Schatten, Echos früherer Entscheidungen

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Arbeiten

Mein Jahresrückblick hat begonnen. Es ist Dezember, nix Außergewöhnliches. Aber auch der zum 40. Geburtstag. Den meine ich heute. Herbst macht sentimental, und Klassentreffen machen es auch. Vor allem unerwartete. 

Auf dem Vocer Innovation Day 2016 habe ich ein Panel mit Carsten Brosda, Staatsrat in der Hamburger Senatskanzlei, erlebt. Carsten kenne ich seit 23 Jahren. Das ist natürlich Quatsch. Ich kenne ihn nicht wirklich, und er wird mich auch überhaupt nicht kennen. Aber ich habe ihn in der Vorbereitung auf mein Austauschjahr als Oberstufenschüler in den USA kennengelernt. Und auf dem Vorbereitungswochenende war er mein Gruppenleiter. Glaube ich. Vielleicht auch beim Auswahlverfahren, das kann auch sein. Auf alle Fälle stimmt der Kontext.

Ich durfte ihn mit Sicherheit duzen. Daher nenne ich ihn jetzt den Carsten. Carsten ist gar nicht carstenhaft. Er kann immer noch beim Sprechen druckreifer formulieren als ich schreiben kann. Später habe ich ihn dann wiedergesehen an der Hochschule, wo ich studiert habe. Glaube ich. Nach mehr als zehn Jahren wird meine Erinnerung bruchstückhaft.

Seine Vita, mein Lebenslauf

Wie man seiner offiziellen Vita entnehmen kann und meinem Lebenslauf, haben wir beide in Dortmund an der damaligen Uni und heutigen TU Journalistik studiert. (Findet das eigentlich noch jemand sonst außer mir, dass Vita das größere Wort ist, das auf größere Biografien passt als die eigene?)

Warum erzähle ich von dieser zufälligen Begegnung? Weil sie in meine Rückblickstimmung passt, in der ich mich befinde. Auf der Hochzeit meines besten Freundes habe ich viele Menschen aus früheren Lebensphasen wiedergesehen, zu denen der Kontakt ein bisschen oder ganz eingeschlafen ist. Sie haben damals zum Beispiel schon Kinder gehabt, ich jetzt erst. Da entwickelt man sich auseinander. Schwangerschaftsstreifen sind genauso ein Ding beim Elternsein wie Intoleranz für Kindergeschichten – die ich auch berechtigt finde. Ich habe mit meinem Mittzwanziger Ich auch nix damit anfangen können.

Meine Frau hat ähnliche Wiedersehenserinnerungen, wenn wir in Urlaub fahren. Da ist unser Ziel meistens das Familienhotel, das aus dem kleinen Berghotel geworden ist, in das sie als Kind schon gefahren ist.

Türen öffnen sich

So öffnen sich Blicke in die Vergangenheit und lassen Erinnerungen wieder auferstehen, die lange verschüttet waren. Auf dem Klassentreffen Nummer 2 habe ich zwei ehemalige Vorgesetzte von mir wiedergetroffen. Direkte Chefs, Chefredakteure sogar. In meinem Kopf spiele ich dann die Möglichkeiten durch: Was wäre, wenn ich in ihren Redaktionen mich hätte durchsetzen können oder wollen? Mir fehlte damals viel, das weiß ich heute, und mit größerer Gelassenheit, als ich das für möglich gehalten hätte, kann ich das heute auch ertragen. Diese Niederlagen haben mich weitergebracht – so wie uns Niederlagen immer nach vorn treiben. Naja, mich halt. Weil: So funktioniere ich. Aus Siegen kann man nicht so viel lernen. Fragt mal den FC Bayern, warum das Double-Jahr von Borussia Dortmund genauso wichtig ist für die jüngere Vereinsgeschichte wie das Triple von Heynckes. 

Erst durch die Linse der Niederlage kann man oft kritische Pfade analysieren und bessere Weichenstellungen für die Zukunft vornehmen.

Als ich mein Diplom als Journalist in der Tasche hatte

Ja, es gibt sowas. Also nicht bloß Taschen, auch Diplom-Journalisten. Ich bin einer. Damals dachte ich, das war es jetzt also mit der Offenheit. Jetzt musst du dich entscheiden. Mit jeder Tür, durch die du jetzt gehst, so ging mein innerer Dialog, schließen sich andere. In den Flur des Lebens fällt dann weniger Licht. Die Gelegenheiten werden weniger.

Bullshit.

Wichtig ist doch, dass du in diesen Fluren ein paar Meter, Lebenskilometer gehst und Erfahrungen sammelst. Die machen schlaflose Nächte, Falten, aber auch klüger. Irgendwann kam ich dann an den Punkt, dass ich in dem Flur eine Wand aufbrach und hindurchstürmte. Und in dem anderen System bin ich seit 2008 tätig – als Produktentwickler im Mediensystem. Dort baue ich die Flure. Das ist das, was ich als den entscheidenden Unterschied zu meinem früheren Ich und meinem alten Denken begreife.

Dieses Denken habe ich auch auf dem Vocer Innovation Day 2016 in vielen Sessions mit Journalisten wieder gesehen. Ein Echo meiner alten Weltsicht. Wie kleine Labortiere machen sie die Experimente der Verleger und Businessmenschen mit. Aufbruch ist möglich. Heute, wo Medienproduktion sogar in Full HD kaum noch etwas kostet, sind die Verlage dabei, den neuen Plattformbetreibern beinahe ausgeliefert zu sein. 

 

 

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