Ryan Gosling bei einer Filmpräsentation.
Dominic Grzbielok

Filmkritik „Crazy, Stupid, Love“

Es gibt bei angetrunkenen Halbstarken eine ganz schlimme Angewohnheit, vorbeilaufende Mädels und Frauen zu benoten, auf einer Skala von 1 bis 10. Wer schon mal auf Mallorca war oder auf dem Oktoberfest war, kennt das. 

Wenn man sich dieses schockierende, sexistische Schauspiel ansieht, übersieht man etwas: Die Frauen bekommen Noten, aber die Jungs selbst benoten einander nicht. Die Frau mag von der Attraktivität her eine Acht sein, aber die Männer, die das tun, sind nicht mehr als eine Drei.

Jacob Palmer (Ryan Gosling) würde das nie verbalisieren, was er denkt. Aber er springt nur auf schöne Frauen an. Alles ab neun, habe ich mir so gedacht auf der Couch. Er ist aber selbst auch mehr als eine Drei. Viele Frauen würden Gosling sicher auch hoch bewerten, wenn man sie auf eine solche Skala festlegen könnte. Mitte der Nuller Jahre kamen die Pick-up-Artists auf, die Männern vorlebten, dass die Objektifizierung von Frauen eine gute Sache sei. Ihr Wissen teilten sie in Bestsellern mit den pickligen Jungs, die zwar in Gruppen Mut hatten, aber keinen, um die Frauen anzusprechen. Palmer ist so etwas wie ein Naturtalent unter den Aufreißern. Als er ein besonders bedauernswertes Exemplar der Gattung „Scheuer Rehbock ohne Chance beim weiblichen Geschlecht“ in seiner Stammbar wittert, nimmt er den Mann, der sein Vater sein könnte, unter seine Fittiche: Cal (Steve Carell) lebt in Trennung von seiner Frau. Die wollte nach einer Affäre gleich die Scheidung. Wiewohl sie selbst diese Affäre hatte.

Der hilflose, aber gutherzige Mann wird von dem Schwerenöter auf Vordermann gebracht, aber auch der Aufreißer kann vom mehrfachen Papa noch etwas lernen. Die Geschichte läuft schnell auf Autopilot. Dass sich das verkrachte Paar wieder am Ende findet, wissen wir von der ersten Minute an. Aber das macht den Film nicht schlechter. Eher, dass das riesige Finale überkonstruiert ist.

Was wirklich spannend ist: Die Gesellschaft mit Minivan in den Vororten wird dekonstruiert. Ein paar Beispiele:

Was bedeutet eigentlich Freundschaft?

So muss sich ein Freund der Familie auf Druck seiner Frau entscheiden, mit wem man noch Umgang pflegt. Er entscheidet sich für die Frau, die erfrischenderweise erst einmal die sexuelle Aggressorin ist. Hier wird die US-amerikanische Definition von Freundschaft erschüttert. Wenn alle Freunde sind, hat keiner wirklich Freunde. Dem hingebungsvollen Papa bleiben keine eigenen echten Freunde, mit denen er etwas machen kann.

Sanitäter in der Not

Außerdem wird die Rolle des Alkohols bei Männern überdeutlich herausgestellt. Der hoffnungslose Poet Franz Josef Wagner hat bereits geschrieben: Saufen ist Weinen. Als Schmidt noch ein großes Licht und auch aktiv war, war das eine meiner Lieblingsnummern in der Late Night.

Paarbeziehung und Wer bin ich?

Viele langjährige Paare mit Kindern kennen das sicher: Nehmen wir einander noch wahr oder leben wir nur mehr für die Kinder? Sind wir noch wir? Gibt es noch Zeit für ich im wir und im sie? Mich als zweifachen Vater hat das sehr angesprochen und nachdenklich gemacht. In einem so gutmütigen Umfeld tut das auch nicht so weh.

Die Besetzung gibt dem Film auch Halt: Emma Stone spielt die Frau, die den Schwerenöter kuriert und einfängt, Julianne Moore ist als Ehebrecherin dabei. Mich persönlich hat der frühreife Teenagersohn von Cal und seiner Ex genervt, aber der soll wohl ganz bewusst so sein. Marisa Tomei hat einen viel zu kurzen Auftritt als Flamme des aufblühenden Papas, und Kevin Bacon ist der Grund, warum Julianne Moores Figur den Halt unter den Füßen verloren hat.

Wertung: drei von fünf Minivans

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