China und Cory

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Bücher / Satire
Podest vor Rotchina-Hintergrund. Eigene Illustration
Kennt ihr Whuffie? Whuffie ist die erfundene soziale Währung in Cory Doctorows erstem Roman, „Down and Out in the Magic Kingdom“. Worum geht es da?

Darin ist die soziale Stellung in einer Gesellschaft davon abhängig, wie viel Whuffie man besitzt. Die vereinfachte Version: Whuffie gewinnt, wer respektvoll mit anderen umgeht. Whuffie verliert, wer es nicht tut.

Ich fand das Konzept so überzeugend wie erschreckend, dass ich mal meine eigene Webseite whuffie.de machen wollte. Ich denke immer in Produkt, und immer mit einem Schuss Sarkasmus dabei (half product, half snark). Aber ich will das mal mit einem Auszug aus dem Roman, den es als freien Download gibt (in allen möglichen Formaten, auch den üblichen PDF, ePub und Kindle-Format), Doctorow besser sagen lassen:

„On campus, they called him Keep-A-Movin‘ Dan, because of his cowboy vibe and because of his lifestyle, and he somehow grew to take over every conversation I had for the next six months. I pinged his Whuffie a few times, and noticed that it was climbing steadily upward as he accumulated more esteem from the people he met.
I’d pretty much pissed away most of my Whuffie — all the savings from the symphonies and the first three theses — drinking myself stupid at the Gazoo, hogging library terminals, pestering profs, until I’d expended all the respect anyone had ever afforded me. All except Dan, who, for some reason, stood me to regular beers and meals and movies.“

Auszug aus: Cory Doctorow. „Down and Out in the Magic Kingdom.“ iBooks

Natürlich endet das nicht gut mit dem Ich-Erzähler. (Das Buch ist übrigens ein guter Einstieg in digitales Denken, und wie Augmented Reality, gekoppelt mit Sozialökonomie, gute Dystopien und Romanstoffe ergibt. Danach sollte man unbedingt „Daemon“ von Daniel Suarez lesen, passt dann ganz gut. Und man geht drei Tage nicht mehr aus dem Haus.)

Daran musste ich denken, als ich diesen Bericht über ein neues soziales Experiment in China las. In drei dutzend Modellstädten versucht die chinesische Führung, neue Normen des Zusammenlebens zu erproben. Und zwar in einer Stadt auch mit einem Konzept einer sozialen Währung, die auch an die Zahlungsmoral der Einwohner geknüpft ist:

Life Inside China’s Social Credit Laboratory – Foreign Policy:

In what it calls an attempt to promote “trustworthiness” in its economy and society, China is experimenting with a social credit system that mixes familiar Western-style credit scores with more expansive — and intrusive — measures. It includes everything from rankings calculated by online payment providers to scores doled out by neighborhoods or companies. High-flyers receive perks such as discounts on heating bills and favorable bank loans, while bad debtors cannot buy high-speed train or plane tickets.

Die Zukunft ist schon da, sie ist nur ungleich verteilt. In China wird sie schon geübt (und ich habe so meine Zweifel, dass man solche Menschenexperimente machen sollte). Aber dann wiederum: Ist es wirklich etwas Anderes, seinen Wert anhand von Likes und Followerzahlen und meaningful interactions zu messen?

Kein Fazit, eher ein: Wo führt uns das alles hin?

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