Bücher, langweilig im Regal. Foto: Aleksi Tappura/Unsplash
Dominic Grzbielok

Amazon tötet nicht nur Buchhandlungen, sondern eröffnet auch welche

In den Urlaub fahre ich mit einem Kindle, und der Kindle-App fürs Smartphone und dem iPad. Ja, es wäre schön, wenn es auch einen vertikal integrierten, Usability-optimierten deutschen Buchhändler gäbe, aber irgendwie ist das Thalia-Telekom-Konstrukt und der Tolino Shine auch nicht wirklich weniger kartellrechtlich bedenklich als Amazons Angebot.

Dennoch liebe ich Buchläden – zumindest in meiner Erinnerung und als Idee. Ich meine nicht diese Buchhandlungen, wo jede Kettenfiliale gleich aussieht, man auch mit dem Europaletten-Hubwagen durchfahren kann und gleich hinter den Bestsellern die „Freche Frauen“-Abteilung auf eine wartet. (Buchkäufer sind mehrheitlich Frauen, und Leser sowieso, daher Fokus auf eine Geschlechterbezeichung. Ist nicht als Herabwürdigung anderer Geschlechter gemeint.)

Foyles in London war eine Offenbarung, und Shakespeare & Co in Paris auch. Wenn Buchhändler Nr. 1, Amazon, jetzt auch Buchläden eröffnet, finde ich das erst einmal sehr interessant, und würde am liebsten mal einen sehen. (Sobald komme ich nicht in die USA, und daher lese ich darüber. Auch Zusammenfassung von Ladenbeschreibungen.)

Amazon’s data-driven bookstores: „There are signs for books rated ‘4.8 Stars & Above’, a shelf of ‘Books Kindle Readers Finish in 3 Days or Less’, a section of ‘If You Like [this book], You’ll Love [these other books]’“

(Via.)

In deutschen Buchhandlungen kennt man diese Lesezeichen, die Mitarbeiter geschrieben haben. Ich finde den Verzicht auf Persönlichkeit bei Amazon und den Ersatz von Subjektivität durch den Geschmack der Masse gleichermaßen faszinierend wie verstörend. Aber es untermauert den Wert von Ratingsystemen mit vielen Teilnehmern. Klar, es werden auch viele „Shades of Grey“ mögen. Aber in Summe dürfte das Buch nicht hoch abschneiden.

Ratings sind gerade ein Lieblingsthema von mir, weil ich den Whuffie-Aspekt von „Daemon“ von Daniel Suarez sehr gelungen finde.

Die beiden Ausgaben vom Apple-Buch

Apple-Buch plus

Dieser Wuchs, diese Kraft – äh, diese Mut, diese Chuzpe: Apple veröffentlicht ein Buch über sein Design. Und es kostet 199 Dollar – mindestens. Der Markt der Coffeetable-Bücher – Bücher, die man nicht liest, sondern ausstellt, um seine Freunde zu beeindrucken – hat ein neues Schwergewicht. Treten FANG jetzt noch an, den Buchmarkt zu revolutionieren? Tun sie natürlich nicht, ich finde es dennoch entschieden zu teuer und ein Zeichen der 1%, so etwas sich zu überlegen. Die erste Auflage geht sicher an alle Apple-Führungskräfte zu Weihnachten. (Die Idee ist berechtigt, aber ein Preis so für die Hälfte wäre etwas sozial verträglicher gewesen.)

“Designed by Apple in California” chronicles 20 years of Apple design – Apple: „‘Designed by Apple in California’ — Large“

(Via.)

Also on:

Der seltsam formulierte Button bei Amazon

Wenn wir früher in Urlaub gefahren sind, war das Packen der Urlaubslektüre immer schwierig. Gerade bei Flugreisen blieb nur Platz für fünf bis zehn Bücher. Führte mich die Reise ins englischsprachige Ausland, kamen noch ein paar neue Bücher dazu. Mittlerweile gehört auf Reisen der Kindle ins Gepäck. Und wenn das Gepäck noch schmaler ausfallen soll, reicht auch mal die Kindle-App auf dem Smartphone. Auch wenn das für die Augen nicht immer eine Freude ist.

Ich kaufe die Bücher oft aber im Browser, und da gibt es diesen Button:

Gehen auf kindle fuer mac

Offenbar hatte das Lokalisierungsteam bei Amazon auch einmal einen schlechten Tag.

Der Font Jonas hat mir gezeigt, wie eine Landingpage für das Buch aussehen könnte. Bild: eigene Illustration

Wenn ich groß bin, schreibe ich ein Buch

Seit langem hege ich einen Kinder-Wunsch. Äh, einen Kinder-Buch-Wunsch. Wenn ich schon keine Yoga-DVD veröffentlichen kann (wegen amtlicher Unsportlichkeit und mangelnder Bekanntheit), dann den anderen Weg zum Bestsellerregal: Kinderbücher. Madonna hat es gemacht, Ralf Bauer bestimmt auch.

Seit meine Jungs alt genug dafür sind, komme ich aus dem Lesen von Kinderbüchern nicht heraus. Da geht es um eher sachliche Zusammenhänge. Dort finde ich, fehlt noch viel von der echten Welt. Was macht eigentlich ein Projektmanager? Ich glaube also, ich habe Erfahrung mit dem Stoff. Und ich bin Zielgruppe.

Das ist eine fixe Idee geworden, und so schaue ich ab und an nach Illustratoren bei einem der gängigen Marktplätze für Design, die mir gefallen könnten. Immerhin ist die Idee jetzt mit einem Blogpost in der Welt. Vielleicht kann sich das ja so verselbständigen.

Fixe Ideen führen bei mir schon auch zu Domain-Käufen. Für ein paar Bücher habe ich mir bereits die Domains gesichert. Fehlt eigentlich nur noch das pädagogische Konzept. Oder braucht man das nicht als Kinderbuchautor?

So kennen wir die Kathedrale von St. Paul's. Aber es geht noch magischer. Foto: Jay Wenningon

Buchkritik: „Die Flüsse von London“ und ihre Fortsetzungen

Jeder angehende Romanautor sollte zur besseren Beschreibung von Orten, Menschen, Gerüchen gut gemachte Kriminalromane lesen. (Manche könnten das brauchen, auch um ihre Sprache weicher, geschmeidiger, eingängiger zu machen.) Danach beobachtet man als Autor die Wirklichkeit besser.

Noch ein Tipp: Und Reisen bildet – auch Autoren. Die minimalen Abweichungen, die man bei einer Reise durch Deutschland sieht, reichen nicht für die Schärfung der Wahrnehmung aus. Bei mir hat eine dienstliche Reise über London dazu geführt, dass sich auch meine Beobachtungsgabe verbessert hat und mein Wortschatz für Eigenschaften angefüllt hat. Das und die Lektüre der Buchreihe über Constable Peter Grant, aus der ich heute stellvertretend den ersten Band mit ein paar Bezügen auf weitere Bände besprechen möchte.

Jeder Roman lässt sich auf einen einfachen Pitch zusammenfassen, mit dem man sich vorstellen könnte, dass das Buch dem Verlag angeboten worden wäre. Bei dieser Tentalogie (heißt das so?), aus der „Die Flüsse von London“ stammen, wäre dies: Ein frisch ausgebildeter Londoner Polizist wird zum Undercover-Harry-Potter, einem Zauberer in Ausbildung. Und die dauert zehn Jahre – was wohl für die Erwachsenenbildung ein langer Zeitraum ist. Die Kollision von Genres scheint ja gerade ganz en vogue zu sein, wie ich an den Jane-Austen-Vampir-Themen gesehen habe, die ich nicht kannte. Der besondere Reiz an der Figur Peter Grant ist, dass der sehr Londoner ist – mehr als er weiß oder schwarz ist, irgendwie ein sehr leicht abzulenkender Polizist. Der sieht oft mehr Anhaltspunkte als seine Kollegen, aber er kommt manchmal von dem ordnungsgemäßen Weg ab – und braucht etwa gesetzestreue Kolleginnen wie Lesley, mit der er die Ausbildung gemacht hat. Lesley ist Thanner zu Grants Schimanski, auch wenn Grant mit Schimpfworten haushält.

Und wie es in jedem Zauberer-Bildungsroman so sein muss, hat auch Peter Grant seinen väterlichen Mentor und Großzauberer. Der heißt Nightingale und ist bis zu Peter der einzige Zauberer in Londoner Polizeidiensten, der mehr als nur ein bisschen den Kontakt mit der britischen Realität verloren hat. Ich sehe vor meinem geistigen Auge immer Bill Nighy ihn spielen – das muss bitte passieren, ja? Danke!

Was bedeutet also der Titel? Auch Orte haben etwas Magisches, lernen wir. Sehr starke Magie geht etwa von Flussgottheiten aus. Und da gibt es Mama Themse und Papa Themse, und die vielen Nebenarme sind auch Familie. Wunderschöne, zum Teil, zum Verlieben schön, und auch uralt – je nach Länge des Flusses.

Offenbar hat der Autor seine Bücher gleich als mehrteilige Serie angelegt, das merkt man, dass in Teil zwei und drei auch „Was bisher geschah“ so erzählt wird, dass man da einsteigen kann. Der erste Teil verbringt mehr Zeit mit der Exposition, weil die ganze Welt etabliert werden muss. Offenbar ist Grant aber ein langsamer Schüler. Bis Band drei wissen wir noch immer noch nicht schrecklich viel über Magie und das, was die Zauberwelt im Inneren zusammenhält.

Was mich bei der Stange gehalten hat, sind die unglaublichen Ereignisse, die mit einer Nonchalanz passieren. Oft nur in einem Nebensatz, der am Ende eines „Eigentlich wollte ich…“-Satzkonstruktes steht. Das ist ein bisschen manieriert, manchmal vorhersehbar, aber weil britisch, eben auch witzig geschrieben.

Über die Ausbildung als Polizist:

This is beacuse nothing builds character like being abused, spat at and vomited on by members of the public.

Die Beschreibungen der Szenen sind so genau, dass man sie vor Augen hat, und sogar auch die magischen Elemente förmlich riechen kann. In der Londoner Zauberwelt äußert sich Magie nämlich durch einen besonderen Geruch.

Das Buch ist gut zu lesen, auch wenn ich auf meinem Kindle-Reader dankbar für die Funktion Word Wise war. Oft genug werden nämlich british-only Worte benutzt, die ich noch nie gehört hatte. Und ich habe auch oft genug noch auf Wikipedia weitergelesen, gerade bei den umgangssprachlich abgeschliffenen oder weiter entwickelten Wörtern. Tube kannte ich schon vorher, aber kipping = schlafend war mir neu.

Zuletzt Sachbücher, warum jetzt ein Roman?

Im Sommer lese ich gern mal Belletristik. Da zuverlässig einer meiner Bekannten bei Facebook nach Empfehlungen gefragt hat, ist das einer der Orte, wo ich Titel notiere und auf meine Wunschliste bei Amazon stelle. Kommen die Tipps von meiner ehemaligen Kommilitonin Katrin Scheib, ist das fast so etwas wie ein Schmidt’scher Lesebefehl. Besser jedenfalls als die Dinge, die ich mir selbst ausgesucht habe, wie etwa zuletzt „Cumulus“. 2+, mindestens.

Buchkritik: Universalcode 2020

Im deutschen Journalismus gibt es eine Handvoll Praktiker, die ich bewundere, unter anderem deshalb, weil sie Sätze besser schreiben und Zusammenhänge treffender zusammenfassen können als ich das je könnte. Über einen von ihnen, Jochen Wegner, habe ich das vor einiger Zeit bereits in einem Tweet gesagt.

Und meine Geschichte mit Jochen Wegner geht bis in Jonet-Zeiten 1997, 98 zurück. Damals war er schon der Spiritus rector des deutschen Onlinejournalismus. Den so zu nennen, würde mir Buchautor Christian Jakubetz untersagen. Das heißt bitteschön „Digitaljournalismus“. Aber online als Verbreitungsweg als gattungsbestimmend zu begreifen, ist zu kurz gesprungen. Das Internet ist immer an, inzwischen auch im Fernseher. Fernsehen und Radio sind anders, in dem Sinne, dass hier Stil und Verbreitungsweg zusammengebacken das Medium ergeben. Radio ist ohne die Livelinearität nicht zu denken. Es ist im Auto 7.30 Uhr, du hörst (Sendername hier einfügen), alle Staus, alle Blitzer, alle Hits der 80er, 90er Jahre und das Beste von heute. Genauso ist es mit dem Fernsehen. Es gibt eine Senderstrecke, und die muss auch gefüllt werden. Gerade ist das beste Beispiel zu Ende gegangen. Olympia ist im Fernsehen ein Programm, 17 Tage lang 17 Stunden pro Tag oder so, und nur für die Nachrichten und die Werbung wird nach Hause geschaltet.

Digital ist besser

Richtiger muss es heißen: Digital hat es besser. Der Verbreitungsweg ist das Internet, mit dem Transport der Inhalte in Datenpäckchen. Und weil das so ist, ist es am besten, wenn der Inhalt weniger Päckchen braucht. Dann kommt er schneller auf dem Screen des Konsumenten an. Das Buch „Universalcode 2020“ ist schwer im Jahr 2016 verortet, mitten in der Diskussion um Facebook und Google, die den Journalismus am Beißring im Kreis herumführen (sagt man doch so, oder). Aber wo die Zukunft im Speziellen schwer vorherzusagen ist, ist sie im Allgemeinen absehbar. So wie der Trend der Miniaturisierung die Rechenleistung eines PCs in ein Smartphone gepackt hat, sind auch die Produktionsmittel demokratisierend an die Peripherie des Mediensystems gewandert. Jeder ist ein Sender. Mit Facebook Live oder anderen Apps kann jeder Fernsehqualität livestreamen.

Jakubetz hält sich erfrischend wenig mit Details auf, weil die nur eine Überarbeitung für eine neue Auflage notwendig machen und inhaltlich wenig ergiebig sind. Den Blick fürs große Ganze bekommt man nicht, wenn man Menüs und Buttons in der Standardsoftware von anno dazumal erklärt. Zu schnell ändert sich alles, der nächste Konkurrent für Facebook steht sicher schon längt in den Startlöchern. (Schlechtes Beispiel, wahrscheinlich eher der nächste Konkurrent für einen Markt, den wir nicht im Auge haben. So wie Facebook letztlich das Telefon und Mails und Postkarten und Briefe als Konkurrent abgelöst hat. Wer ich bin, wie ich lebe- und wo ich Urlaub mache, das steht bei Facebook, und nicht auf einer Postkarte aus dem Urlaubsgebiet. Billiger ist es auch.

Billig ist ein Smartphone zwar nicht, aber man kann damit günstiger Video produzieren als mit einer herkömmlichen EB-Ausrüstung. Im Grund ist Jakubetz Band aus der Reihe des Praktischen Journalismus das Einführungswerk, das ich mir zu Teilen in dem Buch zum Fernsehjournalismus, das ich vor kurzem besprochen habe, gewünscht hätte. Da spricht ein Praktiker über die Produktionsbedingungen, und gleichzeitig hat er noch über die großen Trends nachgedacht. Das ist auf dem deutschen Markt nicht selbstverständlich.

Ein paar Schönheitsfehler hat das Buch, in besonders aktuellen Kapitel hat das Lektorat ein paar Flüchtigkeitsfehler übersehen. Einen anderen Fehler hat es noch, wenn man das stark gegliederte Werk, das man auch als Glossar oder Sammlung guter Rezepte lesen kann – in der Technikwelt nennt man das dementsprechend Cookbook – in einem Rutsch liest: Manche Hinweise wiederholen sich, ohne dass sie an Tiefe gewönnen. Und das Schlusskapitel, das drei andere Autoren verfasst haben, wirkt hinten herangetackert, weil es in Sachen Lesbarkeit spürbar abfällt.

Eine gewisse Einseitigkeit der Betrachtung des Journalismus hat das Buch noch, weil es stark auf die Aktualität fokussiert. Longform wie Reportage oder Magazinjournalismus kommt kurz – wohl auch, weil sich der Autor damit noch nicht so beschäftigt hat. Beim schnelldrehenden Tagesgeschäft ist er aber sehr wohl auf der Höhe der Zeit.

Also: Wer etwa nach einer Babypause wieder in den aktuellen Journalismus zurückkehrt, dem sei das Buch dringend empfohlen. Oder einem Journalismusausbilder, der wenig Kontakt zur Praxis hat. Oder einem Journalistenschüler, der aus dem Bewegtbildbereich kommt. Sie können alle davon profitieren. Mir als Organisator von Servicejournalismus hat es nicht so viele neue Erkenntnisse vermittelt. Aber Kopfnickerbücher sind ab und zu auch ganz gut. Sie zeigen, dass man nicht alles falsch macht im Beruf.

Und noch etwas zur Typografie:

Die Typografie ist überwiegend gut. Avenir ist eine zeitgemäße Wahl als Fließtextschrift, wenn auch nicht klassisch gut lesbar. In ein paar Jahren wird man auf der Basis der Schrift sagen können, dass das Buch irgendwann nach 2012 erschienen sein muss. Aber Impact als Überschriftentype ist beinahe unverzeihlich. Vielleicht noch in einem Buch über Memes. Comic Sans würde auch kein Designer nehmen.

{INSERT LANDMARK HERE} has fallen

Vor kurzem hat ein Freund von mir ein Foto bei Facebook von einem dramatischen Wolkenbruch über Berlin gepostet. Mein Kommentar: „Kanzleramt has fallen“. 

Meine Metaphern hole ich mir oft aus dem Kino, in diesem Blog habe ich auch schon über die Eiskönigin geschrieben und meinte etwas ganz Anderes. Nicht-Eltern kennen „Die Eiskönigin“ als „Frozen“. 

20 Jahre nach Independence Day kommt jetzt die Fortsetzung ins Kino. Jemanden beim Guardian regt das zum Nachdenken an:

Was kommen wir von Filmen über Massenzerstörung nicht los?

Why are we hooked on films about mass destruction? | Film | The Guardian: „The film’s key moment, its money shot, is the obliteration of the White House. It has subsequently been imitated and parodied to the point where it now seems innocuous but, at the time, Emmerich and Devlin struggled to get the sequence past executives at Fox. „

(Via.)

Ich glaube, es sind nicht nur Filme. Solche mehrere hundert Millionen Euro teure Filme brauchen als Zielgruppe junge Männer zwischen 15 und 25, sonst spielen sie ihr Geld an der Kinokasse nicht ein. Warum? Weil junge Kinobesucher häufiger sind als ältere, wie die FFA festgestellt hat. Man sieht das nicht so richtig auf den Charts, die ich aus dem Berichtsband der FFA entnommen habe:

Alter der besucher nach geschlecht kinobesucher

Seit Transformers sind echte Geschichten noch weniger wichtig geworden als sie es im Actionkino je waren. Sie sind oft genug eine Aneinanderreihung der effektvollen Visualisierung von Storyboards. Bei Mad Max Fury Road ist das etwas anders, aber den habe ich an dieser Stelle zum Meisterwerk erklärt. Da fiebert der Zuschauer wirklich mit Furiosa und ihren Schützlingen mit.

An dieser visuellen Fixiertheit hängt das. Klar kann man auch Bombenangriffe auf endlose Maisfelder in den USA oder die Steppe in Sibirien zeigen. Aber wenn die Chinesische Mauer zerbröckelt, arbeiten wir uns damit als Zuschauer auch gedanklich am Zeichenvorrat der Welt ab. Wenn ich den Angriff von Außerirdischen oder einen anderen kosmischen Event verfilmen müsste, würde ich mir auch die Liste der 100 meistbesuchten und meistfotografierten Sehenswürdigkeiten geben lassen und außerdem die Liste der UNO-Weltkulturerben auf Kinotauglichkeit (und Bekanntheit) checken. Filmemachen ist auch in dieser Hinsicht mit SEO-Ansätzen zu vergleichen – kennt das jeder? Würde jemand danach suchen (und der Film ergänzt“, wenn es weg wäre?“)

Auch Bücher hängen an der Zerstörung der Welt

Glücklicherweise gibt es bei den geeigneten Romanvorlagen jetzt aber Nachschub im Hard-Sci-Fi-Genre, das die Zerstörung der Welt vorhat. Meine aktuelle Lektüre verdanke ich Bill Gates, der auch mit seinen Buchempfehlungen auf seiner Website Affiliate-Millionär werden könnte. Und zwar ist das „Seven Eves“, ein Bestseller von Neal Stephenson. Der Stephenson, der auch Cryptonomicon geschrieben hat. Das Buch lese ich jetzt auf meinen zahlreichen Zugfahrten und wenn ich die Kinder ins Bett bringe. Damit ich keine Sehnenscheidenentzündung vom Halten eines solchen Schmökers bekomme, natürlich in der Kindle-App entweder auf dem Smartphone oder auf dem Kindle-Fire-Tablet.

Die Geschichte ist kurz erzählt: So etwas wie eine Kugel zerschlägt den Mond in sieben Stücke. Wie Billardkugeln stoßen diese Teile über die nächsten Jahre zusammen, dass sich große Brocken lösen und auf die Erde knallen. Dabei löschen die alles Leben auf der Erde aus. Die Menschheit hat zwei Jahre Zeit, um sich auf Raumschiffe ins All zu flüchten. Eine große, globale Anstrengung folgt. Aber auch im All sind die Gefahren für die Menschen, die übrig sind, nicht vorbei. Die Bruchstücke des Mondes sorgen nach wie vor für zusätzliche Gefahr zu Vakuum, Kälte, Hitze und Strahlung.

Was ich an dem Buch mag, ist die einleuchtende Sachnähe der Story. Bis auf den auslösenden Event, das Zerspringen des Mondes in Einzelteile, die „Seven Eves“, wird alles erklärt. Wie funktioniert das mit der Weltraumstrahlung. Warum ist das bergmännische Abbauen von Rohstoffen im All aus Asteroiden eine gute Idee. Warum sind Frauen für das Leben an Bord eines Raumschiffes besser geeignet als Frauen. Warum bricht der Aktienmarkt völlig in sich zusammen, wenn es auf das sichere Ende der Welt zugeht. Warum ist Selbstmord eine natürliche Sache in Anbetracht des sicheren Todes. Das Buch ist schonungslos unsentimental.

Die Filmrechte sind schon vergeben: Ron Howard, der Regisseur von „Apollo 13“, will den Stoff verfilmen. Die fast 900 Seiten wären wahrscheinlich in einer Mini-Serie besser aufgehoben, mal sehen. 

(Warum das Bild von der Golden Gate Bridge: Einer der X-Men-Filme zerstörte die nach allen Regeln der Filmkunst.)

Dark Pattern beim E-Book-Verkauf: {BLANK SPACE} zu Beginn des Dateinamens

Wie fast alle Dateien im Finder, sortiere ich meist meine Ansichten nach Alphabet. Nur in manchen Ansichten auf dem Mac ist es sinnvoll, nach dem Datum zu sortieren, zu dem ein Dokument hinzugefügt wurde. Das Paradebeispiel dafür ist der Downloads-Ordner.

Was ich jetzt bei einem Humble Bundle-Kauf festgestellt habe: Einige Bücher hatten im Namen an führender Stelle ein Leerzeichen. Bei dem engen Kerning der Systemschrift auf Mac OSX kann man das kaum erkennen. So habe ich mich gewundert, warum die Bücher, die mit M begannen, ganz vorne im Verzeichnis landeten.

Warum ist das wichtig? Ab und an drucke ich das Verzeichnis meiner erworbenen E-Books für Team-Mitglieder aus. Außerdem ist eine doppelte alphabetische Sortierung der Quell ständiger Missverständnisse. Schnell ist ein Buch doppelt gekauft.

Buchkritik: Cumulus

Wenn man nur ein paar Jahre in die Zukunft geht mit einem Science-Fiction-Roman, also thematisch jetzt, dann kann man sich als Autor auf ein paar Extrapolationen unserer Gegenwart einlassen, die nur allzu plausibel sind. Das Setting bei „Cumulus“ (Affiliate-Link) von Eliot Peper ist folgendes: Wir leben in einem Kalifornien, das noch ein bisschen ungleicher geworden ist, auch durch den Reichtum, den Cumulus, eine Art Google-Facebook-Klon wie Hooli, über einen Teil der Bucht von San Francisco gebracht hat und durch das Ende der (industriellen) Beschäftigungsgelegenheiten für die Leute formerly knows as Mittelschicht. Und die Alternative Trump als Sprachrohr und Ventil der Emotionen wäre ja nun wirklich viel zu unglaubwürdig gewesen. Cumulus ist DER Cloud-Konzern der Zukunft. Auf seinen Server speichert alle Welt seine Fotos, die Regierungen der Welt ihre Videoaufzeichnungen, Cumulus betreibt Fleet (=Uber) – Allmacht.com wäre auch ein passender Namen.

Was passiert also, wenn in einem solch mächtigen Konzern jemand Unfug macht? Rogue gehen, das kennen wir aus Mission Impossible. Ein einzelner kann auch in einem börsennotierten Konzern Schlimmes anrichten, wenn er es ins Topmanagement geschafft hat. Und einen Hintergrund in der Spionage hat. Dagegen ist der VW-Diesel-Skandal nur ein laues Lüftchen.

Cumulus ist an Stellen sehr plotgetrieben, ein sehr knapper Roman mit etwas mehr als 200 Seiten. (Wenn solch eine Seitenangabe bei Büchern, die ich auf dem Kindle gelesen habe, überhaupt noch sinnvoll ist. Vielleicht sind Lesestunden die neuen Seiten.)

Sind Lesestunden die neuen Seiten?

Unfassbar viel passiert in dem Buch, die Ereignisse werden auf mehreren Strängen vorangetrieben, und am Ende mündet das kunstvoll, aber auch vorhersehbar in ein gewalttätiges Finale. Ungleiche Menschen schließen Allianzen, die Technik bringt die Technik zur Strecke. Sprachlich ist das wie so viel englische Belletristik gut konsumierbar – als die nicht so heitere Tech-Literatur für den Sommerurlaub des Apokalyptikers.

Das Buch regt zum Nachdenken an. Was ist denn wirklich, wenn die gutmütigen Diktatoren an der Spitze der großen Internetkonzerne oder Open-Source-Projekte wirklich mal durchdrehen? Was liegt dann zwischen uns und Willkür? Das ist auch die große Stärke des Buchs, als eine Art Gedankenkatalysator zu wirken. Was hält die Konzernlenker auf demokratischem, ethisch akzeptablem Kurs? Welche Kontrollmechanismen sind das?

Buchkritik: Fernsehjournalismus

Vielleicht war mein Anspruch zu hoch, aber Fernsehjournalismus ist ein Werk für Einsteiger, die den handwerklichen Aspekt des journalistischen Fernsehmachens lernen wollen. Wer Preise gewinnen will, braucht dafür ein paar Jahre Erfahrung. Wer erst mal Geld verdienen will, braucht dieses Buch. (Wahrscheinlich ist das eh das beste Lob, das ich verteilen kann.)

Der Anspruch ist ja nicht gerade gering. Das Buch deckt alles ab, vom Storytelling, über Recherche, Darstellungsformen, Dreh, Schnitt, Texten und Rahmenbedingungen, in denen Fernsehjournalismus entsteht, alles ab. Bei mir blieb ein mulmiges Gefühl. Es erinnert mich daran, dass in manchen Journalistenschülerkursen Respekt für Stern TV als journalistisches Fernsehformat existiert, aber kein Wissen um die gefälschten Beiträge vorhanden ist. Wo der Berufswunsch Moderator ist eher als FernsehJOURNALIST.

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Mir liegt die zweite, nach eigenen Angaben völlig neu bearbeitete Auflage vor. Sie liest sich wie ein Text zum Vorlesen, süffig, einfach geschrieben. Er stammt von Fernsehpraktikern, soviel macht die Lektüre klar. Einen Verständlichkeitstest würde das Manuskript gut bestehen, es ist auch besser lektoriert als manches aktuellere Werk, das im Selbstverlag erscheint (ich denke da zuletzt an „Snap Me If You Can“ über Snapchat).

Der Neuling lernt, dass gerade bei der fernsehjournalistischen Recherche schon Ideen für Bilder produziert werden sollten, und dass viele Beiträge im Kopf schon geschnitten sind, bevor der Fernsehjournalist mit Kameramann/-frau ausrückt, um zu drehen.

Kritik am Buch gibt es natürlich auch

Was stört mich also an dem Buch? An dem, was nicht drin ist.

»Fernsehen« findet heute nicht mehr nur auf den etablierten TV-Stationen und Sendeanstalten statt. Filme, Videos, Spots und Clips laufen auf YouTube, Vimeo und Co.

Ich bin seit fast 20 Jahren Journalist, wahrscheinlich ist das Buch daher für mich etwas zu kurz gesprungen und ich bleibe kritisch. Aber den Handbuchcharakter für Einsteiger im Fernsehjournalusmus, die groß raus kommen wollen, löst es ein. Auch ohne den Zeigefinger, der bei Autoren aus dem öffentlich-rechtlichen Lager sonst gern mal dabei ist. Besonders den Praxisteil mit den Einstellungsgrößen und die Tipps rund um den Schnitt finde ich überzeugend. Wenn mich also mal jemand nach einem Buchtipps für Fernsehen-Machen fragt, werde ich diesen parat haben.

Daniel Moj, Martin Ordolff: Fernsehjournalismus. UVK Verlag, 2015.

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