Wo kann man sie schon sehen, die Zukunft im Journalismus?

In vielen Verlagshäusern, den Bastionen der freien Demokratie, der Öffentlichkeit, der Willensbildung, zweistelliger Rendite und gediegener Ledersofas, wird an der Zukunft im Journalismus gearbeitet. Oft in kleinen Skunkworks-Teams, mit Wissen der Chefs, aber ohne die Bereitschaft derer, auch wirklich etwas am Status Quo zu ändern. Digitale Transformation ist ein blödes Wort, aber eigentlich wäre das ein vernünftiges Ziel für diese Häuser.

Viel zu klein sind diese Teams, viel zu isoliert, viel zu jung, um wirklich etwas am schleichenden Verfall zu ändern. Schleichend? Verfall? Ja, wenn man sich die Auflage der Zeitungen ansieht. Die Auflage der Tageszeitungen in Deutschland, und mit Tageszeitungen verdienen Verlage noch Geld:

Zukunft im Journalismus? Nicht lokal und in Print

Aber es ist natürlich abzusehen, dass die Auflage irgendwann Null sein wird:

Wahrscheinlicher ist es, dass die Auflage schneller abstürzt.

Auch wenn man das mit der ständig steigenden Lebenserwartung der Leser und Abonnenten in Bezug setzt – es wird nicht gut ausgehen.
Das Problem der Verlagshäuser ist ihr Häuser-Charakter. Die Häuser sind ganz schön groß, da gibt es viele Zimmer und viele Parteien, die darin wohnen – sprich arbeiten und Geld verdienen wollen. Gehen wir sie mal der Reihe nach durch: die Vertriebsabteilung, die dafür sorgt, dass die gedruckte Zeitung zum Kunden kommt. Den Vertrieb macht das Internet billiger. Distribution ersetzt Produktion, sagen die Netzwerkökonomen schon lange.

Die Produktion: Eine Website ist billiger als eine Druckmaschine. Vier Farben kann das Internet schon lange, und brillant gemischt sind sie auch noch. RGB 1, CMYK 0. Druckmaschinen können die Verlagshäuser, Internet eben nicht.

Bleiben die Content-Produzenten. Auch die braucht man künftig, aber eben nicht mehr all ihre Aufgaben. Chronistenpflicht? Dafür gibt es (leider?) keine ökonomische Begründung. Die Zukunft im Journalismus hängt am Mehrwert, den die Praktiker kreieren. Nein, die Journalisten werden auch nicht für die Geschichten gebraucht, sondern für eine funktionierende Gemeinschaft. Seien wir ehrlich, in vielen Ein-Zeitungs-Kreisen findet das schon lange nicht mehr über die Medien statt, sondern über Super-Konnektoren in Vereinen, Parteien und auch Unternehmen. Die wissen oft besser über ihre Gemeinde Bescheid als irgendwer in den Redaktionsräumen.

Als ich Journalismus gelernt habe, war das noch anders. Da gab es in vielen Lokalredaktionen die Frauen und Männer, die wussten, was in den Hinterzimmern und an den Werkbänken gesprochen wurde – weil sie Teil ihrer Community waren.

Wenn man mich nach dem Erfolgsfaktor von hyperlokalen Journalismus-Projekten fragt, ist es nicht die Qualität des Journalismus‘, der dort betrieben wird. Sondern: Drücken diese Projekte, egal ob Prenzlauer Berg Nachrichten oder Tegernseer Stimme, das aus, was ihre Community braucht und bewegt? Sind sie im Einklang mit ihrer Community? Dann sind auch Einnahmen über eine neue Abo-Finanzierung möglich. Journalismus-Professor Jeff Jarvis hat das schon in seinem einflussreichen Buch „What Would Google Do“ geschrieben:

Look at your constitutents, customers, community, audience – even your competitors – and ask how you can bring them elegant organization, especially now, as the internet disrupts everything.

Das kostet dann vielleicht nicht mehr 30 Euro im Monat, sondern eher fünf. Die Zahlungsbereitschaft der Menschen, die wir mal Publikum oder Zielgruppe genannt haben, ist drastisch gesunken. Wenn Netflix keine zehn Euro kostet, warum soll denn die Zeitung oder das, was früher mal Lokalzeitung war, mehr kosten? Die Kostenstruktur der Häuser (Steine, Maschinen, Menschen) ist den Nutzern egal. Sie zahlen für den Mehrwert. Da, wo viele Städte inzwischen selbst Lokalnachrichten produzieren, ist die Unabhängigkeit der Berichterstattung wenig wert. Und damit sind auch die alten Apparate nicht finanzierbar. Ich träume von einer Welt, in der die alten Verlagshäuser mit ihren Resopal-Oberflächen und Büro-Auslegeware zu Begegnungsstätten einer neuen interessierten Bürgerschaft werden. So etwas wie ein immerwährender Zeit-Leser-Kongress.

Und damit wären wir bei den Beispielen, die mir Mut machen: Es gibt Häuser, auch von Verlagen, die den Weg in die Zukunft im Journalisms nicht scheuen. Weil sie wissen, dass die alte Welt irgendwann alte Welt ist und revolutionär abgeräumt wird.

Die Zeit haben wir schon erwähnt. Von meinem Mancrush auf Jochen Wegner, den Online-Chefredakteur von Zeit.de habe ich auch erzählt. Aus seinem Team kommen mit den Leser-Events, die man wohl besser Kristallisationen der Zeit.de-Community nennen sollte, tolle Ideen, wie Zukunft organisiert werden kann. Community muss man leben, sich investieren, ohne direkt daraus Profit schlagen zu wollen.

Update: Jochen Wegner hat in einem langen Beitrag für das Magazin Journalist, den er auch bei Medium online gestellt hat, mehr über diese Community-Bemühungen und das Versammeln eine Gegenöffentlichkeit(?) geschrieben. Geschätzte Lesezeit: 14 Minuten.

Print ist noch lange nicht tot, es muss auch in die Nische gehen: Aus Australien macht Kai Brach sein Indie-Internet-App-Digital-Natives-Magazin Offscreen. Und der Name ist Programm. In hochwertiger Aufmachung und minimalistischem Design stellt er Gedanken von Digital-Vordenkern vor, und auch Denker, die man noch nicht kannte. Es gibt eine locker vernetzte Internet-Boheme, die das Magazin kennt und schätzt. Trotz eines Heftpreises von 20 Dollar. Jede Ausgabe ist die Einladung zum Innehalten, zum achtsamen Hinterfragen der Hektik. Nicht alles an dem Heft ist perfekt, mich stören etwa die Fotostrecken aus den Startup-Hochglanz-Großraumbüros, die auch internationaler einander immer ähnlicher werden. (Und was man auch online bei Gründerszene oder Deutsche Startups finden könnte.) Unbearbeitetes Holz oder geöltes Holz, Kicker, Thinktanks haben Resopal abgelöst, aber es ist von der gleichen Austauschbarkeit.

Und als Drittes kommen wir zu T3N. (Eigentlich sollte dieser Post nur über dieses Unternehmen gehen, aber ich muss ja immer einbetten und Kontext herstellen. Nennt es Erklärbär oder Mansplaining.) Das war mal ein Magazin für die Softwareszene rund um das Content Management System Typo3. Das erklärt den Namen. Inzwischen ist es aber viel mehr als das, es ist für mich das neue heise.de mit einem Fokus. Es kommt auch Hannover, ich habe es gedanklich schon oft genug mit dem Heise-Verlag (der macht die Computerzeitschrift) verwechselt. Aber es kommt von Yeebase, einer Neugründung aus dem Jahr 2005. Längst ist die Zeitschrift, die vier Mal im Jahr erscheint, nur Teil der Bemühungen. Die Webseite ist täglich aktuell, 15 Redakteure arbeiten dran.

Ich weiß das, weil ich auf einer Abendveranstaltung des unglaublich rührigen Media Labs Bayern war, wo CTO Martin Brüggemann T3N vorgestellt hat. Für einen Hackathon Anfang Juni hat T3N seine interne Content API, über die alle Inhalte, die im Haus je hergestellt wurden, erreichbar sind, auch extern verfügbar gemacht. Ohne Zugangsbeschränkungen.

Nichts Besonderes, wenn man aus der Softwarewelt kommt. Aber für Verlage ist das eine Revolution. Wie viele Verlage verdienen Geld mit Klagen gegen KMUs, die Presseberichte einfach so scannen und auf ihre Homepage stellen? Wie viele Verlage wollten die Ausschüttung aus der VG Wort an die Urheber anfechten? Wie viele Verlage verdienen Geld mit Pressespiegeln? All das sind Abwehrkämpfe, die zwar kurzfristig Früchte bringen, aber langfristig zum Scheitern verurteilt sind.
Ob sich der Aufwand für T3N lohnt, mit einem Hackathon zu wirklich neuen Ideen für die Zukunft im Journalismus zu kommen, wird sich zeigen. Ich bin skeptisch. Zu konventionell waren die Ideen, die wir alle in einem Design-Thinking-Workshop auf dieser Abendveranstaltung entwickelt haben. 18 Monate in die Zukunft denken – ja. Aber mehr als zehn Jahre? Puh. Ich drücke aber alle Daumen, die ich habe!

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