20 Jahre nach dem Boom: Wie geht es eigentlich Multiplex-Kinos?

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Film
Im September war ich mal wieder in der alten Heimat, Dortmund. #echteliebe führte mich dorthin: Mein bester Freund heiratete. Seitdem werden mir häufiger mal wieder Geschichten aus dem Ruhrgebiet bei Facebook angezeigt. (Meine Klicks auf BVB-Geschichten tun wahrscheinlich ihr Übriges.) So bin ich auf diese Story aufmerksam geworden:

Fragen und Antworten: Zukunft des Cinestar-Kinos ist völlig offen – Ruhr Nachrichten: „Wie ist der Niedergang zu erklären?

Die Sektkorken knallten, als das Großkino nach einem langen politischen Ringen um den Standort im November 1997 am nördlichen Bahnhofsvorplatz eröffnet wurde. Endlich hatte auch Dortmund sein Multiplex-Kino. Die ersten Jahre liefen gut und nach Plan, mehr als eine Million Besucher strömten ins Cinestar, das anfangs noch von der Kieft & Kieft-Gruppe betrieben wurde. „

(Via.)

Mit dem Cinestar wurde in Dortmund der Platz hinter dem Hauptbahnhof aufgewertet. Es war eine bewusste stadtplanerische Entscheidung, das Kino dort anzusiedeln. So wurden der Drogenszene starke Besucherströme entgegengesetzt. Dortmund in den 90ern war nicht viel anders als Frankfurt,  die Zahl der Herointoten wurden so gemeldet wie Verkehrstote. Es war eine Rubrik in der Tageszeitung.

Sechs Jahre nach der Eröffnung des UCI-Multiplexkinos in der Nachbarstadt Bochum kam also erst die Erneuerungswelle der Kinobetriebe nach Dortmund.

Ich kann mich noch an meinen ersten Kinobesuch dort erinnern: Es war ein Bondfilm, mein Platz in der dritten Reihe, ganz außen. Reifen so groß wie Häuser rollten auch nachts noch durch meinen Kopf.

Bis dahin gab es die Einrichtungen aus den 50er Jahren. Riesige Neonzeichen für Film-Casinos, -Paletten, Ateliers, Royal oder so. Dort wuchsen Giselas, Renates und Heinze auf. Die besseren Säle  waren retro, die schlechteren rochen nach nassen Wänden, altem, kaltem Zigarettenrauch und süßem Popcorn. Die Multiplexe brachten ein Vielfaches an Convenience-Food, Sitze, bei denen man keine Angst mehr haben musste, auf hartem Holz zu sitzen – und vor allem bessere Technik.

Inzwischen sind Multiplexe im täglichen Filmgenuss weit entfernt von den Versprechen, mit denen sie einst antraten. Da werden Projektoren auf Funzellicht gefahren, damit die Leuchtmittel länger halten. Der Boden klebt, weil immer noch der 20 Jahre alte Teppich drin liegt – und die tägliche Dusche mit Popcorn, Salsa, Cola und Bier einfach zu einer Flora und Fauna im Teppich beiträgt.

Die Zweckimmobilien sind auch schwierig anders zu nutzen. Was macht man mit sieben, acht, zwölf Sälen mit ansteigender Bestuhlung? Ein Kongresszentrum dieser Größe kann kaum eine Stadt gebrauchen. Und die Baukörper selbst sind alle groß. Oft mehrere tausend Quadratmeter Geschossfläche, weil man da zu Stoßzeiten hunderte Menschen unterbringen muss. Das braucht auch niemand. Daher wird lieber das Kino weiterbetrieben und die Kosten für den Betrieb gesenkt – nehme ich an.

Inzwischen habe ich Angst, in Multiplexe zu gehen. 14 Euro kostet die Karte, und die Qualität der Vorführung ist schlecht. Das ist meine Erfahrung mit dem Münchener Mathäser, das keine 15 Jahre auf dem Buckel hat.

Offenbar ist das auch in Dortmund passiert, wenn man den Zitaten in der oben erwähnten Story Glauben schenkt:

Der überwiegende Teil der Besucher empfindet das Multiplex-Kino mit seinen 3700 Plätzen als nicht mehr zeitgemäß. Es sei „schmuddelig, ungepflegt und abgenutzt“ – so lauten die Kommentare fast durchgängig. Sitze seien kaputt, der Fußbodenbelag teilweise klebrig, die Preise überteuert.

Ich glaube, auch wenn ich nur sechs der Top-10-Multiplexkinos in Deutschland persönlich kenne, das eine unterdurchschnittliche Erfahrung normal ist. Angelernte Hilfskräfte, studentische Aushilfen, miserable Arbeitszeiten – da wundert einen die mangelnde Servicequalität kaum noch. Eine Ausnahme habe ich in Nürnberg erlebt. Der Standard ist aber halt ein anderer. Und die Kinos werden immer größer. Der Trend hin zu Multiplexkinos geht jedes Jahr weiter. Einzelkinos schließen.

Kinos haben immer mehr Säle. Quelle: FFA, eigene Darstellung

Kinos haben immer mehr Säle. Quelle: FFA, eigene Darstellung

Wer einmal auf einem Festival wie der Berlinale war, ist leider für das normale Filmerlebnis verloren. Daher bin ich glücklich, dass in unserer Nähe es ein so tolles Kino wie das in Bad Aibling gibt – Multiplexqualität wie sie gedacht war in drei Sälen und zu Preisen wie anno dazumal.

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