Die New York Times entdeckt den Link

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Allgemein / Journalismus
Es gibt ein Buch, das ich immer wieder hernehme, als Maßstab. Es handelt sich um „What would Google do?“ von Jeff Jarvis. Es stammt aus dem Januar 2009.

Es war das erste Buch, das ich auf dem Kindle hatte. Und das passt auch. Es sind digital-radikale Worte und Thesen in diesem Buch. (Manche halten das für ein Pamphlet, weil zu begeistert und zu einverstanden mit der digitalen Revolution.) Ich sehe es als eine Art Evangelium des Online-Journalismus, die frohe Botschaft. Und ja, es gibt auch apokryphe Schriften. Aber Schluss mit Metaphern aus einem Feld, in dem ich mich nicht so auskenne.

Dieser wortgewandte Professor an einer zweitklassigen US-amerikanischen Hochschule, CUNY, sprach mir aus der Seele. Zweitklassig meine ich in dem Sinne, dass das Community-College-Prinzip im amerikanischen Bildungssystem dafür sorgt, dass auch Minderheiten und vormals bildungsferne Schichten nach Akademia können, um bessere Chancen im Arbeitsmarkt zu haben.

Heute ist die CUNY mit ihren Zentren für unternehmerischen Journalismus aus der US-Landschaft für Journalistik und Journalismus-Ausbildung nicht mehr wegzudenken, sicher mindestens so wichtig wie die ruhmreichere Columbia, an der etwa Emily Bell lehrt. (Macht sie das nur auf Zeit? Recherche)

Der Satz, der bei mir vor allem hängen geblieben ist, und der sechs Mal im Buch vorkommt, einmal davon in der Titelei:

Do what you can do best, and link to the rest.

Was bedeutet das? Diesen Satz bezieht und bezog der streitbare Jarvis auf die journalistischen Medien. Viele von denen mühten sich lange mit der Chronistenpflicht. Was ist das? Ein Beispiel. Das beste, weil offenkundigste Beispiel ist für mich die Tagesschau. Was gestern noch nicht in der 20-Uhr-Ausgabe der Tagesschau war, muss heute den Weg hineinfinden, wenn es wichtig ist. Auch dann, wenn es nix Wesentliches zu berichten gibt, was anders wäre als in der 12-Uhr-Ausgabe. Für mich ist dieses Denken das medienzentrische Weltbild. Die Medien gestalten nach der Ansicht der Medienmacher das Weltbild. Und sie sind im Zentrum. (Sie haben es lange so gelernt. Woher hat der Times Square, von dem ein Foto diesen Post schmückt, seinen Namen? Er kommt nicht von einer Uhr, wie der öde Alexanderplatz.)

Die neuen Medien mühen sich mit so etwas nicht ab. Sie sind ohne Ballast gestartet. Das bekannteste und am meisten kopierte davon ist Buzzfeed. Ich arbeite bei einem Unternehmen, das sich auch dazu zählt, obwohl es ein winziges Startup ist. (Was wir machen, kann man hier gut sehen.)

Aber die alten Medien mühen sich immer noch damit ab. Wenn man nicht weiter weiß, gründet man einen Arbeitskreis. Der Spiegel hat so einen Leak produziert, und jetzt ist wieder einer da. Das Beispiel aus der Tagesschau ist gar nicht so weit hergeholt, und auch die wohl erfolgreichste Tageszeitung der Welt, die New York Times, ist immer noch nicht weiter. Das entnehme ich aus einem internen Memo, das jetzt veröffentlicht wurde. Es stammt von Dean Baquet, dem Chefredakteur der Times.

Erstens:

Fewer stories will be done just “for the record.” In fact, fewer traditional news stories will be done overall.

Dieses „Paper of record“-Denken ist tot. Das Internet hat es vor langem getötet. Einige tausend Zombiejournalisten haben das vor lauter Wichtigkeit und Bedeutsamkeit nicht mitbekommen. Das Nachrichtendenken selbst steht in der Zeit der Statusupdates und atomaren Newsproduktion (Circa, du warst da etwas auf der Spur!) auf dem Prüfstand, finde ich.

Zweitens:

The digital news marketplace nudges us away from covering incremental developments — readers can find those anywhere in a seemingly endless online landscape.

Das Livetickern des Weltgeschehens ist kein Wert an sich, sondern muss bedacht sein. In der Techszene machen das die großen Tech-Blogs, beim Sport viele Hobbyisten, bei der Wirtschaft Bloomberg, in der Politik Onlinemedien und Agenturen die kapitelweise Zusammenfassung. Wenn ein neuer Papst gewählt wird, oder ein Gesangssternchen in Europa aufgeht – dann ist das eine legitime journalistische Form. Das Dringliche verdrängt auch bei den Medien das Wichtige. Die Renaissance von Nachdenk-Formen und Medien wie der Wochenzeitung (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Die Zeit – die beiden deutschen Vertreter dieser Gattung) oder der Erklärjournalismus (Vox Media, Perspective Daily kommen daher) für ein zugegeben elitäres Publikum sind sichtbare Gegenbewegungen dazu. Das scheint jetzt auch die NYTimes verstanden zu haben.

Randnotiz 2020 in 2016

Lustig finde ich den Namen der Arbeitsgruppe. Projekt 2020.

As I announced months ago, the goal of Project 2020 is to help the masthead and me design the newsroom of the future.

Irgendwo sitzt Gerhard Schröder und klopft sich auf seine breiten Alphamannschultern.

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