Tak, tak, tak.

Im Angehörigenseminar hatten sie uns gewarnt. „Es ist laut bei uns.“ Irgendwas ist immer. Jeder Patient wird von einer Vielzahl Maschinen versorgt. Mindestens ebenso viele Schläuche schlängeln sich ins Bett, unter der Bettdecke durch, in den Menschen rein. An guten Tagen fünf, an schlechten zehn. Etwas weniger Schläuche kommen raus.

Wirklich immer an sind die Displays. Jede Autowerkstatt wäre froh, wenn die Geräte so schnell eine Analyse zulassen würden. EKG, Sauerstoffsättigung, Blutdruck – das versteht der laienhafte Besucher noch. Es gibt noch viel mehr Kurven und Zahlen auf diesem kleinen Monitor. Niemand erklärt sie einem, kein Besucher fragt allzu genau nach.

Nicht immer kann der Besucher gleich rein in die Intensivstation. Man muss klingeln, und die Pfleger und Schwestern machen nur dann die Tür auf, wenn sie gerade Zeit dazu haben. Die Versorgung der Patienten geht vor. Zwischen dem Patienten und dem Besuch liegt keine Schleuse, kein Mundschutz. Nur ein Klingelkopf.

Zzzzzz. Pfff. Dann geht die automatische Tür auf.

Wenn die Tür erst mal geschlossen bleibt, packt dich irgendwann die Verzweiflung. Warum kann ich gerade nicht rein. Was machen sie nur da drin mit dem Patienten, zu dem du willst?

(Die Antworten sind meistens banal und nicht schlimm. Da wird das Zimmer geputzt, ein anderer Patient aus dem OP geholt, irgendwo sonst hat der Alarm angeschlagen.)

Die Zeit vor dem Besuch ist endlos. Die Sekunden streichen vorbei. Immer wieder betreten neue Mitarbeiter die Station. Schichtwechsel, Übergabe, es wird noch länger dauern. Die Zeit, die man sich für den Besuch genommen hat, eine Auszeit von der Arbeit, sie verstreicht mit Warten. Wie auf dem Amt, nur tausend Mal schlimmer.

Der gefürchtete Moment, einer von ihnen will ernsthaft reden, er kommt. Und er kommt genauso irreal wie im Kino. Der Mann im weißen Kittel kommt durch die Tür, zeigt kurz, nehmen sie doch Platz, und dann benutzt er weichgespülte Worte. Bis irgendwo das Wort mit dem rechten Haken kommt. Bevor du zu Boden sackst, baut er dich wieder auf. Das Gespräch selbst ist viel zu kurz, um es gleich zu realisieren. Das passiert erst nach dem Besuch. Dann, wenn keiner bei dir ist. Sonnenbrillen sind eine gute Erfindung.

Männer weinen heimlich.

Was beinahe neutral ist, ist der Geruch. Der typische Krankenhausgeruch fehlt fast völlig auf der Intensivstation. Ständig geht dieses Zisch-zisch des Desinfektionsmittelspenders. Die eigenen Hände natürlich auch.

 

Wie die Pfleger und Schwestern und Ärzte zusammenarbeiten, ist eine Lehre in Sachen Teamwork. Der eine spürt ganz klar, wenn der andere gerade Hilfe braucht. Die Putzkräfte wirbeln beinahe unsichtbar um sie herum und sorgen für eine blitzsaubere Umgebung, in der Mann und Frau gesund werden können. Der Geruch – nicht mal hier ist er. Sein Fehlen überrascht mich.

Die Patienten sind hier oftmals nicht sie selbst. Irgendwie fehlen sie hier auch als Menschen. Tief im Schlaf nach einer OP, bedingt durch starke Medikamente. Sie schrecken vor Schmerzen hoch, machen Dinge, an die sie sich hinterher nicht mehr erinnern können. Dafür wird minutiös Buch geführt. Die Patientenakte liegt immer auf einem Beistelltisch.

Wenn das in unser Leben eindringt, was wir nur aus der Fiktion kennen, verschieben sich Grenzen. Prioritäten werden gesetzt. Nur noch die ersten drei Punkte auf der mentalen Liste können erledigt werden. Und die Priorisierung fällt so leicht wie selten.

Beistehen im Krankenhaus. Die Familie beschützen. Alles andere zu seiner Zeit.

Schhhhhh. Schließt sich die Tür der Station. Bis morgen.