Berlin war wie New York

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Allgemein
Typische Berliner Straße mit Altbauten

Jeder hat seine Sehnsuchtsorte. Bosse hatte sie:

Das war die schönste Zeit
weil alles dort began
und Berlin war wie New York
ein meilenweit entfernter Ort.

Und ich hatte denselben. Immer nach Berlin, gefolgt von Köln, auf dem knappen zweiten Platz. Da wollte ich hin. Den Gedanken hatte ich seit dem Studium, wohl so im Hauptstudium. Das gab es damals noch, und „Bologna“ meinte damals noch nicht den Wanda-Hit, sondern die Angst um die Bildung).

Warum ich dahin wollte? Ich weiß es nicht. Es war nicht wegen „Der Himmel über Berlin“, auch wenn ich den Raum der Möglichkeiten (die Brache Potsdamer Platz) dem Raum der Unmöglichkeiten (die betonharte Sinn-Brache Potsdamer Platz) vorziehe. Es war auch nicht wegen GZSZ, auch wenn ich das monatelang schauen musste – für die Arbeit. Es war auch nicht das Berghain. Das stand wirklich NIE auf meiner Bucket-List. Berlin war immer schon Berlin.

Irgendwann, in einem dieser viel zu vielen Praktika, die meine Generation in den Medien (und wohl auch nachfolgende) machen mussten, kam dann der Anruf: „Du hast den Job!“ Mein erster Vollzeitjob mit ordentlicher Entlohnung. Wo war der Job? In Berlin. Ich hätte die Welt umarmen können.

Zwei Monate später machte mir auch der gedrängt-volle Schlafsaal im Hostel, das ich bis zur eigenen Wohnung mein Zuhause nannte, nichts aus. Es war ja nur kurz, Wohnungssuche war 2005 noch lange nicht so schwer wie heuer. Ich glaube, im Oktober habe ich meine Wohnung gehabt, in Friedrichshain, für den Prenzlauer Berg reichte mein Bares dann doch nicht so ganz. Außerdem war es näher an der Arbeit. Die war in Treptow, rechts neben dem Billard-Salon den Aufgang hoch.

Das Beste an Berlin: Ich kam nicht allein in die Stadt. Eine ehemalige Mitschülerin suchte auch eine Wohnung, aber gescheit – zum Kaufen. Ein halbes Jahr durfte ich sie meine Mitbewohnerin nennen, und erst sie hat die Zeit erträglich gemacht. Was ich nämlich nicht wusste: Wenn man eine Pott-Pflanze wie mich umtopft, hat man es auch mit Entwurzelung zu tun. Ich war schwer einsam, immer wieder sonntags, weil eh Loner und voll auf den Job konzentriert. Viel zu voll, denn irgendwann ließ meine Liebe zu ihm nach, und der Job hatte mich nie geliebt.

Völker der Welt folgen Ernst Reuter – und kommen nach Berlin, aber Berlin hat eigentlich kein Interesse an den Völkern, die da kommen. Berlin kommt eigentlich ganz gut allein klar. Auch ohne mich. Ich kam es nicht. Meine Depressionen waren so schlimm wie noch nie, und der Therapeut, bei dem ich einen Platz gefunden hatte, war auch nicht der richtige für mich.

Erst München (ausgerechnet München!, wo ich nie! wirklich nie! hinwollte) hat mich gesund gemacht. Weniger Hundekot ist ein Argument, dafür kann man auch umgeschlungene Pullover ertragen. Und diese Sauberkeit, dieses Beschütztsein – die haben mir gut getan. Karten für die Oper sind in München schwieriger zu kriegen, aber ein Filmfest hat die Stadt auch, und da ist es mit dem Ticketkauf erheblich leichter als bei dem in Berlin. Besseres Wetter zum Festival ist eh. Juli schlägt Februar.

Seit zwölf Jahren arbeite ich jetzt in München, und das ist immer noch der größte Aha-Effekt für mich. Ich komme von der Stadt, die weder Weltstadt ist noch einen rechten Fluss vorzuweisen hat, nicht los. Sie ist betulich. Das tut mir gut. Wer hätte das gedacht.

Photo by Jonas Denil on Unsplash

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