Stickiness, die: Wie Produkte uns gefangen nehmen (AKA Lock-in)

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App / Musik / Software
Wer einen Service im Web oder als App baut, der braucht Argumente, damit die Nutzer bei diesem Service bleiben und nicht zu einem anderen wechseln. In meinem Job tagsüber habe ich im letzten Jahr das Konzept für 7TV.de gemacht, eine senderübergreifende Mediathek der ProSiebenSat.1 Media SE. Die mobile App gab es schon, und vom Mobile-Team gab es einen Stapel iPad-Scribbles als Startschuss. Bei Gelegenheit werde ich die auch veröffentlichen, wenn mein Kollege nix dagegen hat.

Dieses Produkt ist von Anfang an als Multiscreen-Anwendung von uns gedacht worden: Mobile App, Web App, Smart TV App usw. Mittlerweile ist die Mediathek auch für Kindle Fire Stick und TV verfügbar, auch für Android TV.

Was ist da der Lock-in? Das ist natürlich der Sendercontent der TV-Programme. Da es den aber auch anderswo gibt (zum Beispiel auf den Marken-Webseiten der Sender, für die ich auch in der Produktentwicklung verantwortlich bin), reicht das nicht aus. Wir haben den Livestream und die Convenience-Funktionen der Personalisierung dafür gebaut.

Andere Produkte, gerade solche mit einem monatlichen Preisschild für den Nutzer, müssen mehr tun, um weiter die Mitgliedschaft zu rechtfertigen. Ich bin zum Beispiel wie Millionen andere zahlender Spotify-Kunde. Warum bin ich das? Weil ich dort Ordnung in meine Sammlung von Musik gebracht habe. Diese Ordnung ist das, was ich in dieser Grafik auszudrücken versucht habe. imageDer Eigentumsbegriff bei Musik ist egal geworden, solange die Musik bei meinem Streaming-Dienst zur Verfügung steht, die ich hören möchte. Die Aufregung um Taylor Swift und ihre Musik, die es nicht bei Spotify gibt, wirft ein Schlaglicht auf den nicht unerheblichen Katalog an Musik, der nicht bei Spotify dabei ist. Für deutsche Hörer ist da etwa Herbert Grönemeyer, der fehlt.

„Das ist, wie wenn du einmal zehn Euro zahlst und dafür in allen Hamburger Restaurants essen darfst. Das ist völlig verrückt!“ – See more at: http://www.tonspion.de/neues/neueste/4966962#sthash.KWh3IDbA.dpuf

Herbert Grönemeyer

Was meine ich mit Ordnung? Ich habe meine Lieblingsmusiker gespeichert, außerdem Playlisten für verschiedene Zwecke angelegt (eine mit deutscher Popmusik etwa, eine für meine Kinder mit Liedern, die sie mögen). Das sind in etwa 30 Listen. Oder anders: strukturierte Informationen über meine Musikvorlieben. Spotify nutzt das, weil sie mir damit neue Musik empfehlen können. Mir nutzt das, weil ich die Musik auf allen Geräten, auf denen ich mich anmelde, zur Verfügung habe. In Kombination mit meinem Sonos-Ensemble daheim ist Musik nur ein paar Klicks in der ganzen Wohnung entfernt. Kein Schleppen von CDs, es streamt einfach sofort.

Meine eigene Arbeit hält mich jetzt bei Spotify gefangen. Zwar sind die Streaming-Anbieter mittlerweile alle einigermaßen featuregleich, aber es sind Silos. Es gibt kein einheitliches Format, um eine Playliste zu exportieren und woanders hin zu importieren. Die Anbieter sind sogar stark dagegen incentiviert. Sie würden ja damit Gefahr laufen, einen Kunden zu verlieren. Das ist für mich ärgerlich, weil ich nicht den niedrigeren Preis von Google Play ausnutzen konnte. Naja, wollte. Das Umziehen der Listen hätte eine Server-Installation auf meinem Rechner gebraucht. Die Alternative: Die Listen neu von Hand anlegen. Wahrscheinlich zwei Stunden Arbeit, aber das war es mir nicht wert.

Es ist eine idiotische Arbeit. Wahrscheinlich könnte ich günstig die Listen von Mechanical Turk-Arbeitern kopieren lassen, aber will ich auch nicht wegen Passworten und so.

iTunes hatte einst eine ähnliche Funktion für mich. Dort war mein Musikgeschmack dokumentiert. Aber weil Apple keine Services kann, hat das Unternehmen nix damit angefangen. Schon da war die Saat für einen Streaming-Dienst gelegt. Und wieser scheint Apple mit Music keine gute Software as a Service gelungen zu sein.

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