UX Munich: Conrad Albrecht-Buehler – warum er sich entschied, als Designer tiefer mit in die Umsetzung zu gehen

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Design / Konferenz / Softwareentwicklung / User Experience
Wenn eine Konferenz beginnt, hat man die Anmeldung und den ersten schlechten Kaffee hinter sich. Dann braucht man einen Redner, der alle motiviert. Die Organisatoren der UX Munich 2015 haben sich für einen Introspektionsansatz entschieden, als sie dorthin Conrad Albrecht-Buehler von BMW gesetzt haben. Er stellt die große Fragen:
Als Designer, bin ich wirklich gut? Und woran erkenne ich das? 
Oder für Entwickler, die andere Zielgruppe der Konferenz, formuliert:
Ist der Designer, mit dem ich arbeite, gut? 
Albrecht-Buehler lag über Weihnachten mit einem Rückenleiden nach einem Sturz im Krankenhaus. Und dort hatte er viel Zeit zum Nachdenken. Also näherte er sich dem Problem von außen: 
  • Finden andere meine Arbeit gut?
  • Verdiene ich damit viel Geld?
  • Kriege ich Geld für mein abgeschlossenes Konzept?
Er kam auf eine These: Nur der Markt kann ein Design wirklich testen. (Klingt erst mal nach Lean Startup, aber das Konzept der Validation steht nur im Raum, darauf geht er nicht ein.) Deshalb entschied er sich, nur noch an Sachen zu arbeiten, die wirklich auf den Markt kommen werden. Und er habe an vielen Projekten gearbeitet, die nie das Licht der Welt erblickten. Also das Licht des Marktes mit echten Kunden. Die Gründe waren mannigfaltig, erinnert er sich: 
  • Technik konnte es nicht bauen
  • Budget gestrichen
  • Business Case ging nicht auf
  • Firma pleite
  • Wettbewerb hat sich verändert
  • Produkt bekam Nachfolger
Sich vom Scheitern eines Produktes zu distanzieren, war für ihn bis zu seiner krankheitsbedingten Auszeit eine einfache Sache. Aber so einfach kann man all diese externen Faktoren auch nicht von sich trennen, fand er bei der Introspektion heraus. Man muss sie sich Stück für Stück ansehen.
These 2: Ich kann beeinflussen, ob mein Produkt auf den Markt komme. Ich sollte dafür kämpfen. 
Seine Konsequenz: „Ich muss die echten Anforderungen meiner Kunden verstehen, damit ich mein Konzept effektiv in ein echtes Produkt umsetzen kann.“ In einer alten, wasserfallartigen Welt warf er sein Konzept über die Mauer zur Technik – und es ging kaputt. Indem er sich davon fernhielt, trug er Niederlagen davon. 
 
Buehler ueber die Mauer werfen
 
Sein Beispiel zeigt auf, wie die Zusammenarbeit von verschiedenen Abteilungen zu Veränderungen am Konzept führt: Ecken werden gerundet, weil QA das nicht ökonomisch bauen kann. Manufacturing braucht Platz für Klammern. EU braucht Nachtlichtfunktion, dann mache ich halt eine Fläche andersfarbig. Marketing braucht ein kleineres Produkt, weil die Kunden das nicht wollen (haben Fokusgruppen gesagt. (Wem hier Fehler bei meinen Notizen auffallen, meldet sich bitte bei den Kommentaren. Mindestens einen Komplex habe ich auch versäumt zu notieren.)
These 3: Wenn mein Konzept nahe an dem ist, was am Ende rauskommt, umso besser.
Daher muss man als Designer alle Aspekte eines Konzeptes verstehen, damit es so am Ende auch in die Produktion geht.
(Überarbeitete These: Wenn mein Konzept nahe an dem ist, was am Ende rauskommt, umso mehr habe ich mich als Designer verbessert.)
Wenn er für bessere Usability entwirft, vergisst er zu oft, dass es in einem Feld bereits Standards und kulturelle Normen geht. Die Schönheit ist für Designer einfach, viele sind ihretwegen in diesen Beruf gegangen. Die Machbarkeit muss aber für den Designer auch eine Rolle spielen. Diese wird leider oft übersehen. (Er selbst wollte da erst als allerletztes dran denken.)
 
Mittlerweile ist Bühler auch in produktiven Code eingestiegen und arbeitet an interaktiven, programmierten Prototypen. Das war für ihn nicht leicht, aber es habe ihn besser gemacht – und effektiver. Damit könne man auch bessere, ganzheitliche (meine Interpretation) Kompromisse eingehen. Designer müssten lernen, die richtigen Kompromisse einzugehen. Einige Dinge seien nicht kompromissfähig, weil sie den Kern einer Sache darstellten, andere aber schon, weil sie aus guten Gründen anders gemacht werden müssten. Die reine Verweigerungshaltung (Typ „Mein Design spricht für sich!“) funktioniere nicht mehr für ihn. 
 
Konsequenz für ihn: Er musste lernen, die Anforderungen von anderen bereits vorher zu erahnen und in sein Konzept einzubauen. Er misst sich jetzt mit einer internalisierten Metrik: wie nahe bin ich am Endergebnis gewesen? Hat es sich viel verändert? Verkauft es sich gut?
These 4: Je kleiner mein Produkt ist, umso eher ist es möglich, dass ich im gesamten Prozess involviert bleiben kann.
Aber er wolle lieber einen Airbus A380 designen als eine Banner-Anzeige für eine Fluggesellschaft. Das Aufteilen eines großen Produktes wie eines Flugzeugs in verschiedene Stränge und Softwareteile ist schwer. Das geht nur in Teams. Vielen Teams. Aber einer muss das große Ganze im Blick halten. Viele Leute gestalten an großen Projekten mit. 
 
Nächste Konsequenz: Ich muss in einem Team arbeiten, damit ich große Dinge machen kann. Und je größer das Team ist, umso wichtiger ist es, das große Ganze im Auge zu behalten. Die Unmöglichkeit dieser Aufgabe fasziniert ihn.

Meine Meinung

Albrecht-Buehler hat einen sehr ganzheitlichen Ansatz, wie ihn in meinen Augen die Rolle des Product Owners im agilen Prozess ausmacht. Dieser soll nach der reinen Lehre alles wissen. Er beschreibt sich selbst als Designer – und misst sich nicht nur in Deliverables wie Designs. Das finde ich sehr fortschrittlich und imponierend.
 
Aber an seiner Meinung, dass sich sein Design möglichst wenig bis zum Ende hin verändern muss, weil er alles schon vorher eingebaut hat, und auch alles bedacht wurde, reibe ich mich. Das ist ein sehr hoher Anspruch, und er hat auch selbst gesagt, dass das nie zu 100 Prozent zu erreichen ist. (Den Anspruch kenne ich auch vom eigenen Arbeiten, und natürlich legt man da seinen ersten Entwurf als Wireframe oder Scribble über das, was am Ende von den Entwicklern gebaut worden ist, und vergleich das.) Gerade im agilen Arbeiten kommt es doch zu Veränderungen, die schwer vorher zu sehen sind. Ich finde solche asymptotischen Ziele wirken deprimierend auf Dauer. Das ist wie ein Marathonlauf, bei dem man nie das Ziel erreichen kann. 
 
Als einzigen Antrieb, und nur den hat er in seinem Vortrag vorgestellt, ist das zu wenig für eine Motivation von Tag zu Tag. Darüber würde ich gern noch mehr hören. Er hat ein bisschen was gesagt darüber: Mache ihm der Job jeden Tag Spaß? „Hell Yeah.“ Ich glaube, dass er da seine Balance findet und auch seinem Team vermitteln kann. 
 
Noch eine Idee für den sehr intensiven und doch eigentlich ruhigen Präsentator als Vortrag: Warum er von dem sehr virtuellen Arbeiten für Produkte bei VM Ware zu BMW ging und was er da gelernt hat. Man kann sich ja die Frage nach dem, was ihn inspiriert, sparen. Die ist von Erik Spiekermann im Schlussvortrag des ersten Tages bei der UX Munich ein für allemal in Rente geschickt worden.

tl;dr 

Um als Designer erfolgreich zu sein, musst du tief in den gesamten Prozess einsteigen und dich einbringen. Auch in Bereiche vorstoßen, die weit jenseits deiner Komfortzone liegen.

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