Traffic, der von Facebook geschenkt wird, folgt den Newton’schen Gesetzen

Als ich noch bei fem.com Produktmanager war, war das Redaktionsteam damit beschäftigt, den Google-News-Trafficstrom am Laufen zu halten. Ganz offenkundig gab es damals (2009) einen Algorithmus, der Seiten belohnte, die ständig frischen Content produzierten.
Facebook scheint jetzt auf einen ähnlichen Algorithmus gekommen zu sein. Von dessen Auswirkungen erzählen jetzt jedenfalls die Social-Media-Redakteure bei meiner Arbeit. Wenn sie mal einen Tag lang keinen erfolgreichen Post hatten, der eine große Reichweite und gute Interaktionswerte erreicht hat, dann sind die nächsten Tage schwieriger.
Die Logik dahinter scheint zu sein: Was gestern für viele Nutzer relevant war, könnte auch heute interessant sein. Das Zeug von letzter Woche – eher nicht so.

Was macht man eigentlich mit alten Visitenkarten?

Ihr Nutzen stand früher einmal im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Größe. Die Rede ist von Visitenkarten. Sie haben filmische Größe erreicht, wie etwa diese:

In meinem Beruf treffe ich jede Woche neue Menschen, die ich zuvor noch nicht kannte. Meist arbeiten sie für Agenturen und Dienstleister in der Medienbranche. Alle zwei bis drei Jahre wechseln viele von ihnen ihren Arbeitgeber. Nun stellt sich die Frage: Was macht man mit den Visitenkarten, die man von ihnen erhalten hat?

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Usabililty Lab: Die Situation des Beobachters

Es ist einfach, die Laborsituation als irreal zurückzuweisen. Ein real existierender Nutzer sitzt an einem Tisch mit einem Gerät und schaut sich dein, euer digitales Produkt an. Dabei sitzen alle, die daran mitgearbeitet haben, wie bei einer US-Krimiserie in einem angrenzenden Raum hinter einer Spiegelscheibe.

Verhält sich der Nutzer überhaupt natürlich?

Natürlich nicht.

Ist die Befragung vollständig?

Auch nicht.

Aber dass dieser Nutzer sein Feedback äußert, gibt den Problemen, die man aus Nutzerbeschwerden oder vom Kundenservice kennt, eine konkrete Gestalt. Er oder sie kann zum Kulminationspunkt in der internen Diskussion werden. „Weißt du noch, wie das bei dem Schritt war?“ Es ist nicht mehr der Querulant, sondern der junge Beamte, der trotzdem mit der Benutzerführung nicht klar kommt. Der Hausmeister, der mit klassischen Begriffen von TV-Primetime nix anfangen kann, weil er Schicht arbeitet.

Offen bleiben, aufpassen, sage ich. Andere Experten sagen das druckfähiger:

Protokolle lauten Denkens und die Beobachtung der Handlungen müssen unbedingt zum Einsatz kommen.

Das rät die Usability-Agentur eResult in einem Beitrag. Stimmt natürlich. Deswegen ist es für den Produktschaffenden so wichtig, dass er sich an dem Tag im Labor so viele Notizen wie möglich macht. Dreht der Nutzer das Device, muss er pinchen und zoomen an unerwarteten Orten, bleibt sie irgendwo stecken bei der Navigation oder bei einer Aufgabe. Wie vermittelt dann die Webseite oder die App den Kontext? Wie kommt die Suche an. Nicht auf die Fragen allein setzen, sondern auf die Antworten.

Gerade wer glaubt, alles zu wissen, erfährt im Labor immer etwas Neues.

Eine Sünde, derer ich mich hiermit gern bekenne.

Responsive Webdesign: Nun, wo ich weiß, wie es die BBC so macht…

Wir hören als Erwachsene die Musik, die wir gehört haben, als wir 18 waren. So ungefähr kommt das hin: zum Beispiel die Sparks mit „Now that I own the BBC“.

Das Lied ist trashig, oder wie Susan Sontag es wahrscheinlich definieren würde, es ist Camp. Nicht nur deswegen hat die BBC einen besonderen Ruf. Sie ist der andere große Sonderfall eines öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems in Europa, das über Gebühren finanziert wird. (Und anders als der deutsche Gegenpart produziert sie so tolles Fernsehen wie Top Gear, Sherlock und Doctor Who.)

The tardis from Doctor Who

(Ja, ich arbeite für ProSiebenSat.1, aber ich habe lange genug für öffentlich-rechtliche Sender gearbeitet, um mir da ein etwas differenziertes Urteil zu erlauben.)

Seit der Schule begleitet sie mich also, die BBC, mein Englisch-Lehrer war mit einer Britin verheiratet und brachte gern man VHS-Kassetten mit Aufnahmen mit – Keeping Up Appearances sollte uns das Klassensystem Großbritanniens näher bringen. Bei Mr. Bean wird einfach zu wenig gesprochen…

Wenn die BBC also etwas macht, dann hat das meine Aufmerksamkeit. Lange waren im Responsive Webdesign US-Amerikaner das Maß der Dinge. Starbucks.com und The Boston Globe waren die Aushängeschilder für das, was mit Responsive geht. Heute schaue ich auch wieder in die USA, weil ich spannend finde, was qz.com und Vox Media machen.

Aber zwischenzeitlich waren Guardian und BBC Vorzeigeprojekte. Es gab Monate, da war ich jede Woche einmal bei Mediaqueri.es. Was ich gelernt habe: Aus den besten Wegen muss man sich das zusammenstellen, was für die eigene Marke funktionieren könnte. Best practice – was heißt das genau für das eigene Konzept? Viel Recherche, viel skizzieren, viel verwerfen – und sich einigen mit Designer und Entwickler.

Vor drei Monaten waren zwei BBC-Mitarbeiter, Niko Vijayaratnam, Senior Product Manager, und John Cleveley, Engineering Manager, zu Gast bei dem Podcast zum Thema. Ach, was sage ich, bei dem wichtigsten Responsive-Design-Fachmedium. Karen McGrane und Ethan Marcotte, der Erfinder des RWD, stellen Fragen – mit einem beinahe schon Proust’schen Fragebogen. Wie habt ihr die Stakeholder vom Responsive Webdesign überzeugt, was würdest du anderen empfehlen, usw.

Übrigens ist das BBC-Design beinahe nackt. Ganz wenig Marke. Und das ist ein Ding, was ich an Responsive Design nicht mag. Viele Seiten sind austauschbar geworden. Seit dem Relaunch können normale Nutzer doch zeit.de und stern.de kaum noch auseinander halten.

P.S. Ich habe gerade zum ersten Mal den Text für das Lied „Now that I own the BBC“ in Gänze gelesen. What a bummer.

Gedanken zu „Besser Online 2015“ in Köln #djvbo

Diese Frage ist immer ein Killer, sie gehört auch zum Standardrepertoire in Bewerbungsgesprächen:

Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?

Prof. Dr. Frank Überall, Fernsehreporter aus Köln und Kandidat für die DJV-Bundesspitze, stellte sie dem Abschlusspanel bei Besser Online 2015, einer Konferenz journalistischer Berufsverbände in Köln am 19. September. Mit einer leicht anderen Zahl: Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

Keiner kann bei der Frage glänzen. Sie ist die klassische Glatteisfrage. Sie zielt auf den Masterplan, was will mein Gegenüber eigentlich?

Die Antworten waren teils witzig, aber sie kreisten alle um das Fortschreiben der Gegenwart mit anderen Mitteln.

So wie „horseless carriages“ der Name der Kutschenhersteller für die ersten Autos waren. Herrje, die ersten Autos sahen sogar aus. Das Bild verdanken wir einem Deutsch-Schweizer.

Foto: Deutsches Museum

Foto: Deutsches Museum

Hansi Voigt dürfte einer der im Moment gefragtesten Journalismus-Macher im deutschsprachigen Raum sein. Er hat Watson.ch gegründet, und vorher war er Chefredakteur bei 20 Minuten.

Voigt verglich Verlage mit Kutschenherstellern, die ihrerzeit ja auch respektable Industrieunternehmen gewesen seien.

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MobX Conference 2015: Viel gelernt an unerwarteten Orten

Ikonischer wird es kaum in Berlin. Auf der Karl-Marx-Allee, die mehr als nur den Namen mit der Ost-Vergangenheit der Stadt gemein hat. Die Flachdachgebäude Kino International und Café Moskau sind für Indie-Touristen ein beliebtes Ziel. Nicht nur im Februar, wenn der beinahe sibirische Winter und die Berlinale die Stadt im Griff haben.

Designer und Entwickler sind Anfang September in der Stadt, für die MobX Con. Das ist kein Treffer der Mobster, sondern eher eines der Mobile Hipster. Ich zähle mich selbst dazu, also darf ich auch mal alle beleidigen.

Mit dem bekannt guten Kaffee im Kino International in den Flaschenhaltern an den Sitzen vor uns geht es für die, die genug Geduld hatten, los, und es geht mit dem Anfang los.

Wie kann ich Nutzer in meiner App oder Web App begrüßen und ihnen die Features zeigen, die wichtig sind?

Das Thema ist das User Onboarding. Ein klassischer Weg sind Tooltips auf einem halbtransparenten Overalls über dem App-Screen. Ein Holzweg, wie Samuel Hulick findet. Er betreibt eine Seite, auf der er viele Onboarding-Erfahrung, etwa die von Slack, seziert hat. Das ist nämlich eine sehr eingeschränkte Sicht auf das Thema Onboarding. Wenn man ein, zwei Schritte zurücktritt, kann man sich die Frage stellen, warum man Onboarding braucht.

Onboarding ist Teil der gesamten Produkt-Erfahrung eines Produktes.

Der zweite Vortrag, der mich fasziniert hat, war die Vorstellung von Studienergebnissen zu Best Practices für E-Commerce-Seiten. Christian Holst vom dänischen Forschungsinstitut Baymard stellte sechs wesentliche Ergebnisse einer Benchmarkstudie von mobilen Retail-Seiten vor. Größter Clou: 6 Dinge, die die meisten Shops nicht machen, aber von Interessenten sehr gern angenommen werden.

Höhepunkt ist aber der Vortrag von Brad Frost zu seinem Designsystem-Konzept Atomic Design, zu dem er auch ein Buch schreibt, das im Herbst erscheinen soll (natürlich gleich vorbestellt). Sein System kannte ich schon aus dem ein oder anderen Podcast, und im lebendigen Vortrag kann er ein bisschen über die Schwächen des Systems auf den Aggregationsstufen 4 und 5, Templates und Pages, hinwegtäuschen. Er hat sichtbar viel Erfahrung mit großen Bühnen und größeren Zuhörermengen.

Auf Konferenzen gilt das gleiche Prinzip wie beim Eurovision Song Contest: Auch der schlimmste Vortrag hat nach einer vorher bestimmten und bekannten Zeit ein Ende – 30 Minuten im Fall der MobX Conference. Bleibt nur zu hoffen, dass der Redner nicht überzieht. Bis zum Nachmittag hatte sich das Programm auch nur eine halbe Stunde verschoben.

Wie schneidet die Konferenz bei meinen sonstigen Konferenz-Besuchen ab?

Das gleiche Team der IA Konferenz, über die ich hier schon voll des Lobes war, steht auch hinter der MobX Conference. Da die IA Konferenz in diesem Jahr Pause gemacht hat, war der Besuch der MobX Conference dieses Jahr für mich Pflicht. Ob ich weiterhin beide besuchen werde, weiß ich noch nicht. Wahrscheinlich schon, denn die Speaker waren so hochwertig, dass man sonst für einen An Event Apart-Termin in die USA fliegen müsste. Da sind die paar hundert Euro Reisekosten ein Schnäppchen.