Filmkritik: „La La Land“

Schreibe einen Kommentar
Film
Zwei Minuten ist der Film „La La Land“ alt, da gibt es schon kein Vertun mehr. Ein Stau auf einem Freeway in Los Angeles, und die Staufahrer steigen aus ihren Autos, singen und tanzen auf der Straße und auf den Autodächern. In der klassischen Musik nennt man das Ouvertüre, wenn Motive des ganzen Werkes schon in der Eröffnung angespielt werden. Genauer, eine Operettenouvertüre, wenn ich Wikipedia glauben darf.

Eine Variante der Opernouvertüre ist die Potpourri-Ouvertüre, welche besonders häufig bei Operetten vorkommt. Darin werden die wichtigsten Melodien aus der Oper oder Operette zusammengemischt

La La Land: kein Film wie andere

Wer solche Filme nicht mag, hat die Chance, das Kino oder das Sofa zu verlassen. Die Mischung aus realistisch anmutenden Szenen mit Figuren, die sich normal verhalten (Frau fährt nicht an, weil sie ins Smartphone schaut. Typ hinter ihr hupt und zeigt ihr unmissverständlich, dass sie nicht die beste Autofahrerin der Welt ist #fastmittelfinger), und die Überhöhung der Wirklichkeit durch märchenhaft anmutende Hintergründe, Beleuchtung oder auch Kostüme: die bleibt.

Suspension of disbelief hieß der Deal, auf den man sich als Filmzuschauer einlassen muss, soweit ich mich an die Einführung in die Filmwissenschaft erinnere. Diese Theorie soll erklären, warum man das, was auf der vierten Wand passiert, so als Werk akzeptiert. Und meine Güte, bei „La La Land“ habe ich diesen Deal beinahe ausgesprochen: Ok, da musst du dich jetzt drauf einlassen. Dass alle singen und Kleidung in Grundfarben tragen – und auf einmal Stepptanzschuhe anziehen und auf eine Parkbank hüpfen.

Wenn man diesen Sprung tut, es ist beinahe einer des Glaubens, dann wird man mit einem funkelnden Feuerwerk belohnt. Es ist schwierig, darüber zu schreiben, ohne zu viel über den Film zu verraten. Daher: Ab jetzt kommen ein paar Spoiler.

Noch da?

Spoiler-Alarm für „La La Land“

Einen Director’s Cut braucht „La La Land“ nicht, er nimmt das alternative Ende gleich mit in seine normale Spielzeit mit hinein. Das ist einerseits sehr ungewöhnlich, andererseits zeigt der Film damit, dass er sich für die erwachsene Form des Erzählens entscheidet und nicht für die märchenhafte Wunschvorstellung. Manche Kritiker werfen dem Anfang daher vor, gar nicht so ouvertürenhaft für den Rest des Films zu stehen – nicht ganz falsch, denn so eine große Ensemblenummer kommt danach nicht wieder. Ich halte die Entscheidung, der ganz, ganz großen, alles verzehrenden Liebe die Alltagstauglichkeit abzusprechen, für enorm richtig und wichtig. Vielleicht ist das auch das, was die Academy daran nicht mochte. Der Fast-Oscargewinner hat damit für mich aber an künstlerischem Wert gewonnen.

Die unterschiedlichen Ebenen des Erzählens werden damit unauflöslich mit der harten Wirklichkeit verbunden.

From great romantic sparks come great relationship woes.

Diesen Ratschlag hat Onkel Ben (nein, nicht der Reismann) seinem Neffen Peter Parker nicht mehr geben können, aber kennen wir Erwachsenen das nicht? Ob aus eigenem Erleben oder Passiv-Beziehungen (Freund/in mit Jammern ist uns noch im Ohr). Für eine erfolgreiche Beziehung braucht es auf mehr Feldern eine gute Bewertung. Testsieger leisten sich kaum Schwächen, Stiftung Ehetest ist da nicht anders als Stiftung Warentest.

Emma Stone und Ryan Gosling können zwar nicht überragend tanzen oder singen, aber sie sind Typen zum Anhimmeln. Filmstars, so wie vor 20 Jahren George Clooney, die Jolie oder die Zeta-Jones. (Chicago!) Gerade in den Momenten, wo die vierte Wand vor übertriebener Künstlichkeit bröckelt – das realistisch gesetzte Licht verschwindet, und unsere Helden bekommen einen Spot auf sie gesetzt. Disco! Also Jazz-Disco, denn Gosling spielt einen Hard-Core-Jazz-Fundamentalisten, der die Welt mit seiner alten Vorstellung von Jazz beglücken möchte.

„La La Land“ ist dabei nicht so musicalesk wie Chicago, das mit einer sehr reduzierten Kulisse auskennt. Nein, der Film macht sich das Leben viel schwerer, indem er mal im real existierenden, staugeplagten Los Angeles spielt, und dann wieder auf der Soundstage (also im Hollywood-Studio). Rückblickend macht diese Leichtigkeit des Springens von Welt zu Welt „Hail Caesar“ zu einer noch bemühteren Sache, als sie mir damals schon vorgekommen war.

TL;DR: Alle Preise für „La La Land“ sind aus meiner Sicht gerechtfertigt, er ist ein seltenes Exemplar dieses „Einmal-im-Jahrzehnt-macht-jemand-ein-Musical-uns-es-funktioniert“-Genres. Wenn dir „Magnolia“ gefallen hat, wird dir auch „La La Land“ gefallen.

Wertung: 4,5 von 5 Hollywood-Buchstaben

P.S. Eine Lebenslektion für uns alle Nicht-Los-Angeles-Bewohner hat der Film auch bereit: Sei immer freundlich zu deiner/m Barista. Du weißt nicht, wer/was in ihm/ihr steckt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.