Erste Male. „Citizenfour“

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Journalismus
Ich bin spät dran, das gebe ich zu. Ich sehe gerade „Citizenfour“ zum allerersten Mal. Bis Montagabend stand der Film in der Mediathek der ARD. Selten sah ich einen Film, der den Oscar schon nach einigen Minuten definitiv verdient hatte. (Gut, ich habe auch in meiner Filmkritikerzeit viel mehr Fiktionsfilme als Non-Fiction-Filme gesehen.)

Dieser Film entsteht im Schnitt. Laura Poitras hat unfassbar viel Material, das eigentlich nicht filmisch ist, und mischt es mit geeignetem Material unter. Aufnahmen von Bauarbeiten, schwarze Tafeln mit weißem Text. Poitras muss nicht fragen, sie muss die Kamera draufhalten. Zehn Minuten am Anfang des Films helfen, die schwere Materie zu verstehen.  Alles ist Material, sogar Chats und PGP-Keys.

Ich habe noch nie soviel Angst bei einem Feueralarm in einem Film gehabt. Oder bei einem Anwalt, der auch nur Vermutungen anstellen kann, wie sicher Snowden ist. Der Film ist eine Dokumentation. Er hält uns aber auf der Sitzkante. Wir sollten sie zur Pflicht in der Medienkompetenz-Schulung machen. Und in der Demokratie-Erziehung sowieso.

Bei diesem Film mache ich mir Notizen. Mache ich sonst nie. Was heißt PRISM, was heißt SSO, was ist XKeyScore.

Heute können wir über die Datenmengen von CCTV fast schon lachen.

Heute können wir über die Datenmengen von CCTV fast schon lachen.

Gestandene Journalisten wie Glenn Greenwald (bei allem Selbstdarstellungstrieb, den er natürlich hat) ahnen den Umfang von dem, was Snowden ihnen offenbart, aber wissen natürlich noch nicht, dass die Dokumente die Welt verändert werden. Die Reaktion von Snowden auf den Beginn der Lawine, die er angestoßen hat, sehen wir auch. Es ist eine Art stille, heimliche Freude. (Gegen ihn wirkt das Hacker-Abziehbild, das wir in Gavin Orsay in „House of Cards“ präsentiert bekommen, noch krasser falsch und durch und durch unverstanden.)

Snowden selbst wird durch den Film greifbarer. Er opfert sich im vollen Bewusstsein dessen, was auf ihn zukommt.

„Ich habe mich ja freiwillig in diese Situation begeben.“

Das Leben, das er kennt, ist vorbei. Er hat seine Spuren nicht verwischt, er will ja enttarnt werden. Lange hat das damals gedauert.

Sein Hotelzimmer sieht das aus wie eins von uns auf Business-Trips mit zu viel Technik im Gepäck. Warum sind die Geschichten so durcheinander publiziert worden? Weil die Daten eine geplante Veröffentlichungsstrategie nicht zulassen. Sie sind viel, sie sind auf dem Haufen, ungeordnet. Greenwald weiß, was er tut. Er weiß, dass Snowdens Persönlichkeit für die Glaubwürdigkeit der Enthüllungen wichtig ist.

Und weil das so schrecklich depressiv macht, am Ende noch ein Video von Jan Böhmermann mit Prism is a Dancer.

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