Der Verlust der Gatekeeper-Rolle schmerzt Journalisten unheimlich. Das erklärt vieles.

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Journalismus
Beim Lesen eines Artikels habe ich mich gefragt, was mich so stört. Zwei Wochen später weiß ich, warum. Und ich habe noch etwas Anderes herausgefunden.

Jill Abramson war mal die Chefredakteurin der New York Times. Sie ist über 60, hat also jahrzehntelange Medienerfahrung in den Mainstream-Medien. MSM, alte Medien, Totholzmedien – das klassische Geschäft des Journalisten als Gatekeepers, als dessen, der sagt, was wichtig ist. Das hat sie geprägt, und das kommt zwischen den Zeilen auch heraus:

A story read on Facebook, with a faster loading time in the form of an Instant Article, is just as good as one read on an individual ap or Website, some might argue. I don’t have a clear position, but I do have worries. I worry about newsroom culture dissipating. Some of my best days at the Times were when reporters would gather in excitement from all over the newsroom when the Times was about to go up with a big story.

Was Abramson also kritisiert, ist, dass die neuen großen Distributionsplattformen nicht nur die Distribution weggenommen haben, sondern auch die Rolle als Gatekeeper übernommen haben. Ich glaube, dass ganz viele Journalisten das heute schmerzt. Das, was mit dem technischen Monopol der Verteilung kam, ist vielen Journalisten zu Kopf gestiegen. Jetzt sind sie nicht mehr Wächter der einen Wahrheit, sondern nur einer von vielen.

Immer dann, wenn Institutionen etwas zu kommunizieren haben, können diese es sich aussuchen, wie sie es tun. (Die Bundesregierung tut es ja auch, wie man an der Kontroverse um deren Auftritte in sozialen Medien merkt. Oder sogar Kobe Bryant.)

Die für festangestellte Journalisten bequemste Weise, die Pressemitteilung, verschafft den Redaktionen keinen Wissensvorsprung mehr. Die Pressemitteilung ist inzwischen ein SEO-Vehikel geworden. Wichtige Informationen werden gezielt an einzelne Journalisten gegeben. Diese PR-Events sind oft viel wirksamer als das „alle kriegen alles gleichzeitig“.

Die zweitbequemste Weise, die Pressekonferenz, dient vor allem dem Demonstrieren des „Ich habe verstanden“. Sie ist wichtig geworden, um Betroffenheit zu signalisieren (Germanwings/Lufthansa; VW) und auch den Medien das Gefühl zu geben, sie kriegen Informationen (Hannover/Spielabsage/Terrorgefahr). Aber viel daran ist Schein. Auf manche Fragen kann nicht geantwortet werden. Auch Journalisten, die Fragen stellen, versuchen schlauer zu sein als ihr Nebenmann – und sind durchaus manchmal mehr an der Provokation interessiert als an ihrer Wächterfunktion.

Schreiben für die Kollegen

Abramson trauert der Kameraderie in der Redaktion nach. Kameraderie in Redaktionen ist auch eine Sache von Festangestellten. Wie oft habe ich erlebt, dass die wichtigen Zuträger und freien Mitarbeiter auf der Weihnachtsfeier keinen Zutritt hatten. Geschweige denn in die große Themenkonferenz.

Im Gefühl des Verlustes einer Gemeinschaft steckt aber auch der bekannte Wunsch, „wichtige“ Geschichten zu schreiben und zu recherchieren, die den Kollegen gefallen. Oft genug habe ich selbst als junger Journalist nach dem geschielt, was die anderen für gut befanden. Alle waren erfahrener als ich, die werden schon wissen, was gut ist. Oft genug war es aber dann so, wie einer meiner längst emeritierten Professoren zugespitzt formuliert:

Sie glauben ja nicht wirklich, dass auf der Seite 3 des Dortmunder Lokalteils noch Qualität stattfindet.

Damals gab es noch an diesem Zeitungsmarkt im Lokalen so etwas wie publizistische Vielfalt: drei verschiedene Blätter. Aber Dortmund ist hier eh nur ein Stellvertreter: Die Qualität lässt überall sehr zu wünschen. Geschichten mit zwei Quellen? Selten. Redakteure machen ihre Abhängigkeiten offen, erzählen von ihrer Voreingenommenheit? Wenn, dann dürfen das Volontäre bei sozial wichtigen Reportagen machen. Aber ein gestandener Redakteur? Iwo.

Ausbildung im Journalismus? Eher Training on the job

Hat mich einer an die Hand genommen, wie man die Qualität trotz Terminjournalismus steigern kann? Nur sehr vereinzelt. Das scheint vielerorts der Fall zu sein. In meinem aktuellen Job in einem Content-Startup sehe ich viele junge Journalisten kommen, denen man das Einmaleins der Recherche erst einmal beibringen oder zumindest in Erinnerung rufen muss. Ja, wir kriegen aufgrund der bislang mangelnden Bekanntheit nicht die Bewerber, die auch an der Deutschen Journalistenschule genommen würden, aber vielleicht ist dieser normale Markt auch der typischere Markt. Also sind die ersten Artikel mehr oder weniger mehrfache Rewrites – schmerzhaft, aber auch lehrreich.

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