Filmkritik „Avengers: Endgame“

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Film
Jeremy Renner bei einer Comic Con. Foto: Gage Skidmore

Eine kleine kanadische Band namens „Stars“ singt vom Morgen nach dem Ende einer Beziehung:

Wake up, say good morning to
That sleepy person lying next to you
If there’s no one there then there’s no one there
But at least the war is over

So muss sich Hawkeye (Jeremy Renner) fühlen. Der Kampf, welcher es war, ist egal, er ist vorbei, aber immerhin liegt da ein Mensch im Bett neben ihm. Drei Kinder hat er mit diesem Menschen. Und dann kommt das Fingerschnippen von Thanos aus dem „Infinite War“. Und er schneidet bei der Gauss’schen Normalverteilung der Toten mal richtig schlecht ab – er verliert Frau und Kinder. Verlustrate 80 Prozent. Dramaturgisch ist das natürlich gut, so wütend hat man ihn noch nie gesehen. So eindringlich, seine Wut, aufgedreht auf eine Wutspirale.

Wohingegen für Iron Man weiter die Sonne lacht. Mit seiner Pepper hat er eine kleine Tochter – er hat nix verloren. Unfair, was, die Normalverteilung im Marvel-Universum. Der sauertöpfige Hawkeye und der sarkastische Tony – sie haben eben doch, nicht nur, was das Gehalt ihrer Darsteller angeht, einen unterschiedlichen Rang in der Superhelden-Kombo. Leadsänger schlägt Bassisten. Ist so. Auch wenn Bassisten besseres Beziehungsmaterial machen.

All the living are dead and the dead are all living
The war is over and we are beginning

Wenn man aufs Lied der Stars noch einmal hört: So vorbei ist der Kampf nicht, wenn man Superkräfte hat. Gut, Hawkeye kann nur supergut mit Pfeil und Bogen schießen. Irgendwie hat er aber dennoch die Aufnahmeprüfung in die Superhelden-Akademie geschafft.

Wir kennen die Phasen des Trauerns aus der filmischen Trauerbegleitung. (Und manche aus der Schule von Elisabeth Kübler-Ross, auch wenn die für Sterbende gelten.)

Diese Phasen sind für Sterbende:

  • Leugnen: Ich will nicht sterben.
  • Zorn: Warum musste ich?
  • Verhandeln: Wenn ich mich bessere, darf ich dann leben?
  • Depression: Bereuen und Trauern.
  • Akzeptanz: Sich in die eigene Welt zurückziehen.

Und Wut, Phase 2, ist eine tolle Motivation. Diese Wut vereint die Avengers, noch einmal etwas zu tun. Sie wollen das Fingerschnippen ungeschehen machen. Und leider wird das dann genauso erzählt. Was für Thanos noch schwierig war, die sechs Infinity-Steine zusammenzutragen, ist für die Avengers in ihrer Gruppenhaftigkeit ein Einfaches.

Viel zu einfach. Das schnurrt einfach so vorbei, die sechs Steine, für die sich Thanos noch so anstrengen musste, gehen diesmal ruckzuck. Alle Figuren aus dem Universum kriegen gefühlt noch mal ein Cameo. Am absurdesten ist das von Loki. Der sitzt immer noch in einer Zelle auf dem Heimatplaneten, wirft einen Gummiball gegen die Zellendecke und schaut brummig. 20 Sekunden, länger ist sein Auftritt nicht.

Mal ganz abgesehen vom Plot-Trick, der wie Kai aus der Kiste herbeigezaubert wird, sind der Abschluss der Marvel-Reihe drei lange Stunden, und nicht mal durch einen Gag im Abspann wird man belohnt. Es ist wie auch in der anderen Superhelden-Welt der X-Men. Wenn einer der Superhelden zu mächtig ist (Thanos/Captain Marvel hier, dort Jean Grey), dann wird schnell alles zu Staub oder subatomischem Kleinklein. Dabei sind lustigerweise gerade die ganz leichten Macht-Ausübungen immer die lustigsten. Wenn Luke das Raumschiff im Sumpf ganz leicht anhebt. Wenn jemand einen Becher herbeizaubert, so etwas. Wenn es ums Große und ums Ganze geht, sind die Superheld*innen immer so schrecklich konventionell.

Iron Man als Familienvater? Ne, bitte. Da schaue ich mir lieber noch mal das Video von Robert Downey Jr. zum Song von Elton John an. „I want love“:

A man like me, so irresponsible
A man like me is dead in places
Other men feel liberated
I can’t love, shot full of holes
Don’t feel nothing, I just feel cold
Don’t feel nothing, just old scars
Toughening up around my heart

Was wäre das für ein begnadeter Musikeinsatz, im letzten Sommer von Elton John, dem Jahr 2019, gewesen:

I want love on my own terms
After everything I’ve ever learned
Me, I carry too much baggage
Oh man I’ve seen so much traffic

Aber nein, Iron Man muss man sich auch noch als einen glücklichen Mann vorstellen. Als hätte unfassbar reich nicht gereicht.

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