Erste Male: nach Belgrad reisen

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Reisen
Nebeneinander von Alt, Neu und Kaputt in Belgrad. Foto: Aleksandr Zytov/Flickr

Diesmal also Belgrad. Vor zwei Jahren, also nicht jetzt zur WM, war ich in Moskau. Ich war enttäuscht. Alles so sauber, adrett, neu; gerade im Stadtzentrum kaum von einer westeuropäischen Großstadt zu unterscheiden. Leuchtreklamen, globale Marken, deutsche und andere Premium-Autos überall.

Bei Belgrad, Hauptstadt, Millionenstadt, habe ich das einfach auch angenommen. Und so ganz falsch ist das auch nicht. Viel Glitzer an der Oberfläche, wie etwa die Marmor-Einkaufspaläste, die schicken Bars und die schönen Menschen. Wenn man aber mit offenen Augen durch die Gassen schlendert, und durch die sehr typischen Passagen, die unter vielen Geschäftshäuserblocks herführen, und überhaupt sonst auch die nicht so touristischen Bereiche der Stadt aufsucht, sieht man sehr viele, typisch serbische Dinge.

Was mir in Belgrad aufgefallen ist

Zum ersten ist da die Sache mit den zwei Alphabeten. Die kyrillische Schrift hat Verfassungsrang in Serbien, mit allen 30 Buchstaben. Das hält aber die meisten Retailer nicht davon ab, die Schilder im lateinischen Alphabet zu gestalten. Privatsender im Fernsehen auch.

Also gewöhnten sich auch meine Touristenaugen an Latein. Im Bus und in der Tram (beides sehr empfohlen, vor allem als Tagesticket oder Mehrtagesticket, 1, 3, 5 oder 7 Tage) gilt Kyrillisch. Ich stelle mir das, als Papa eines Erstklässlers, sehr schwierig vor, gleich mit zwei Alphabeten umgehen zu lernen. Und gerade, wenn man ein Ticket für den Bus braucht, hat man es oft mit kaputten Computern und Serbinnen zu tun, die nur ganz schlecht Englisch sprechen. Wenn der Reiseführer sagt: gibt es an jedem Kiosk, dann kann das auch heißen, dass man erst am sechsten Kiosk Erfolg hat. Ich habe jedenfalls zwei Blasen vom vielen Laufen bekommen.

Belgrad ist eine kleine Stadt, man kann relativ gut überall hinlaufen.

Noch so ein Reiseführer-Satz. Ja, das stimmt, mit ein paar Einschränkungen. Die meisten Sehenswürdigkeiten befinden sich auf dem östlichen Ufer des Save, dem Donauzufluss. So etwa die Festung Kalemegdan, einer Zitadelle von beeindruckenden Ausmaßen.

Mich haben aber nicht die alten Steine beeindruckt, sondern mehr noch, was mittendrin sprießt. Provisorien oder permanente Installationen – wie ein Dinosaurierpark, mehrere Tennisplätze, die üblichen Cafés und ein Zoo. Für die Belgrader ist das ihr Central Park oder Englischer Garten, und bis spät in den Abend findet hier das Stadtleben statt. Hunde werden ausgeführt, neue Lieben und alte Lieben werden hier mit Händchenhalten demonstriert.

Morgens Früh werden die Touristen der Donaudampfschiffe mit dem Bus den Berg hoch gefahren und durch die Anlage getrieben. Ok, mit Dampf fahren sie nicht mehr, aber die Flusskreuzfahrten halten zu Fuße des Festungsberges, nicht im normalen Belgrader Donauhafen. Weiß, grau und beige dominieren, wenn man den Passagieren zuschaut. Knopf im Ohr, denn auch hier werden die Stadtführungen mit Headset präsentiert. Schreien in Ruinen gehört der Vergangenheit an, hier wie andernorts.

Collage belgrad kalemegdan eigene fotos

Foto: eigenes Foto, Collage mit Google Photos erstellt

An den unvermeidlichen Souvenirständen gibt es schreckliche Dinge zu kaufen, die sich nur durch den Aufdruck Belgrade / Beograd von denen in anderen Städten unterscheiden. Und natürlich die Nationalmannschaftstrikots in Kindergrößen. Hier unterscheidet sich Belgrad kaum von Moskau: geschmackvolle Mitbringsel sind schwer zu finden. Aber das ist in London und Paris auch nicht anders, wenn wir ehrlich sind.

Im Grunde ist die Millionenstadt Belgrad mehrere Städte, so unterschiedlich sind die Stadtteile. Das alte Belgrad ist eins von engen Gassen, steilen Anstiegen, immer wieder tollen Ausblicken auf die Flüsse, Glitzer, Baulücken, die kreativ bebaut werden – oder gerade dem Verfall und den herumstreunenden halbwilden Hunden überlassen werden. Und natürlich Obdachlosen, die es hier sehr sichtbar gibt, wenn auch vielleicht nicht in der Zahl von San Francisco oder anderen Städten, in denen die Technik zu Hause ist. Keine Stadt sei so oft zerstört worden wie Belgrad, das jahrhundertelang die Grenze zwischen West und Ost, Österreich und osmanischem Reich markiert hat. Selbst als Hauptstadt von Jugoslawien nahm man ja eine Zwitterrolle von Sozialismus plus ein bisschen Westen ein.

Das neue Belgrad, das sogar auf den Stadtplänen so heißt, findet man auf der linken Seite der Sava. Es ist der Stadt gewordene Traum eines sozialistischen Stadtplaners (mehr zur aktuellen Stadtplanung hier). Ausbuchstabiert wurde der im Generalbauplan von 1950.

Um dem starken Bevölkerungswachstum zu begegnen wurde unter dem Direktor des Stadtplanungsinstituts (Miloš Somborski) mit dem Bau der Neustadt am linken Ufer der Sava begonnen. Dabei wurde die auf jenem Ufer gelegene Kleinstadt Zemun in Belgrad integriert.

Dieser wurde durch zwei weitere Generalbaupläne aktualisiert.

Breite Avenuen finden sich hier, mit unfassbarem Autoverkehr und nur wenig Gedanken an Fußgänger. Wie in Moskau und anderen osteuropäischen Städten finden sich hier Unterquerungen, weil die Straßen zu breit für beherrschbare Ampelphasen sind. Die sind dampfig, dunkel, manchmal stinken sie, und manchmal finden sich hier wie in allen unterirdischen Gängen Straßenmusiker, die nicht ohne Talent „House of the Rising Sun“ interpretieren.

Belgrade street kiosk flickr vasenka photography

Foto: Vasenka Photography/Flickr

Was sich hier außerdem findet: Kioske. Alle paar hundert Meter findet man Kioske, die Prepaidkarten, Zigaretten, Zeitungen, Getränke und Fahrkarten verkaufen. Als München-Geschädigter finde ich das toll, vor allem, weil die oft fast rund um die Uhr geöffnet haben.

Die Straßen trennen die großen, hohen Wohnblöcke voneinander. Alles natürlich im sozialistischen Stil gehalten, der während der Stadterweiterung angesagt und Pflicht war. Von den Plattenbauten in Marzahn ist das meist kaum zu unterscheiden, und ehrlicherweise sehen die Satellitenstädte in Westdeutschland auch genauso aus. Türme, zwischendurch viel Grün, wo wie auf der grünen Wiese kleine Shoppingpavillons sich an die Häuser ducken.

Die Wohnblöcke sind nicht ganz so hoch wie in Moskau, aber sie sind durchaus mehrere hundert Meter lang. So etwa im Block 42, den ich beim Besuch der After-Event-Party gesehen habe. An dem Block finden sich nicht die üblichen Holzfenster, sondern kleine Bullaugen, durch die die Hitze kaum entweichen kann. Wer er sich in Belgrad leisten kann, hat für die langen Sommermonate eine Klimaanlage gekauft. Die darf auch im Sortiment der großen Elektromärkte nicht fehlen.

Wohnblock belgrad ggue belexpo centar eigenes foto

Foto: Wohnblock gegenüber Belexpo Centar, eigenes Foto

Aus der Spannung von eng, eng, eng wie in der Altstadt rund um die Einkaufs- und Flaniermeile Kneza Mi… und den sehr breiten, fast nicht für Menschen gemachten Flächen in der Neustadt ergibt sich die Faszination Belgrads. Es schillert.

Wie ist Belgrad?

Das macht die Frage, wie man sich die Stadt vorstellen muss, auch gar nicht so leicht. Wenn man eine osteuropäische Stadt kennt, kennt man fast alle – nur hat Belgrad ein wenig mehr Geschichte als die Städte vom Reißbrett. Auch das Sehnen nach dem Westen ist überall zu sehen. Die beiden großen Shoppingzentren, Rakijeca und USCE, sind von einer Premium-Mall nicht zu unterscheiden. Die immergleichen Läden sind dort zu finden: dm, H&M, Lego, Nike, Va Piano, Victoria’s Secret, Yves Rocher, Zara. Wie man sich die importierten Waren von einem serbischen Gehalt leisten kann, ist mir schleierhaft. Was es nicht gibt, sind Dinge aus dem jugoslawischen, osmanischen und sonstigen historischem Erbe. Metallspielzeug, Sachen aus Holz? Ne, Plastik bitte, und bunt soll es sein. Das Überangebot an Plastiktüten, die es überall gibt, zeigte mir auch auf unerwartete Weise: Das hier ist kein EU-Land. (Die Einreise mit Papieren zeigen war eher schmerzfrei, und schon ein paar Tag eher.)

Der Event, der mich nach Belgrad geführt hatte, war der weltgrößte WordPress-Kongress. Der fand in dem Ende der siebziger Jahre gebauten Sava Centar statt, nach eigenem Angaben dem Kongresscenter mit dem größten Auditorium auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens. Jugoslawien, ein Wort, das ich mir vor der Reise geschworen hatte, nicht oft zu verwenden, um nicht auf Konversationsglatteis zu geraten. Aber mein Taxifahrer sprach es selbst an – er vermisse das Gefühl von damals. Der Weg vom Flughafen in die Stadt führt auch am ehemaligen jugoslawischen Parlament vorbei, einem Betonbau mit eleganten Säulen, zwei streng symmetrischen Flügeln, der einen ganzen Stadtblock einnimmt. Überhaupt ist das ein typisches Muster in der Belgrader Neustadt: Alle drei, vier Wohnblocks folgt ein Block mit Sonderbebauung, wie etwa dem Kongresscenter und mehreren Hotels, der Belgrader Kombank Arena (Halle für 20.000 Besucher), Shoppingzentren und so weiter.

Das Sava Centar verdient einen eigenen Absatz, weil es mir so typisch erscheint. Die Typografie scheint seit dem Bau nicht verändert worden zu sein. So finden sich Disco-Schriften immer noch an der Garderobe und an den Büros, die sich dort befinden.

Collage sava centar

Auch das Lichtdesign ist gewiss noch das Original. Mehr darüber habe ich dank Adrian Roselli auch in einem Architekturblog gelesen. Die Lampen! Die Lüftung! Die Weltzeituhr! Wunderbar, echte Hingucker. Anders als er hatte ich aber keine echte Kamera dabei.

Mein persönliches Highlight kam dann aber drei Stunden vor dem Abflug. Durch Zufall hatte ich auf der Karte gesehen, dass sich direkt neben dem Flughafen ein Flugzeugmuseum befindet. (Dass der Flughafen Nikola Tesla im Namen trägt, geriet da in den Hintergrund, und mehr als eine Statue im Taxi-Anfahrtsbereich weist da auch nicht darauf hin.)

Tesla statue flughafen eigenes foto

In dem Museum finden sich die ersten serbischen Flugobjekte, Platz für eine Sonderausstellung, eine vollständige Aufarbeitung der zivilen und militärischen Fluggeschichte und auch Flugobjekte, die im Bürgerkrieg abgeschossen worden waren. Ja, das ist richtig. So hat der Escape Seat eines Jetpiloten seinen Platz gefunden, die Kuppel eines Tarnkappenbombers und auch eine vollständige Predator-Drohne. Das ist, hm, mal etwas Anderes als in westlichen Museen, finde ich. Und ja, ich musste beim Mann an der Kasse erst einmal nachfragen: Was stellt ihr hier aus? Ich hatte richtig gehört.

Collage belgrad flugzeugmuseum aussen

3 Kommentare

  1. Hallo Dominic,

    sehr schöner Text! So ähnlich habe ich den Besuch in Belgrad auch erlebt. Und vielen Dank für die Verlinkung zu meinem Pop Art-Post 🙂 See you in Berlin. #WCEU

    • loppilopp sagt

      Danke dir! Freue mich aufs Kennenlernen! Und das Estrel gibt sicher auch was her…

      • Im Estrel ist das? Perfekt. Da wollte ich schon immer mal ‘rein. Und die Neunziger sind ja in Neukölln schon wieder sehr angesagt. Grüße!

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