Konferenzbesuch „Beyond Tellerrand“ in Düsseldorf 2016

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Konferenz

Ich bin ein wenig in Unfrieden von „Beyond Tellerrand 2016 Düsseldorf“ geschieden. Ich hatte mich erdreistet, einen Vortrag nicht so gut zu finden. 

Daraufhin warfen mir einige Teilnehmer der Konferenz so etwas wie Nestbeschmutzung vor, zumindest empfand ich das so. (Ja, wer sich in die Öffentlichkeit begibt, kommt darin um. Aber ich hatte bewusst den Namen der Rednerin weggelassen, um nicht Public Shaming zu betreiben.) 

Der Konferenzorganisator mischte sich auch noch ein, und baute eine Brücke – was ich sehr zu schätzen wusste. Danke dafür noch einmal!

Wahrscheinlich wäre der Beef über ein paar Bier vergessen gewesen, aber ich musste zum Flughafen, und das Bier in Düsseldorf ist irgendwie… sonderbar.

Warum trollte ich also in einem Vortrag? So haben mein Anpinkeln einige andere Besucher verstanden. Ich finde, zu einer erstklassigen Konferenz gehören auch erstklassige Vorträge, sowohl auf inhaltlicher Ebene wie auf der Präsentationsebene.

Bei der Konferenz hat sich der Organisator wirklich Mühe gegeben, ein gleichermaßen weibliches wie männliches Speakerteam zusammenzustellen. Eine Frau am Dienstagnachmittag fiel leider bei ihrer Vortragsqualität aus dem an sich starken Line-up des Tages nach unten heraus. Das ist auf der Präsentationsebene umso erstaunlicher, als dass Andrea Krajewski als Professorin an Hochschule Darmstadt ihre Brötchen verdient und das Vortragen, wenn auch nicht in Englisch gewohnt sein dürfte. Und inhaltlich umso mehr. Sie erzählte von ein paar Studentenprojekten, das war gut, der Überbau war eher so meh. Ich war übrigens nicht allein mit meiner Auffassung, was die Vortragsweise anging:

Wie gesagt, das war auch meine Meinung, andere fühlten sich von dem Vortrag inspiriert. Wahrscheinlich war ich einfach zu müde von der kurzen Nacht im Hotel, außerdem hatte ich Rücken. Ich glaube, so sagt man das. Schließlich fand im Capitol Theater, wo die Konferenz war, auch die Welt- und Kosmospremiere von „Kein Pardon – Das Musical“ statt.

Eigentlich möchte ich viel mehr Worte über die gelungenen Vorträge verraten als über die meiner Meinung nach nicht so gelungenen. Da habe ich noch einiges zu schreiben vor mir.

Da wäre Mr. Bingo. Der ist ein schrulliger, englischer Comedian und Künstler. Er präsentierte sein Kickstarter-Projekt. Klingt langweilig, ist aber nicht so. Er hat mal in einer Bierlaune bei Twitter versprochen, denjenigen eine Hate Mail (also beleidigende Post/Nachricht) zu schreiben, die auf seinen Tweet antworteten. 50 taten das, er kam der Bitte nach.

Diese Aktion hat er 12x bei Twitter wiederholt. Endlich wollte er aus seinem Hobby ein Geschäft machen und sammelte bei Kickstarter Geld für das Buch. Das hat er auch zusammenbekommen, mit einem hinreißenden weißer-Mann-rappt-Rap-Video.

Super Tipp übrigens für eine Erholungspause im Büro, habe ich am Freitag danach gleich ausprobiert.

Oder der Eröffnungsredner des zweiten Tages, Jeremy Keith. Der hat Huffduffer erfunden, womit man frei im Netz verfügbare Audiodateien in eine Podcast-Form bringen kann und dann in einem Podcatcher der eigenen Wahl hören kann (Ich bin krautsource auch bei Huffduffer, wer meinen Feed abonnieren möchte.) Jeremy Keith kennt man auch als Mitgründer der berühmten Brightoner Digitalagentur Clear Left. Deren anderes prominentes Gesicht vom Konferenzzirkus ist Andy Budd. Beide sind zwei wahnsinnig erfahrene Webmacher, die sich selbst nicht mehr so wahnsinnig ernst nehmen. Keith ist auch sehr stark in der Indie Web Camp-Bewegung engagiert. Beim ersten Indie Web Camp auf deutschem Boden in diesem Jahr, in Nürnberg, habe ich ihn kennengelernt. In Düsseldorf gab es eine Neuauflage, die Fotos sehen auch ganz toll aus. 

Was hat Keith gemacht? Er hat letztlich Werbung für robustes Webdesign gemacht. HTML ist deklarativ, JS ist imperativ – allein aus diesem Unterschied leitet er überzeugend die Forderung ab, dass Webseiten so einfach wie möglich zu gestalten sind, damit auch in alten Browsern und auf unbekannten Geräten die Core Experience erhalten bleibe. Er habe nix gegen Javascript, versicherte er glaubhaft, er liebe es. Aber es komme erst im dritten Schritt, wenn die Basiserfahrung der Seite robust gemacht worden sei.

Den Vortrag von Tobias Baldauf über Optimierungen von JPG-Bildern habe ich noch im Saal selbst in Jira-Tickets für das eigene Projekt umgewandelt, so toll war der. 

Was macht Beyond Tellerrand speziell?

Das, was der Organisator Marc Thiele bei der Programmzusammenstellung macht, ist stimmig. Er nennt es DJing. Jeder der beiden Konferenztage hatte ein durchgängiges Thema. Bei mir fiel der zweite Tag auf fruchtbaren Boden, der erste nicht so. Damit ist meine Rate „Wie viele sinnvolle Vorträge habe ich gehört“ eher so auf 40% gefallen, und damit werde ich wohl nicht wieder zu Beyond Tellerrand-Tickets vor dem Erscheinen des Programms greifen. Der Konferenzpreis sehr günstig, daher gibt es auch keine Getränke oder Essen umsonst. Das muss man also einkalkulieren, diese 50 Euro für zwei Tage.

Düsseldorf ist eine sehr schöne Stadt, für mich sprang ein abendlicher Rheinspaziergang heraus. Und die Konferenz ist bis ins Details allerliebst inszeniert. Ein DJ überbrückt die Talk-Pausen, und mischt in die Musik Zitate jeweils des letzten Speakers hinein. Das habe ich noch nirgendwo gesehen und ist ein Ereignis. Die Location ist an sich schön, ein Musicaltheater mit Tischen im vorderen Bereich des Auditoriums. Leider sind die Stühle so eng, dass man nach drei Vorträgen im vollbesetzten Saal Rückenschmerzen bekommt, wenn man wie ich breite Schultern hat – und ein Schreibtischhengst ist. Für Frontend-Entwickler ist die Konferenz aber auf alle Fälle mal eine Reise wert. Auch das Drumherum mit Warmup-Party und Konferenzparty und dem Indie Web Camp finde ich sehr gelungen. Also: 3+ in der Gesamtnote.

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