Erste Male: nach Belgrad reisen
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Diesmal also Belgrad. Vor zwei Jahren, also nicht jetzt zur WM, war ich in Moskau. Ich war enttäuscht. Alles so sauber, adrett, neu; gerade im Stadtzentrum kaum von einer westeuropäischen Großstadt zu unterscheiden. Leuchtreklamen, globale Marken, deutsche und andere Premium-Autos überall. Bei Belgrad, Hauptstadt, Millionenstadt, habe ich das einfach auch angenommen. Und so ganz falsch ist das auch nicht. Viel Glitzer an der Oberfläche, wie etwa die Marmor-Einkaufspaläste, die schicken Bars und die schönen Menschen. Wenn man aber mit offenen Augen durch die Gassen schlendert, und durch die sehr typischen Passagen, die unter vielen Geschäftshäuserblocks herführen, und überhaupt sonst auch die nicht so touristischen Bereiche der Stadt aufsucht, sieht man sehr viele, typisch serbische Dinge.
Was mir in Belgrad aufgefallen ist
Zum ersten ist da die Sache mit den zwei Alphabeten. Die kyrillische Schrift hat Verfassungsrang in Serbien, mit allen 30 Buchstaben. Das hält aber die meisten Retailer nicht davon ab, die Schilder im lateinischen Alphabet zu gestalten. Privatsender im Fernsehen auch. Also gewöhnten sich auch meine Touristenaugen an Latein. Im Bus und in der Tram (beides sehr empfohlen, vor allem als Tagesticket oder Mehrtagesticket, 1, 3, 5 oder 7 Tage) gilt Kyrillisch. Ich stelle mir das, als Papa eines Erstklässlers, sehr schwierig vor, gleich mit zwei Alphabeten umgehen zu lernen. Und gerade, wenn man ein Ticket für den Bus braucht, hat man es oft mit kaputten Computern und Serbinnen zu tun, die nur ganz schlecht Englisch sprechen. Wenn der Reiseführer sagt: gibt es an jedem Kiosk, dann kann das auch heißen, dass man erst am sechsten Kiosk Erfolg hat. Ich habe jedenfalls zwei Blasen vom vielen Laufen bekommen.
Belgrad ist eine kleine Stadt, man kann relativ gut überall hinlaufen.
Noch so ein Reiseführer-Satz. Ja, das stimmt, mit ein paar Einschränkungen. Die meisten Sehenswürdigkeiten befinden sich auf dem östlichen Ufer des Save, dem Donauzufluss. So etwa die Festung Kalemegdan, einer Zitadelle von beeindruckenden Ausmaßen. Mich haben aber nicht die alten Steine beeindruckt, sondern mehr noch, was mittendrin sprießt. Provisorien oder permanente Installationen - wie ein Dinosaurierpark, mehrere Tennisplätze, die üblichen Cafés und ein Zoo. Für die Belgrader ist das ihr Central Park oder Englischer Garten, und bis spät in den Abend findet hier das Stadtleben statt. Hunde werden ausgeführt, neue Lieben und alte Lieben werden hier mit Händchenhalten demonstriert. Morgens Früh werden die Touristen der Donaudampfschiffe mit dem Bus den Berg hoch gefahren und durch die Anlage getrieben. Ok, mit Dampf fahren sie nicht mehr, aber die Flusskreuzfahrten halten zu Fuße des Festungsberges, nicht im normalen Belgrader Donauhafen. Weiß, grau und beige dominieren, wenn man den Passagieren zuschaut. Knopf im Ohr, denn auch hier werden die Stadtführungen mit Headset präsentiert. Schreien in Ruinen gehört der Vergangenheit an, hier wie andernorts. 
Um dem starken Bevölkerungswachstum zu begegnen wurde unter dem Direktor des Stadtplanungsinstituts (Miloš Somborski) mit dem Bau der Neustadt am linken Ufer der Sava begonnen. Dabei wurde die auf jenem Ufer gelegene Kleinstadt Zemun in Belgrad integriert.
Dieser wurde durch zwei weitere Generalbaupläne aktualisiert. Breite Avenuen finden sich hier, mit unfassbarem Autoverkehr und nur wenig Gedanken an Fußgänger. Wie in Moskau und anderen osteuropäischen Städten finden sich hier Unterquerungen, weil die Straßen zu breit für beherrschbare Ampelphasen sind. Die sind dampfig, dunkel, manchmal stinken sie, und manchmal finden sich hier wie in allen unterirdischen Gängen Straßenmusiker, die nicht ohne Talent „House of the Rising Sun“ interpretieren. 

Wie ist Belgrad?
Das macht die Frage, wie man sich die Stadt vorstellen muss, auch gar nicht so leicht. Wenn man eine osteuropäische Stadt kennt, kennt man fast alle - nur hat Belgrad ein wenig mehr Geschichte als die Städte vom Reißbrett. Auch das Sehnen nach dem Westen ist überall zu sehen. Die beiden großen Shoppingzentren, Rakijeca und USCE, sind von einer Premium-Mall nicht zu unterscheiden. Die immergleichen Läden sind dort zu finden: dm, H&M, Lego, Nike, Va Piano, Victoria’s Secret, Yves Rocher, Zara. Wie man sich die importierten Waren von einem serbischen Gehalt leisten kann, ist mir schleierhaft. Was es nicht gibt, sind Dinge aus dem jugoslawischen, osmanischen und sonstigen historischem Erbe. Metallspielzeug, Sachen aus Holz? Ne, Plastik bitte, und bunt soll es sein. Das Überangebot an Plastiktüten, die es überall gibt, zeigte mir auch auf unerwartete Weise: Das hier ist kein EU-Land. (Die Einreise mit Papieren zeigen war eher schmerzfrei, und schon ein paar Tag eher.) Der Event, der mich nach Belgrad geführt hatte, war der weltgrößte WordPress-Kongress. Der fand in dem Ende der siebziger Jahre gebauten Sava Centar statt, nach eigenem Angaben dem Kongresscenter mit dem größten Auditorium auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens. Jugoslawien, ein Wort, das ich mir vor der Reise geschworen hatte, nicht oft zu verwenden, um nicht auf Konversationsglatteis zu geraten. Aber mein Taxifahrer sprach es selbst an - er vermisse das Gefühl von damals. Der Weg vom Flughafen in die Stadt führt auch am ehemaligen jugoslawischen Parlament vorbei, einem Betonbau mit eleganten Säulen, zwei streng symmetrischen Flügeln, der einen ganzen Stadtblock einnimmt. Überhaupt ist das ein typisches Muster in der Belgrader Neustadt: Alle drei, vier Wohnblocks folgt ein Block mit Sonderbebauung, wie etwa dem Kongresscenter und mehreren Hotels, der Belgrader Kombank Arena (Halle für 20.000 Besucher), Shoppingzentren und so weiter. Das Sava Centar verdient einen eigenen Absatz, weil es mir so typisch erscheint. Die Typografie scheint seit dem Bau nicht verändert worden zu sein. So finden sich Disco-Schriften immer noch an der Garderobe und an den Büros, die sich dort befinden. 

