Fall Hinz: Warum kommen Politik und Journalismus jetzt erst der Wahrheit auf die Spur?

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Journalismus

In einer Woche, in der es eine vollkommen unbekannte Bundestagsabgeordnete schafft, auf einmal von der Hinterbank ins Rampenlicht der Berliner Politikszene katapultiert zu werden, vom System verdaut zu werden und dann wieder irgendwo neben der A40 mental ohne Berufsperspektive ausgespuckt zu werden, muss ich mal wieder etwas journalismuskritischer werden. Erste Regel im Journalismus: Ist der lange Satz notwendig? Kannst du das nicht einfacher sagen? Probieren wir es, aber dann verlasse ich den heiligen Stehsatzboden des Leadsatzes. (Warum heißt es eigentlich Leadsatz und Lede auf Englisch? Aber ich schweife ab. Das ist übrigens der inoffizielle Titel meines Blogs: Abschweifungen über alles.)

Eine Bundestagsabgeordnete hat gelogen, bei ihrem Schulabschluss, ihrem Studium und ihrem Lebenslauf. Bei einem normalen Arbeitgeber wäre das die fristlose Kündigung gewesen. Und so hat Frau Petra Hinz auch gehalten. Sie legte ihr Mandat nieder. Wer hat es herausgefunden? Ein Journalist. Und veröffentlicht hat er es in einem nicht klassischen Onlinemagazin.

Wie konnte das sein? Ich glaube, es ist sowohl ein Politik- als auch Journalismusversagen. Kein Wunder, dass Journalisten nix mehr geglaubt wird. Auch wenn auf dem Ranking des Ansehens der Berufe Journalisten noch vor Politikern liegen. Ein Blogpost bei Poynter hat mich ins Denken gebracht:

No, we’re not in a ‘post-fact’ era – Poynter: „Paul Krugman called it ‚The Post-Truth Campaign.‘ Farhad Manjoo said we lived in a ‚post-fact society.‘ Author David Sirota welcomed us to the ‚post-factual era.'“

(Via.)

Das Jammern über die Unwichtigkeit von Fakten ist uralt, weist der Autor nach. Die USA haben Trump, der das zuspitzt, und wir haben AFD und solche Ausdrücke des bislang unsichtbaren „Volkszorns“. Ein schreckliches Wort, weil alles mit Volks- als Präfix zwischen Drittem Reich und Bild-Zeitung-Marketing oszilliert.

Die USA haben aber auch Rechercheure und Factchecker, die die seriellen Lügen von Politikern aufdecken. Auf nationaler Ebene. Auf lokaler Ebene ist das etwas anders, und bei uns leider auch. Sowohl WAZ wie auch Ruhr-Nachrichten haben im lokalen Redaktionsgeschäft im Ruhrgebiet sehr viele Stellen gestrichen, und da war vorher auch nicht nur Spitzenjournalismus am Werk.

Ein lokaler Rechercheur also hat die Lebenslauflügen von Hinz aufgedeckt. (Warum zur Hölle sind die Fakten der ursprünglichen Geschichte in einem Kommentar versteckt?) Ich vermute, da war jemand in der Partei zornig auf die Abgeordnete. Und so war es:

Der Hinweis auf Auffälligkeiten im Lebenslauf von Petra Hinz – er kommt aus ihrer eigenen Partei. Und gleich von mehreren Mitgliedern, die mir namentlich bekannt sind. 

Aus den eigenen Reihen wurden gegen sie gezielt geleakt: Ihre Wiederwahl stünde an.

Es ging also doch, dass man den Lebenslauf einer Berufspolitikerin kritisiert. Es gibt also noch Krähen, die der andere Krähe nix gönnen. Warum ist das jetzt erst passiert? Warum nicht bei ihrer ursprünglichen Kandidatur?

Theorie 1: Hinz und der sprichwörtliche Besenstiel

Wer im Ruhrgebiet aufgewachsen ist, kennt das SPD-Milieu sehr genau. Bergkamen oder Dortmund oder Essen ist egal, das geflügelte Wort lautet:

In der örtlichen CDU heißt es, die SPD könnte bei Kommunalwahlen einen rot angemalten Besenstiel aufstellen, sie würde gewählt.

Das hat sich in den 2000er Jahren gewandelt, die CDU übernahm Rathäuser. Hinz hat also wohl Wahlkampf gemacht, und da kriegen Lokalredakteure den Lebenslauf doch auf den Tisch. Man kann nicht jeden im Stadtrat kennen, aber eine örtliche Kandidatin für den Bundestag schaut man sich doch genauer an?

Wohl nicht.

Warum ist das den Parteigenossen nicht eher aufgefallen? Man kannte die Petra, und das reichte?

Und warum kann man so etwas in einer Stadtredaktion nicht zur Pflicht machen, den Lebenslauf mal abzutelefonieren? Ist ein halber Tag Telefonarbeit für einen gut vernetzten Lokalredakteur. Sorgfaltspflicht hieß das mal.

Die Antwort kenne ich natürlich auch: Das ist alles nicht wirtschaftlich. Redakteure im Lokalen können sich Recherche einfach nicht mehr leisten, weil sie so stark im Produktionsstress sind. Ich kenne das Leben dort, und das ist in den letzten 15 Jahren sicher nicht besser geworden.

P.S. Warum rege ich mich über diesen Fall so auf? Ich habe gemeinsam mit einem Kommilitonen eine Diplomarbeit zum Thema Fälschung im Journalismus geschrieben. Damals haben wir journalistische Skandale wie die Hitler-Tagebücher untersucht, nicht den journalistischen Umgang mit Skandalen. Aber das Thema ist immer noch so nahe daran, dass das eine gewisse Saite zum Schwingen bringt.

Warum zur Hölle Informer?

Das Video muss jetzt sein. Der Name Informer Magazin erinnert mich einfach daran:

 

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