Wie war’s bei der Fuck-up-Night in Kolbermoor?

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Konferenz / Social Media / Software / Web
Optischer Fehler: Glitch - passend zur Fuck-up-Night in Kolbermoor. Foto: Corey Motta/Unsplash

Wie oft erzählen wir im digitalen Geschäft von Dingen und Projekten, die schief gelaufen sind? Wir erzählen von den gewonnenen Schlachten und knapp, aber gut ausgegangenen Projekten. Die Figur des Retters in letzter Not – sie gibt es nicht nur bei Fußballspielen. Im Digitalen gibt es den knight in shining white armor shiny white Apple plastic. Auch dann, wenn man durch Fachzeitschriften blättert, reihen sich die Erfolge aneinander. Neuer Job, größere Aufgaben auf einer Einzelbetrachtungsebene. Unternehmen rühmen sich selbst: Best Practice hier, best-of-breed da, Hybride turn-Key-solution dort. Das ist in allen Branchen so, und in Deutschland aufgrund der Bastler-wurde-Ingenieur-Mentalität noch mal besonders so, finde ich. Ein Fachmagazin wie Internet World halte ich in einer bestimmten Stimmung nicht aus.

Fuck-up-Night in Kolbermoor

Wie viel erfrischender ist es, wenn gestandene Macher*innen dann von Projekten erzählen, in denen etwas bis alles schief gelaufen ist. Dafür gibt es eine Veranstaltungsreihe, ja sogar ein Format, das von ein paar ebenfalls genervten Digitalisten ins Leben gerufen und formatiert wurde. Die „Fuck-up Nights“ kommen jetzt auch nach Deutschland, und ich war bei der Premiere der Fuck-up-Nights in Kolbermoor, meiner Heimatstadt, dabei. Nach München kommt der Event auch, digital people!

Mein Wohnort ist nicht unbedingt der erste Ort, an dem man so einen Event erwarten würde, aber auch dort gibt es eine wachsende Digitalszene – Onlineshops kann man überall bauen, und einer der größten deutschen Magento-Partner sitzt dort (und in München). Und mit einem Magento-Projekt geht es an dem Abend in der alten Spinnerei los. Firmengründer und -Chef Stefan Willkommer erzählt die Geschichte, die er mit Tech Division und diesem sehr prominenten Kunden erlebt hat.

Auch Einhörner können scheitern

Die Rede ist vom aktionsgetriebenen Direct-to-Consumer-Verkauf eines Konsumgüterherstellers. Was kann da schon schiefgehen? Normalerweise beliefert Ritter Sport Supermärkte, aber man kann auf der Webseite des Schokifabrikanten auch direkt Schokolade bestellen, und Merchandising gibt es auch. Das passt in den „Wir sind auch noch Manufaktur“-Ansatz, den das Unternehmen etwa mit seinem Flagship-Store in Berlin (und dem am Firmensitz, der aber natürlich viel weniger frequentiert ist) verfolgt, wo man sich selbst seine eigene quadratische Tafel zusammenmischen kann – oder den Daheimgebliebenen als braun-buntes Mitbringsel. Wie gut das zum normalen Firmen-Image passt, mag jeder selbst beurteilen.

Aber Ritter Sport landete vor zwei Jahren im November 2016 einen riesigen viralen Hit – mit der Einhorn-Schokolade. Der ging weit über Social Media hinaus und wurde von MSM auch aufgegriffen. Und, mit großer Reichweite kommt große Verantwortung. Sag nur Einhorn – damals noch mehr Hypethema als heute – und hunderttausende wollen das Produkt haben. Normalerweise werden im Ritter-Sport-Online-Shop pro Tag 100 Bestellungen ausgelöst. Zur Spitzenlast waren es 35 Bestellungen pro Sekunde. Willkommer schätzt, basierend auf Gesprächen mit der Szene, dass das etwa dem Weihnachtsgeschäft-Traffic von Amazon in Deutschland entspricht. Natürlich war der Shop darauf nicht vorbereitet, und erst ging alles ganz langsam, und dann brach der Shop komplett zusammen.

Ritter Sport entschuldigte sich dafür auf dem Blog umfassend.

Kein Wunder, denn Ritter Sport hatte damals eine No-Cloud-Policy. Als die Aktion am 1. November (Feiertag in weiten Teilen des Landes, sicher auch fürs Tech-Team nur Bereitschaft und keine Anwesenheit!) live ging, war der Dienstleister natürlich nicht informiert, und die Server im Rechenzentrum gingen schnell in die Knie. Noch am ersten Abend der Aktion hob dann der Geschäftsführer von Ritter Sport diese No-Cloud-Policy auf. Weil es in zwei Wochen noch mal eine Wiedergutmachungsaktion geben sollte, musste innerhalb von wenigen Tagen das System bei Amazon Web Services zum Laufen gebracht werden – mit entsprechenden Vorkehrungen für das horizontale Scaling. Obwohl die Aktion erst nachmittags starten sollte, startete die Last bereits mitten in der Nacht. Die Learnings aus der Aktion:

  • Nur die Cloud hält dich bei unvorhersehbaren Lastspitzen am Leben
  • Enge Beziehung zum Kunden, damit der dir von allen seinen Plänen vorher erzählt

Keine überraschenden Insights, aber mit welcher Vehemenz kann man die sonst schon ins Gesicht geschmettert bekommen?

And now for something completely different

Aber nicht nur auf hoher See mit dem Kunden kann man scheitern. Auch ganz im Kleinen. Diese Selbstöffnungen finde ich fast noch beeindruckender. Sie sind sehr persönlich, und im Darüberreden gewinnen die Vortragenden noch mal neue Einsichten – und sie haben eine Mission. Maren Uffenkamp erzählte so von ihrem gescheiterten Weg in die Selbstständigkeit – und wie sich wieder hat fest anstellen lassen. Ein Hochschulprofessor erzählte von seinem ersten Startup mit Studierenden, und wie er aufgrund von fehlenden Verträgen die Studierenden nicht vor sich selbst schützen konnte. Darin sind Lektionen vorhanden für das richtige Abschätzen von Projekten, und auch an „product-market fit“ fühlte ich mich erinnert. Man muss nicht gleich vom Zehn-Meter-Brett der Selbstständigkeit springen. Allen Interessierten sei hier das Blog von Seth Godin empfohlen.

Am meisten berührt hat mich aber der Vortrag von Immobilienentwickler Maximilian Werndl. Der hat mit seinem Vater viele Objekte im Landkreis Rosenheim gemacht, und auch das, in dem er an diesem Abend spricht, gehört dazu. Die alte Spinnerei in Kolbermoor war der Siedlungskern der erst etwa 150 Jahre alten Stadt Kolbermoor, einer Nachbarstadt von Rosenheim, direkt an der Mangfall gelegen. Sie wuchs um die Spinnerei, in der Baumwolle verarbeitet und gefärbt wurde. Einige der alten Fabrikgebäude wurden umgebaut und beherbergen jetzt wundervolle Büros und Loft. Mein Hausarzt ist auch dort.

Aber von der Arbeit erzählte Werndl nicht, sondern der Anfangdreißiger, der die Erfahrung eines viel älteren Menschen ausstrahlt, erzählte von seiner Vergangenheit mit dem Wingsuit. Fünf Jahre lang sprang er von Bergkanten und anderen Podesten und flog in irrer Geschwindigkeit dem Tal oder dem Abgrund entgegen. Mehr als 150 Bekannte und Freunde starben in dieser Zeit an dem ungeheuer gefährlichen Sport. Dessen Appeal verschweigt er nicht, aber wichtig für Werndl war es zu sehen, warum er den Sport gebraucht und gemacht hat. Der Kick für den Augenblick, sich selbst aus dem Weg gehen – all das sind Gründe. Und jetzt evangelisiert er dagegen. Er hat sogar einen Kurzfilm mit Freunden produziert.

Wenn wir scheitern, lernen wir schneller und unter Druck. Das dürfen wir nicht vergessen. Weil wir nicht wieder eine Fünf kassieren wollen, lernen wir in der Schule Vokabeln. Weil wir unsere Mitarbeiter nicht im Stich lassen wollen, rackern wir bis spät in die Nacht. Das ist menschlich, und in der Hochglanzwelt des Erfolges sollte manchmal mehr Platz für die Fehlschläge sein. Mein Maß für Professionalität ist unter anderem auch, wie jemand über seine Fehler spricht. Gibt er/sie sofort zu und kommuniziert darüber offen? Unter den Teppich kehren ist früher. Heute ist Transparenz angesagt. Es kommt eh raus. Besser frei heraus als verdruckst. Mein Karrieretipp.

Photo by Corey Motta on Unsplash

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