Fury in the Zeltspektakel

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Musik

Wir kommen zusammen zu Live-Musik, um uns unserer Vergangenheit gewahr zu werden und sie zu feiern. Dad Bods werden gewackelt, Cool Moms zwischen 50 und 70 parken ihr E-Bike vor dem Gelände. Das machen die Leute im Remstal ganz vorbildlich. Zwar kommt man am besten mit dem Auto zum Zeltspektakel, weil es direkt an der B29 Richtung Aalen liegt, aber mehrere Hundert Drahtesel stehen säuberlich aufgereiht. Der Anteil der E-Bikes dürfte in dem sanft hügeligen Gelände recht hoch sein.

Alle zwei Jahre stemmt der Ort diesen Kraftakt: ein Festival mit viel Musik von früheren A- und B-Listern. Dieses Jahr ist Seal einer der Headliner der neuntägigen Veranstaltung auf dem Betriebsgelände eines Modehändlers. Wie schafft der Ort das? Hunderte Freiwillige helfen an allen Stellen mit. Deshalb kostet das Bier nur vier Euro und die Schorle sogar nur drei Euro. Einen Burger auf dem Gelände gibt es für sieben – Preise wie vor fünf oder zehn Jahren auf dem Tollwood in München. Daran erinnert mich das hier am meisten. Das Zelt ist deutlich kleiner als die große Musik-Arena auf dem Tollwood, und es ist voll und erwartungsfroh. Die örtliche Zeitung hat ein Liveblog am Start. Das ist die Art von Bratwurstjournalismus, wie es sie früher öfter gab.

Los geht es am letzten Freitagabend vor den Sommerferien, an einem übertrieben sommerlich gut gelaunten Abend noch dazu: viel zu warm, die Sonne brennt auf das Biergartengelände vor dem Zelt. Auf der Bühne steht Fury in the Slaughterhouse. Sogar beim Voract Pohlmann sind fast alle im Zelt. Artig hält jeder dem anderen den Platz frei, wenn man zum Bierholen oder Bierwegbringen muss.

Fury, kurz gesagt, kommen aus Hannover, der Mutterstadt aller deutschen Musiker:innen: Scorpions – mit denen sie sogar das Pfeifen in einem ihrer größten Hits gemein haben –, Sex-Bomb-Macher Mousse T. und Satellite-Verzauberin Lena. Als FITS vor fast 40 Jahren gegründet wurden, gab es weder Spotify noch ein deutschsprachiges MTV. Damals hatte das Radio noch die Aufgabe, neue Musik zu verbreiten – also eine andere Funktion als das Radio in einem ihrer Songs.

She buys a radio station with her husband’s legacy
She does her own show ten hours a day
Plays poems and listens, lets feelings run free
Helps people talk their pain away
So if your world falls down
Can’t see the light of day
(Call the lady) call the station today, yeah
This is radio orchid, listen and cry
To all the others that suffer and die
Lyrics aus Radio Orchid

Auch wenn die Band nach eigener Aussage ausgerechnet in diesen Tagen ihren ersten Radiohit hatte, kenne ich sie vor allem daher: aus dem Radio. Und von meinem besten Freund aus der Schulzeit. Der war ein riesiger Fan, bevor er sich dem aufkeimenden deutschen Rap widmete. 2023 hatten sie mit Hope ihr erstes Nummer-eins-Album – nur schade, dass das da schon längst keine große Rolle mehr spielte und die Währung eher Plays bei Spotify waren.

The more we take the less we give
That’s the modern way to live
Lyrics von Every Generation Got Its Own Disease

Meine Lieblingssendung war damals die Schlagerrallye mit Wolfgang Roth. Dabei stamme ich aus der Samstagnachmittagskohorte: immer vor der Bundesliga-Radiokonferenz. In diesen Hörercharts wurde gespielt, was sich die Anrufer ausgesucht hatten; ganz früher wurde per Postkarte abgestimmt – those were the days. Als ich das Kinderzimmer endlich entrümpelte, rumpelte auch eine Menge bespielter Kassetten in den Müll. Ganz so tief wie ein Freund, der es sogar in Jurysitzungen zur Vorauswahl der Songs geschafft hat, bin ich nicht in den Kaninchenbau gestiegen. Aber die Songs von FITS geben mir ein wohliges Gefühl von Heimat, so wie der Kakao nach dem Bad am Samstag vor der „Wetten, dass..?“-Eurovisionsübertragung. Time to Wonder ist von 1988, Won’t Forget These Days von 1990. Mehr als 1.000 Konzerte haben sie gespielt; gut abgehangene Rocker sind das. Sie wissen, was sie tun, und dann überraschen sie doch: Schon bei Song Nummer drei und Nummer fünf unternimmt Sänger Wingenfelder einen Ausflug ins Publikum. Die Fans sind sehr dankbar, sehr lieb und sehr filmfreudig – Security ist auf der Kamera nicht zu sehen. Seine blauen Augen leuchten in den Momenten sichtlich auf, in denen er den In-Ear-Monitor aus dem Ohr pult, um die Lautstärke der Menge wirklich zu fühlen. Ich fühle es auch, in diesen ziemlich genau zwei Stunden.

Überhaupt scheint die Zeit stillgestanden zu sein hier in einem Vorort von Stuttgart. Die Menschen machen einander noch Platz, wenn jemand anderes den Sitzplatz dringender braucht. Zum Beispiel in der S-Bahn, die sich aus dem Stuttgarter Kessel weit hinaus hierher bewegt, kurz vor der Endhaltestelle und kurz hinter Sommerrain, vor dem man an diesem Abend verschont bleibt. Die Männer tragen noch ihre Muschelkette aus dem Kreta-Urlaub von ’97 auf, und das Kurzarmhemd in Koralle kommt frisch gebügelt an den Leib. Die Tattoos sind ein bisschen faltig geworden, das Publikum geht auf die Rente zu. Der Sänger ist Jahrgang ’59. Er mache einfach weiter, sie könnten nichts anderes, hat er im Interview gesagt. Alkohol wird in großen Mengen getrunken, glasige Augen schon um 20 Uhr.

Aber da halten es die Fans kaum anders als die Heroen auf der Bühne. Christof Stein-Schneider sagt immer wieder „Stößchen“, wenn er einen Schluck aus seinem Hellen nimmt. Sein Mikrofonständer hat eine Halterung für die Pulle. Eine feuchtfröhliche Sache sind die Konzerte immer noch. Bei Milk and Honey und Rain Will Fall muss Kai Wingenfelder mindestens einen Eimer Wasser mit Schwung in die ersten Reihen kippen. Diesmal macht er sich bei einem slapstickartigen Abgang auf der Bühne tüchtig nass – obwohl er wohl eigentlich den Gitarristen, der nicht sein Bruder ist, duschen wollte. Wingenfelder erinnert sich an seine erste Tour überhaupt, in einer Welt vor dem Internet: Die war mit The Pogues. Die kennt man von dem immer schon gelallt wirkenden Fairytale of New York. Und deren Sänger Shane MacGowan konnte wohl saufen und singen. Die toxische Seite der Männlichkeit zeigt sich hier dann doch unter der gutbürgerlichen Oberfläche.

It was Christmas Eve, babe,
In the drunk tank
An old man said to me
„Won’t see another one“
Aus „Fairytale of New York“

Oder hier, in Party Girl:

I know a girl called Jane
She’s got the cutest ass of this planet
I don’t know if I could believe her
Or what she said was true
She’s just a party girl

Den häufiger singenden Wingenfelder muss man sich wie einen gealterten Vin Diesel vorstellen: eine bullige Statur, ohne übertrainiert zu sein. Wie einen Meister-Proper-Darsteller aus der Reinigungsmittelwerbung, der nicht mehr gebucht wird, weil er einfach nicht mehr jung genug ist. Nicht einmal für die weirden Vorabendwerbespots rund um die heute-Nachrichten, mit Mitteln für und gegen Blasenschwäche.

The last dance won’t last forever
No way back, we’re running out of time
If we want this world to live forever
We need a change to leave this mess behind
Aus „Changes“ vom aktuellen Album „Changes“

Was sie spielen würden, wurden die Musiker in zwei Interviews vor dem Konzert gefragt. 8/8/8 war die Antwort. Sie sind so gutherzig, dass das keine rechtsextreme Chiffre sein soll. Gemeint sind acht Songs vom neuen Album – erstaunlich gut, Changes ist mein Favorit –, acht Songs, die alle hören wollen, und acht Songs, auf die die Band Bock hat. Dazu gehört auch Pussycat, was man nicht unbedingt erwartet hätte. Die acht Songs, die alle hören wollen, packt Wingenfelder in Kategorie zwei. Manche Ansage lautet auch nur: „Ein Song aus Kategorie zwei.“ Und diese Songs sind, im Schnelldurchlauf, alphabetisch geordnet:

  • Every Generation Got Its Own Disease
  • Haunted Head and Heart – ist das einer?
  • Oder doch eher: Kick It Out
  • Milk and Honey
  • Radio Orchid
  • Time to Wonder
  • Trapped Today, Trapped Tomorrow
  • When I’m Dead and Gone
  • Won’t Forget These Days

Diesen Impuls nehme ich einem der Hits auch nicht mehr ab. Sie stehen auf der Bühne und saugen die Energie aus dem Publikum, wie Vampire des Herzens:

Ooh, ooh, ooh, when I’m dead and gone
I wanna leave some happy woman living on
Ooh, ooh, ooh, when I’m dead and gone
Don’t want nobody to mourn
Beside my grave, yeah
Lyrics aus When I’m Dead and Gone

Kai Wingenfelder ist noch gut bei Stimme. Sie ist nicht so nachgedunkelt, wie man das von anderen in seinem Alter kennt. Gut, er kommt nicht mehr mühelos überall die Tonleiter hoch, aber das kam er auch früher schon nicht. Auch bei seiner Rückkehr von dem Gang durchs Zelt hat er Probleme, die Bühnenleiter hochzukommen.

Präsenz hat er noch, also das, was man heute Aura nennen würde. Und doch glaube ich, dass ich ihn mit einer Breuninger-Einkaufstüte und tief ins Gesicht gezogener Kappe auf der Stuttgarter Einkaufsmeile Königstraße nicht erkennen würde. Er ist so der coole Schwager aus dem Vorort, der im Grunde angenehm unpeinlich geblieben ist, aber immer auch ein bisschen doll mit dem Künstlerdasein herumstolziert.

Das zeigt sich auch, wenn er die Titelzeile des Songs zumindest auf Spanisch singt und gegen alles in der Welt anschmettert, was korrupt ist – und auch gegen den Sturm auf das Kapitol in Washington am 6. Januar 2021:

The country’s crying out for a change
A hunger’s taken over
The flow of money has dried up
And the air smells of civil war
Aus „Viva La Revolucion“

Das Lied über Deutschland heißt Sorrowland und ist so etwas wie der musikalische Versuch einer Brandmauer. Ein ehrenwerter Versuch in Winterbach, wo die AfD bei der jüngsten Landtagswahl 16 Prozent der Zweitstimmen erhielt und der CDU-Kandidat Christian Gehring das Direktmandat gewann. Irgendwie kann man sich den Kanzler vorstellen, wie er dazu zu etwa 15 Prozent euphorisiert am Mineralwasser nippt. Ganz wie seine Altersgenossen in Reihe eins.

Maybe tomorrow, we’ll leave in sorrowland
Tomorrow, this misery should end
Maybe tomorrow, we’ll leave in sorrowland
Tomorrow, this misery should end
Aus „Sorrowland“

Sie sind Musikhandwerker, nicht unbedingt Poeten. Das findet hier Anschluss: sagen, was ist. Auch die Illustrationen der Songs auf der Leinwand folgen diesem Prinzip. Das ist vermutlich das, was sie mir vor 20 Jahren verleidet hat. Diese Band ist ein Teil von mir, einiges schwingt immer noch nach – aber ich habe mich weiterentwickelt. Kann man vom Songwriting der sechs Mannen nicht behaupten.

When we were young, and everyone
Was chasing a dream of having fun
Being cool and a handsome son of a gun

We wanted all that we couldn′t get
And everything that we got instead
Was a broken dream of being part of the A team
Aus „When We Were Young“

Vielleicht ist es aber genau das, was Fury zu einem ausverkauften Konzert südlich des Weißwurstäquators antreibt. Mehr als vier Millionen verkaufte Alben stehen in deutschen Regalen oder haben ihren Weg in die Müllpresse gefunden. Hier, wo Platin und Gold noch Status bedeuten. Hier, also im Süden, wurden sie früher im Radio nicht so oft gespielt. Sie sind das Pur Norddeutschlands. Das ist keine Beleidigung, echt nicht. Die Musiker sind ähnlich alt, und auch die Bands gibt es fast gleich lange. Ehrlich, vielleicht ein bisschen zu sehr auf die Zwölf.

In the end, you’re gonna lose your values
In the end, you’re gonna lose your life
Hey you (Hey you), it’s two minutes to midnight
Weitere Zeilen aus „Viva La Revolucion“

Sie hören 45 Minuten vor Mitternacht auf, die Nacht hat sich auf 14 Grad abgekühlt. Beschwingt geht es aufs Rad, ins Auto – heimwärts, höchschde Zeit fürs Wochenende. Wurscht, dass auf der Leinwand loose your values stand. Ihr Englisch ist ja auch beim Singen nicht das Beschde.

🎸🎸🎸🎸 4 von 5 Gitarren, rock-solid rock gig.

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