Podcasts, die ich höre (7): Alles gesagt

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Journalismus / Podcast
Symbolbild Podcast. Foto: Blake Connally/Unsplash
Selten ist es, dass sich ein Mission Statement so voll erfüllt wie bei Alles gesagt, dem Interview-Podcast der Zeit-Journalisten Christoph Amend und Jochen Wegner.

Die Idee zu unserem potenziell unendlichen Interviewpodcast basiert auf einer für Journalisten quälenden Einsicht: Oft werden Gespräche mit spannenden Persönlichkeiten erst dann so richtig spannend, wenn die vereinbarte Zeit eigentlich abgelaufen ist und die Unterhaltung sich dem Ende zuneigt. Kurz bevor wir das Aufnahmegerät abschalten, sagt der Künstler endlich das, was ihm besonders am Herzen liegt, und die Politikerin erzählt, schon etwas erschöpft, schließlich Wahres.

Deshalb gibt es bei Alles gesagt? keine zuvor vereinbarte Zeit. Nur die Gesprächspartner dürfen sagen, wann Schluss ist. Wir sind immer zu zweit und auf alles vorbereitet: Wir haben jeweils an die 100 Fragen dabei, die wir uns gegenseitig nicht zeigen, um auch für uns die Spannung zu erhöhen. Außerdem servieren wir neben Wasser etwas Wein und ein paar Snacks, damit es länger dauern kann.

Ich mag ja Mission Statements sehr, ich gebe mir mit denen für meine eigenen Projekte auch Mühe. Sie müssen halt im Dialog aller Beteiligten erarbeitet werden.

Die Folgen, die ich bisher gehört habe, hören dann wirklich abrupt auf, wenn der Interviewpartner das Stoppwort sagt (das nicht Safe Word heißen sollen, da sind sich die Gastgeber einig). Sie sind verbos. Das ist kein Podcast für den Weg zur Arbeit, sondern für hin und zurück und noch einmal hin und zurück. Eine Folge dauert leicht zwei, manchmal drei, ja sogar vier Stunden. Dafür kommt er auch nur einmal im Monat – was sich positiv auf die Prominenz der Gäste auswirkt. Die Politik ist bisher am stärksten vertreten. Robert Habeck, Katarina Barley und Christian Lindner waren zu Gast, und ich habe von allen ein viel besseres Bild gewonnen als ich das vorher hatte.

In meinem früheren Leben als Journalist habe ich das Vergnügen gehabt, entweder im persönlichen Gespräch oder bei Redaktionsbesuchen in Wahlkämpfen, den ein oder anderen Spitzenpolitiker direkt und unmediiert zu erleben. Und immer dachte ich: Warum kommen die nicht auch im Fernsehen so herüber, wie sie wirklich sind? Das Fernsehen vermittelt eben doch nicht die Politik und andere Gesellschaftsbereiche am besten und unverfälscht. Sondern die Soundbites, die die Politiker für die Nachrichtenformate liefern müssen, taugen nicht für Einsicht.

In diesem Podcast komme ich zu neuen Einsichten, und ich konnte sogar Christian Lindner dafür verzeihen, dass er nicht in die Jamaika-Koalition gegangen ist. Damals war ich auch persönlich wegen meiner eigenen Wahl-Entscheidung enttäuscht von ihm, und das Beste ist: Jochen Wegner erzählt auch davon, wo er bei vergangenen Wahlen immer das Kreuzchen gemacht hat. (FDP war es bei der letzten Wahl nicht, obwohl er ein Wechselwähler ist.)

Das ist ein Tabu für Journalisten, mit dem view from nowhere so zu brechen, und er wischt es einfach so beiseite. Die beiden Gastgeber kokettieren damit, dass sie auch mal etwas von sich erzählen sollen, und Wegner löst das mehr ein als Amend, einfach weil er nicht auf einem höheren Ross sitzt, glaube ich. (Ich habe einen man crush auf Wegner, schon seit 15 Jahren oder mehr, weil er damals so etwas wie der Gründungsvater der deutschen Onlinejournalisten-Zunft war. In seiner Mailingliste Jonet wurde über die Bedingungen des Journalismus’ und was er braucht diskutiert, ich habe damals unbewusst wohl meinen Berufswunsch – irgendwas mit Onlinejournalismus – geformt.)

Seinen Ton hatte Wegner früher schon, wie ein Screenshot von Jonet zeigt.

Hier diskutieren wir schon seit vielen Jahren. Mal mit Esprit und Witz, mal ohne Sinn und Verstand, mal polemisch und spitz, jedenfalls nicht verletzend, sonst droht die rote Karte des Hausmeisters. Theoretisch mit ein paar tausend Leuten, aber doch irgendwie unter uns. Postings der Liste bleiben in der Liste. Oder wie es Jochen Wegner, der Erfinder des jonets, mal nannte: im „geschützten Echoraum“.

Rubin Ritter, Co-CEO von Zalando, war auch zu Gast und brachte im Gespräch auf den Punkt, was mir unterbewusst gefallen, aber bewusst nicht aufgefallen war: Die beiden Gastgeber haben angenehme Stimme, beruhigende – die man beizeiten auch einmal nicht auseinander halten kann. Das ist für mich eine Sache, die ich schon im Radio nie mochte, aber das ist eher eine Binnensicht des Medienschaffenden. Ich höre ihnen gerne zu, auch wenn sie dem Gast ins Wort fallen, was ihnen häufiger passiert, als die Gesprächssituation das benötigen würde. Sie platzen einfach vor Vorwissen, was sie in ihre Fragen kanalisieren.

Intensive Vorbereitung

Dass es unnötig ist, zu betonen, wie viel man gelesen hat, um sich auf einen Gast vorzubereiten, wüssten sie, wenn sie „Fresh Air“ gehört hätten, einen der beliebtesten Podcasts überhaupt aus den USA. Dort sitzt Terry Gross, die meistens die Interviews führt, in einem Radio-Studio in Philadelphia, und ihre Gäste in einem anderen Radio-Studio ganz woanders. In den seltensten Fällen nur sitzt ihre Gesprächspartnerin ihr gegenüber. Und man hört das nicht. Es bleibt ein intimes Gespräch, auch über hunderte und tausende von Meilen. Dieses Betonen erinnert mich an die Argumentierer, die nach Klassenarbeiten noch sagten: „Aber ich habe so viel gelernt!“

Wie sich das bei jedem guten Podcast so ziemt, haben die beiden auch ein paar Rubriken vorbereitet, die in langweiligen Sendungen noch mal das Tempo verschärfen und in guten Sendungen völlig überflüssig sind. Meist waren die überflüssig, etwa das gemeinsame Singen, das ich regelmäßig vorspule. Der nicht gerade Proust’sche Fragebogen mit Ja/Nein/Weiter-Antwortoptionen kitzelt jedoch spannende Antworten aus vielen Gästen heraus.

Putin oder Trump?
Weiter.

Das wünsche ich mir auch, dass der Podcast noch sehr lange weiter geht, auch wenn die beiden das überhaupt nicht so meinen.

Der Podcast zum Anhören: https://pca.st/x4r2

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