Tag 1 beim Media Innovation Camp 2019 in München

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Journalismus

Wo geht eigentlich der deutsche Journalismus hin, wenn er sich um Innovationen kümmern will? Wo kriegt er Inspiration für seine Neuerfindungen her? Georg Dahm, Gründer von Fail Better, hat einen Teil der Erklärung in seinem unterhaltsamen Rant über die deutschsprachige Podcast-Szene:

Dann wird einfach ein Modell, das offenbar funktioniert, kopiert. Und kopiert. Und kopiert.

So erklärt Dahm sich die Schwemme an Sex-Podcasts, auch von Medienunternehmen, und auch den Haufen an True-Crime-Podcasts, die er auf dem Markt sieht. Anders sähe das aus bei Politik-Podcasts. Außer „Die Lage der Nation“ fiele ihm da nix Spannendes zum Empfehlen ein.

Widerspruch gab es keinen aus dem Plenum; einige Podcast-Fans beklagten die Auffindbarkeit von passenden Inhalten. 

Selbst der letzte Relaunch von Zeit online, bei dem die Card-Stacks eingeführt wurden, war, sagen wir, stark von Vox.com, dem US-amerikanischen Vorreiter in Sachen Erklärournalismus inspiriert, führt Dahm aus.

Aber ein paar Aufrechte wollen nicht einfach nur kopieren, sondern sind nach München gekommen, um in einem Barcamp namens „Media Innovation Camp“ es gemeinsam mit der Innovation zu versuchen. Das Media Lab Bayern hatte auch diesmal wieder dazu eingeladen.

Denn die Betonung von gemeinsam ist eigentlich das Besondere an einem Barcamp. In einer Session, die auch einen Vorturner hat, gibt es Gelegenheit zum Austausch in der Gruppe, die sich zu dem Thema zusammengefunden hat.

(Exkurs Barcamp: Anders als bei klassischen Konferenzen steht das Programm nicht vorher fest, sondern wird gemeinsam von den Barcamp-Teilnehmern gestaltet. Jede*r, der/die möchte, kann eine Session vorschlagen. Dann wird demokratisch abgestimmt und die beliebtesten Themen finden auch als Session statt. Auf einem selbst geschriebenen Session-Plan kann man dann sehen, was so stattfindet und sich aussuchen, wo man hingeht.)

Das Media Innovation Camp ist ein großes Barcamp geworden; und immer noch, obwohl die Macher es von 300 Teilnehmern auf unter 200 geschrumpft haben. So passen alle in die Location (danke Google für das Bereitstellen der Veranstaltungsräume im Münchener Engineering Center), und das Beste: Gerade in den „kleineren“ Sessions kommen die Sessionleiter wirklich mit den Teilnehmerinnen ins Gespräch.

Drüben bei Twitter habe ich schon Frau Hood (Nicole Kiermeier) und Matthias Montag über den grünen Klee gelobt:

Es ist Zeit, das weiter zu tun. Wir alle müssen ein bisschen mehr so werden wie die beiden. Sie hat, bevor sie sich selbstständig gemacht hat, die Kolleginnen bei Sport1 genervt, bis sie etwas umgesetzt bekommen hat. Er macht es immer noch beim MDR, früher hat er es beim Kika getan.

Begeistert von neuen Ideen, die sie für gut halten – und, Schockschwerenot, die sie sogar mit real existierenden Nutzenden erprobt haben. Wenn Montag vom Kika erzählt, für den er mehrere App-Projekte gestemmt hat, leuchten seine Augen. Und die Teilnehmenden nicken anerkennend. Dabei hat er „nur“ das gemacht, was Greg Nudelman schon 2014 in seinem Design-Ratgeber „The $1 Prototype“ vorgeschlagen hat: 

„The central philosophy of the $1 Prototype methodology is that the state of completion of the system must be reflected in the state of the prototype. An expensive high-definition prototype isn’t built for most mobile projects, because the level of uncertainty is too high to make such a major commitment. The benefits of building such a prototype are low compared to the costs in time and money required to build it. Instead, lean, low-fidelity sticky note prototypes are used to explore several design solutions quickly, so the Agile team can move forward rapidly and innovate with confidence.“

Auszug aus: Greg Nudelman. „One Dollar Prototype.“ Apple Books.

Weil eben bei einer Video-App für Kinder keiner der Projektbeteiligten ein Kind war und auch nicht vorgeben konnte, ich fühle mich wie eins, musste man mit Kindern reden. Und sie den Prototypen testen lassen. Ich kenne genügend Häuser, in denen so etwas mit einem fünfstelligen Preisschild kurz angemacht und dann wieder verworfen wird. „Dafür ist kein Budget da.“

Ich selbst habe wunderbare Erfahrungen damit gemacht, Team-Mitglieder auf die Straße zu schicken, um etwa mit der DIY-Zielgruppe zu reden, weil wir ganz konkrete Fragen zu einem Hobby-und-Bastel-Projekt hatten. Das hat einen Nachmittag und eine Stunde in der Aufbereitung gekostet. Nur Zeit, kein Geld, wie Montag das meinte. Und ja, man muss sich auch auf Enttäuschungen und Niederlagen einstellen, aber besser im Kundengespräch als für viel Geld in eine App oder eine Webseite gegossen (=designt, programmiert und getestet).

Gleich beginnt Tag 2, wenn man die Koffer-Rate am Freitagabend betrachtet, wohl mit deutlich weniger Teilnehmern. Aber ich freue mich auf das Energielevel und die Menschen!

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