Henry Cavill und Ben Affleck in San Diego. Foto: Gage Skidmore/Flickr
Dominic Grzbielok

Grün ist das Gift: Filmkritik „Batman vs. Superman: Dawn of Justice“

Filme mit grünen Gegenständen haben einen schweren Stand. Mir scheint es fast, als hätten sich die Filmgötter gegen Grün verschworen. „Green Lantern“ war ein verzichtbarer Superheldenfilm, der beinahe Ryan Reynolds’ Karriere zerstört hätte. (Er konnte sich mit „Deadpool“ aus dem Kader der angeschossenen Filmstars retten.) „Green Hornet“ – ein Superheldenfilm mit Seth Rogen. Kein Wunder, dass das nicht funktioniert hat. Hätte ich auch wissen können, ohne den ganzen Film erleiden zu müssen. Hat mir ja auch bei „The Interview“ auch gereicht, der Groteske über einen untalentierten Moderator/Interviewer, der nach Nordkorea reist. Das war fast genauso unerträglich wie Filme von Sacha Baron Cohen. (Und ja, Ali G fand ich wirklich lustig. Aber irgendwann wurden ihm, wie auch Ricky Gervais, die  Grenzübertretungen wichtiger als dabei auch noch lustig zu sein.)

Kryptonit ist grün, das weiß doch jedes Kind. Auch wenn es nie Comics gelesen hat, so wie ich. (Tim & Struppi ja, aber DC und Marvel? Ne.) Also rufe ich jetzt den Zusammenhang mit der Grün-ist-Gift-Theorie auf. Im ersten Teil kam Kryptonit nicht vor, und das fand ich gut. Jetzt aber umso mehr. Es wird waffenfähig gemacht, auf eine schlaue, und auf eine steinzeitliche Art, die sich natürlich als die richtige im Kampf gegen den orkartigen Endgegner entpuppt.

Nachdem „Man of Steel“ dem Aufbau der Persona Superman/Clark Kent diente, und dennoch gute Unterhaltung bot – geht es jetzt um die Wurst. Also eher: Wer ist der beste Beschützer der Menschheit? Er oder ich? Wer ist der Geilste? Das ist der Kampf aus dem Titel, er beginnt zwei Stunden nach Filmbeginn, und er ist noch nicht die Klimax des Films. Jungs müssen tun, was Jungs tun müssen.

Selten habe ich einen Film erlebt, indem das Setup, das die beiden Kraftbolzen aufeinander zurasen lässt, so durchschaubar und manipulativ war. Die beiden sollen gegeneinander kämpfen? Da muss ordentlich was passieren. So macht Bruce Wayne Superman dafür verantwortlich, dass er seinen Wolkenkratzer und viele Angestellte verloren hat – im Kulminationspunkt eines Kindes, das seine Mutter in den Trümmern des Wayne-Towers verloren hat. Jaja, Tränendrüse wird erzwungen, aber eben erzwungen. Ben Affleck kann das mit seiner Mimik nicht so ganz ausdrücken. Die wurde hölzern genannt, das ist auch soweit zutreffend. Er hätte allein für diesen Film all die Witze verdient, die auf Matt Damons Kosten in „Team America“ gemacht wurden.

Die Titel passen ganz gut: „Man of Steel“ war menschlich, im neuen Teil steht das „vs“ im Vordergrund. Das ist ein bisschen wenig für 151 Minuten Laufzeit, aber in den letzten Jahren ist das Zusammenbringen diverser Franchises und Vermarktungswelten wichtiger geworden.

Wertung: 2 von 5 Muskelpaketen

New York bei Nacht mit Lichtreflexen, von denen auch "Limitless" voll ist. Foto: Stewart Butterfield/Flickr

Filmkritik „Limitless – Ohne Limit“

Der Stoff gibt eigentlich nicht mal einen überzeugenden Film her, wie hat man dann aus „Limitless“ eine Serie machen können? Erfolgloser Autor trifft seinen Schwippschwager. Der war und ist Drogendealer, gibt ihm ein Mittelchen, mit dem er sich viel besser konzentrieren kann und das ihn zu neuen Leistungsniveaus katapultiert. Seinen Roman schreibt er in vier Tagen zu Ende.

Wenn man so will, ist „Limitless“ eine Parabel auf die Gefühle, die Crystal Meth- und Tablettenabhängige in sich erzeugen. Einen so drogenverherrlichenden Film habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Religionslehrer werden ihn hassen. Für mich ist er wie eine schillernde Erscheinung, etwa wenn man einen Star ganz von nahe sieht. Sehr faszinierend, und ein elektrisierendes Erlebnis. Aber ein kalter Glanz, keiner, den man sich immer und immer wieder an kalten Tagen, an denen die Stimmung auch gedämpft ist, hervorholt.

Das liegt für mich auch an der sehr gewollten Übertreibung auf der visuellen Ebene. Bereits in den Titeltafeln zu Beginn des Films präsentiert „Limitless“ seinen Vorzeigeeffekt: Es ist ein Zoom auf Menschen auf New Yorker Straßen, der nicht aufhören will. Immer dann, wenn eine normale Kameralinse an ihre optischen Grenzen stößt, wird ein weiteres Bild, ganz offensichtlich durch den Computer unterstützt, daran geschnitten. Man merkt die Schnitte nicht. Das ist eben so berechnend wie kindisch. Das ist ein ganz normales filmisches Instrument, das es schon lange gibt: vom ersten Film, in dem eine einfahrende Dampflok die Zuschauer erschreckt hat bis hin zu Meisterregisseuren wie David Fincher, die bei der trickreichen Kamerafahrt durch ein geschlossenes Fenster und eine Kaffeekanne die Grenzen der Physik und die Nerven der Zuschauer strapazieren.

„Limitless“ zeigt ganz deutlich die Grenzen der schauspielerischen Künste von Bradley Cooper. Zu Tode betrübt nimmt man ihm einfach nicht ab, und damit bekommt der Film auch keine Fallhöhe. In Komödien ist er toll, aber nicht in psychologischen Studien.

Bewertung: 3 von 5 Buchverträgen

Hugh Jackman und Patrick Stewart stellen auf der Comic-Con den Film vor. Foto: Flickr/Gage Skidmore

Filmkritik: „Logan – The Wolverine“

Die Jungs neben mir haben laut aufgestöhnt, als der Abspann von „Logan“ endlich begann. Sie hatten gelitten. „Logan“ hält uns allen den Spiegel vor, wie wir es mit dem Altern halten. Ich werde dieses Jahr 40 Jahre alt. Ich finde das Thema extrem reizvoll, weil ich Altern als Chance begreife. „Logan“ betont aber unsere Vergänglichkeit, unser Sterblichkeit. Sogar Mutanten mit schier unerschöpflichen Regenerationskräften kommen in die Jahre.

Charles X. Xavier ist Mitte 90, und er wird von seinen letzten Getreuen wider Willen in einem Verschlag gehalten. Das ist zu seinem Schutz und zum Schutz der Welt. Mit dem hohen Alter ist Xavier nämlich die Fähigkeit abhanden gekommen, seine Hirnkapazität immer zu kontrollieren. Wenn ihm die Kontrolle entgleitet, stößt er lähmende Hirn-Schall-und-was-auch-immer-für-Wellen aus, die Menschen verletzen könnten. Bei einer Attacke dieser Art sind mehr als 60 Menschen ums Leben gekommen. Da nahm Wolverine ihn auf und steckte ihn ins metallene Gefängnis. Xavier ist weit gefallen, aber sein endzeitiges Arrangement ist eine Antwort auf ein Land, in dem man weder dem Gesundheitssystem noch dem Staat traut.

Logan fährt für einen Uber-Klon im Jahr 2029 eine schwarze Limousine. (Offenbar können US-Autohersteller in der Zukunft immer noch keine vernünftige Mechanik bauen, und offenbar überschätzen sich US-Autofahrer immer noch derart wie wir das kennen.) Damit hält er sich und seine Männer-WG in Mexiko über Wasser. Sehr deutlich hält der Film Logan den Spiegel vor: Ungelernte Männer wie er taugen nur mehr als Fahrer, und die Lastwagenfahrer, den häufigsten Beruf der Gegenwart in den USA, braucht es nicht mehr. Fahrerlose Gespanne beherrschen die Highways. Hier channelt James Mangold die Versprechungen der Autoindustrie und ihrer Disruptoren wie Otto, im Jahr 2025 spätestens große Teil des Warentransports automatisiert zu haben. Außerdem kann man da Anleihen an Filme wie „Truck“ (richtigen Titel recherchieren) und „Cars“ sehen, wenn man das möchte.

So hat sich Logan die Welt jedenfalls nicht vorgestellt, und im Grunde hält ihn nur sein Pflichtgefühl gegenüber Xavier aufrecht und ihn am Funktionieren. Den unermüdlichen Pfleger Caliban kann er kaum würdigen. Dabei schultert diese den Großteil der Pflege. Übrigens ein sehr interessantes Mehrgenerationenwohnen, was die Herren da haben. Erinnert an die Alters-WG von Henning Scherf von weitem.

Jungskino wie dieses geht volles Tempo bei der Gewalt. Auch in diesem Wolverine-Film. Wer „Deadpool“ deshalb schon nicht mochte, sollte um „Logan“ einen großen Bogen machen. Dennoch komme ich mit der Brutalität und dem Sterben und dem Leid in „Logan“ besser klar als mit dem stets mit einem zwinkernden Blick versehenen Gemetzel in Deadpool. In diesem FIlm wird klar: Gewalt hat Opfer, und auch die vermeintlichen Sieger und Überlebenden leiden, leiden, leiden.

Spoiler!

Besonders die Gefühle zwischen den Generationen heben den Film weit über das Superhelden-Allerlei heraus. Logan sieht sich als Vater eines Mädchens, das auf ihn angewiesen ist. Xavier sieht sich als väterliche Beschützerfigur für Logan. Logan wiederum sorgt sich wie ein Sohn um den gebrechlichen und kranken 90-Jährigen. Das sind alles Themen, die im lauten Actionkino sonst nicht angebracht werden. Am Ende bedauert man, dass Hugh Jackman und Patrick Stewart nie wieder in die X-Men-Welt zurückkehren werden. Aber es ist die logische Entscheidung. Begraben ist begraben.

Wertung: 4 von 5 Popcorneimern

In dieser Landschaft wurden die Space-Bilder in "Interstellar" gedreht. Foto: Flickr, Jennifer Boyer

Filmkritik „Interstellar“

Ganz lange habe ich mir „Interstellar“ aufgehoben, in meiner Watchliste bei Netflix. Ganz lange auch deshalb, weil der ganz lang ist: mit zweidreiviertel Stunden liegt der deutlich über dem, was ich an einem normalen Werktag abends auf der Couch mir ansehen möchte. Wie mittelalte Männer dicker und satter werden, werden Blockbuster ja immer länger. Ab 125 Minuten muss man als Kinozuschauer oft Aufschlag zahlen, und die Fernsehsender, die die Free-TV-Rechte erwerben, freuen sich auch über die Gelegenheit, mehr Werbepausen in dem Schinken unterzubringen.

„Interstellar“ war der letzte Film von Christopher Nolan, den ich noch nicht gesehen hatte. Man merkt, ich mag seine Art, Filme zu machen. Ich betrachte ihn als Sohn im Geiste von Michael Mann, einem meiner Lieblingsregisseure. Beide sind sich in vielem einig: der visuellen Wucht ihrer Geschichten, dem Einsatz von Musik zur Verstärkung der Gefühle und ihrer völligen Unfähigkeit, Geschichten über Frauen zu erzählen, bei denen Frauen mehr sind als ein Love Interest.

„Interstellar“ habe ich immer begriffen als das Opus Magnum von Nolan – er will zeigen, „Ich kann auch bedeutungsvolle Science Fiction“. Wobei sich diese Begriffe im jüngeren Kino ja geradezu ausschließen. (Vom Überraschungshit „Gravity“ abgesehen.) Und er hatte endlos Budget zur Verfügung für ganz atemberaubende Aufnahmen und Effekte, und alle Schauspieler wollen mit ihm arbeiten.

Eigentlich ist die Geschichte ganz simpel: Die Erde plagt die Menschen mit Plagen. (Die Erde, oder ist da mehr?) Der Weizen ist hin – und wächst nicht mehr, andere Futterpflanzen verdorren auch. Und der Mais ist auch dabei einzugehen. Weltweit. Der Menschheit droht das Verhungern. Sie ist auf der Suche nach Alternativen: besserem Ackerbau, oder der Flucht von der Erde. Dafür rüstet die NASA im Geheimen eine bemannte Mission durch ein Wurmloch in eine weit entfernte Galaxie aus, unter der Leitung von Professor Brand (Michael Caine). Erste Expeditionen haben gezeigt, dass es da bewohnbare Planeten der M-Klasse geben könnte. Und der Ex-Jetpilot Cooper (Matthew McConaughey) ist dessen erste Wahl als Pilot des Raumschiffes.

Was das Sterben der Futterpflanzen ausgelöst hat, erklärt Nolan nicht einmal ansatzweise, vielleicht ist es der Klimawandel. Das kann man dem Film vorwerfen, dass er seine Prämisse nicht ausbuchstabiert. Ich persönlich finde es einen geschickten Kunstgriff. Mit beinahe unmerklicher Sorgfalt nimmt Nolan (gemeinsam mit dem Drehbuch seines kongenialen Bruders) das Interesse des Zuschauers gefangen und führt in die Verwerfungen der Familie von Cooper hinein. Seit „Spider-Man“ mit Tobey Maguire ist das das Mittel der Wahl, wenn man Filme mit Superhelden / Raumschiffen erden will.

Coopers Frau ist gestorben, seine Kinder leben mit ihm und seinem Schwiegervater auf einer Farm. (Die erinnert an drei Dinge: den Dust Bowl, die Dürreerfahrung der US-Amerikaner im Vorfeld der Großen Depression; die Farm aus „Feld der Träume“ von Kevin Costner; und mich auch an die Farm aus dem M. Night Shyamalan-Film, indem sich die Kinder mit Wassergläsern… – aber ich will nicht den Twist kaputt machen.)

Warum sage ich, dass die Kinder mit ihm dort leben? Die Kinder haben sich an das Leben dort angepasst. Sohnemann zumindest. Der Papa trauert seiner Frau und seinem alten Leben als NASA-Pilot und Möchtegern-Raumfahrer nach. McConaughey sieht genauso aus wie in „True Detective“ und fast so kaputt ist er auch. Seine Wut, und die muss eine große sein, lässt er an den naiven Lehrern seiner Kinder aus. Das ist das ganze „korrupter Held“-Programm. Als die NASA ruft „Erde retten“, nimmt er das gern als Flucht aus dem anstrengenden Familienleben an, so wie wir Smartphone-Nutzer Downtimes aus unserem Leben verbannt haben.

Nach einer guten Stunde geht es endlich los ins All – und dann passieren viele und auch merkwürdige Dinge, die ich gar nicht spoilern will. Als Zuschauer muss man sich an dem Punkt entscheiden: Lasse ich mich auf diese Reise mit Nolan durch die Raumzeit ein, oder beende ich das Experiment an Ort und Stelle und beende den Film. Beides ist verständlich. „Interstellar“ kann man lieben oder hassen, ich habe mich (wohl auch aus alter Nolan-Verbundenheit) für Lieben entschieden.

Das liegt an dem, was an dem Film so anders ist als sonst im Kino der Raumschiffe, Aliens und :

Mein größtes Problem mit dem Film ist es, dass die Erzählstränge allzu adrett am Ende zusammengeführt werden. Es scheint das richtige Ende für eine Fokusgruppe oder ein Test-Screening zu sein. Man hat ein gutes Gefühl, aber gefühlt ist es das saubere Ende. Aber ich habe mir gedacht, da könnte noch mehr gehen – noch mehr Verlust, noch mehr Schroffheit. Mehr „Blade Runner Director’s Cut“. Bei einem solchen Budget ist das wohl nicht.

Ich finde den Film sehr, sehr interessant, weil er klassische Darstellungsmuster und visuelle Gewohnheiten umgeht. Dass das manche als Zumutung empfinden, ist aber genauso richtig.

Filmwertung: vier von fünf Dimensionen

Ryan Gosling bei einer Filmpräsentation.

Filmkritik „Crazy, Stupid, Love“

Es gibt bei angetrunkenen Halbstarken eine ganz schlimme Angewohnheit, vorbeilaufende Mädels und Frauen zu benoten, auf einer Skala von 1 bis 10. Wer schon mal auf Mallorca war oder auf dem Oktoberfest war, kennt das. 

Wenn man sich dieses schockierende, sexistische Schauspiel ansieht, übersieht man etwas: Die Frauen bekommen Noten, aber die Jungs selbst benoten einander nicht. Die Frau mag von der Attraktivität her eine Acht sein, aber die Männer, die das tun, sind nicht mehr als eine Drei.

Jacob Palmer (Ryan Gosling) würde das nie verbalisieren, was er denkt. Aber er springt nur auf schöne Frauen an. Alles ab neun, habe ich mir so gedacht auf der Couch. Er ist aber selbst auch mehr als eine Drei. Viele Frauen würden Gosling sicher auch hoch bewerten, wenn man sie auf eine solche Skala festlegen könnte. Mitte der Nuller Jahre kamen die Pick-up-Artists auf, die Männern vorlebten, dass die Objektifizierung von Frauen eine gute Sache sei. Ihr Wissen teilten sie in Bestsellern mit den pickligen Jungs, die zwar in Gruppen Mut hatten, aber keinen, um die Frauen anzusprechen. Palmer ist so etwas wie ein Naturtalent unter den Aufreißern. Als er ein besonders bedauernswertes Exemplar der Gattung „Scheuer Rehbock ohne Chance beim weiblichen Geschlecht“ in seiner Stammbar wittert, nimmt er den Mann, der sein Vater sein könnte, unter seine Fittiche: Cal (Steve Carell) lebt in Trennung von seiner Frau. Die wollte nach einer Affäre gleich die Scheidung. Wiewohl sie selbst diese Affäre hatte.

Der hilflose, aber gutherzige Mann wird von dem Schwerenöter auf Vordermann gebracht, aber auch der Aufreißer kann vom mehrfachen Papa noch etwas lernen. Die Geschichte läuft schnell auf Autopilot. Dass sich das verkrachte Paar wieder am Ende findet, wissen wir von der ersten Minute an. Aber das macht den Film nicht schlechter. Eher, dass das riesige Finale überkonstruiert ist.

Was wirklich spannend ist: Die Gesellschaft mit Minivan in den Vororten wird dekonstruiert. Ein paar Beispiele:

Was bedeutet eigentlich Freundschaft?

So muss sich ein Freund der Familie auf Druck seiner Frau entscheiden, mit wem man noch Umgang pflegt. Er entscheidet sich für die Frau, die erfrischenderweise erst einmal die sexuelle Aggressorin ist. Hier wird die US-amerikanische Definition von Freundschaft erschüttert. Wenn alle Freunde sind, hat keiner wirklich Freunde. Dem hingebungsvollen Papa bleiben keine eigenen echten Freunde, mit denen er etwas machen kann.

Sanitäter in der Not

Außerdem wird die Rolle des Alkohols bei Männern überdeutlich herausgestellt. Der hoffnungslose Poet Franz Josef Wagner hat bereits geschrieben: Saufen ist Weinen. Als Schmidt noch ein großes Licht und auch aktiv war, war das eine meiner Lieblingsnummern in der Late Night.

Paarbeziehung und Wer bin ich?

Viele langjährige Paare mit Kindern kennen das sicher: Nehmen wir einander noch wahr oder leben wir nur mehr für die Kinder? Sind wir noch wir? Gibt es noch Zeit für ich im wir und im sie? Mich als zweifachen Vater hat das sehr angesprochen und nachdenklich gemacht. In einem so gutmütigen Umfeld tut das auch nicht so weh.

Die Besetzung gibt dem Film auch Halt: Emma Stone spielt die Frau, die den Schwerenöter kuriert und einfängt, Julianne Moore ist als Ehebrecherin dabei. Mich persönlich hat der frühreife Teenagersohn von Cal und seiner Ex genervt, aber der soll wohl ganz bewusst so sein. Marisa Tomei hat einen viel zu kurzen Auftritt als Flamme des aufblühenden Papas, und Kevin Bacon ist der Grund, warum Julianne Moores Figur den Halt unter den Füßen verloren hat.

Wertung: drei von fünf Minivans

Hier schimpft eine Besucherin mit der Wachsfigur von Hoover. Foto: Flickr

Filmkritik „J. Edgar Hoover“

Es gibt ein Schimpfwort in der Filmindustrie. Die Rede ist von Oscarware. Der Volksmund nennt das Oscar-Anwärter. „J. Edgar Hoover“ von Clint Eastwood fühlt sich danach an. So ernst und wundervoll gestaltet ist alles. Aber anders als bei der toll ausgestatteten Lebenslauf-Groteske Benjamin Button fühlt sich das nicht echt an und es rauscht an einem vorbei. Ok, Rauschen kann man das nicht nennen. Eher so ein Nachtröpfeln als Erzählgeschwindigkeit.

Ich habe keine Ahnung, wann „J. Edgar Hoover“ herauskam, im Jahresverlauf seines Erscheinungsjahres. Aber ich möchte auf Dezember wetten, wann die Oscar-tauglichen Filme in Hollywood auf den Markt geworfen werden.

(Ich habe es inzwischen gegoogelt, es war in den USA:  Der deutsche Starttermin ist für die Oscar-Nominierung irrelevant, aber das wissen Sie alles.)

Dieser Film ist all das, was mit den Filmen, die auf Preise schielen, falsch ist. Machen wir mal eine Liste:

Diese Filmkritik ist die erste, die ich geschrieben habe, ohne den ganzen Film gesehen zu haben.

J. Edgar ist die seltsame Namensform der Vornamen von Hoover, den man wirklich ein Muttersöhnchen nennen kann. Bis zum Tod seiner Mutter hat er bei ihr im Haus gewohnt. Und wir kriegen zwar viele Szenen der beiden mit, aber die Beziehung verstehen wir auch nicht. Wir denken uns nur, „Wow!“ – dass sie Dame Judi Dench bekommen haben. Aber auch das ist nur eine Nebenfolge von Besetzung toll.

Der Film lenkt geschickt davon ab, dass er eigentlich streng chronologisch erzählt ist. Bei der Länge des Lebens von Hoover wären auch andere Organisationsformen des Stoffes denkbar gewesen, aber allein FBI-Chef war  Hoover ja mehrere Jahrzehnte. Immer wieder unterbrochen wird der lange, ruhige Erzählfluss zu Flashforwards, in denen Hoover immer neuen Schergen/juniorigen Agenten sein Leben erzählt. Offenbar war das seine Art, sich immer gut aussehende Männer in sein Umfeld zu holen.

Followerpower: Kommt der Film noch mal aus dem Knick? Wir sind beinahe eingeschlafen, und wir fanden drei Filme aus dem Spätwerk von Eastwood wirklich toll: „Mystic River“, „Million Dollar Baby“ und „Gran Torino“.

Wertung: zwei von fünf gefühlten Stunden Laufzeit

Aus der Entfernung sieht man den Schmutz nicht.

Filmkritik „The Nice Guys“

Dass es jetzt offenbar eine zweite Karriere für Russell Crowe gibt, freut mich: „The Nice Guys“ ist bereits der zweite Film in kurzer Zeit, den ich bei einem Streaminganbieter mit ihm gesehen haben („Man of Steel“ war der andere). Diesmal spielt er nicht den Vater von den Typen, die er früher gespielt hätte, sondern den Typen selbst, nur 20 Jahre später, der anachronistisch und mittlerweile als trockener Alkoholiker durch die schwer veränderte Welt taumelt. Wahrscheinlich wäre Crowe auch für „Revolutionary Road“ die perfekte Besetzung gewesen: für einen strahlenden Hollywood-Star hatte er immer ein bisschen zu starken Körperbau, strahlte er auch immer mehr Gewaltbereitschaft als Liebesfähigkeit aus.

Genau das kommt hier bei seiner Rolle als Schläger-for-Hire Healy zum Tragen. Er ist ein Kleinganove mit gutem Herzen, der lieber den echten Bösewichten für ein kleines Salär einheizt, als das große Ding zu planen. Es gibt mehrere Kämpfe mit dem Handlanger des Oberschurken, die wie aus der Zeit gefallen wirken. Alle anderen sind voller Drogen und tanzen auf einer Party, und die beiden tanzen wie Schmetterlinge im Ali’schen Sinne. Und dann wird zugestochen – Klappmesser, Totschläger. Schusswaffengebrauch nur im äußersten Fall. Das ist alles alte Schule, und Regisseur Shane Black erzählt das so nebenbei, dass es verstanden wird, ohne dass es explizit gemacht wird. „Bosch“ würde sich in dieser Welt daheim fühlen.

Der ganze Film ist sehr Shane Black: Der hat schon „Lethal Weapon“ geschrieben, und so fühlt sich auch der Film an: Zwei Männer werden Freunde, die eigentlich nicht zueinander passen und sich doch ganz wundervoll ergänzen.

Der andere ist Privatdetektiv (Ryan Gosling), der aber eigentlich auch nix in seinem Job taugt. Wenn man das Setting in die Zukunft extrapolieren würde, sind beide wahrscheinlich enttäuschte Konservative, die Trump wählen würden. Just saying. Dennoch schließen wir beide in unser Herz.

Gosling spielt den Tollpatsch, der eigentlich nicht mal als zwar liebevoller, aber ständig betrunkener Frage etwas taugt. Vielleicht ist es der Alkoholismus, in dem die beiden Charaktere miteinander verbunden sind. Nachdem ich jetzt immer mehr Gosling-Filme gesehen habe, weiß ich, warum der so ein Star wurde. Egal, wie nachlässig er spielt oder auch nur inszeniert wird, er kann den Hollywood-Star alter Schule nicht unterdrücken. In 20 Jahren ist er der neue George Clooney. Spätestens. Mark my words.

Wie kommen die beiden Figuren also zusammen? Crowes Charakter hat einen Job angenommen, von einem Mädchen, das danach verschwindet. Und der Job war, die Nachforschungen des Privatdetektivs zu beenden. Als das Mädchen verschwunden ist, ändert sich aber alles – die beiden stoßen auf eine Verschwörung, die bis in höchste Kreise der Auto-Industrie und der Strafverfolgungsbehörden reicht.

Hier treffen wir dann auch Kim Basinger, und ein Film, der Basinger und Crowe wieder vereint, nach ihrem wundervollen „L.A. Confidential“, ist allein schon eine Empfehlung wert. Black weiß auch um das Potenzial der Paarung, und vor unserem geistigen Auge als Kinobesucher läuft die Affäre der beiden ab. Sie ist gleichsam mit im Raum, obwohl die beiden diesmal gar keine sexuell aufgeladene Beziehung haben. Black fügt dem Oeuvre der Los-Angeles-Filme eine weitere Blüte hinzu, auch wenn die Stadt mehr als Folie wichtig ist: Ganz klar ist das L.A., in dem der Film spielt, das von „Boogie Nights“, einem andere Meisterwerk. Und die Verschwörung, die normale  Menschen nicht beenden können, ist ein Verweis auf „Chinatown“. Jeder Film, der es sich traut, zu den großen Filmen der Vergangenheit so eine starke Referenz aufzubauen, und das auch einlöst, ist willkommen.

Dabei hat er so seine Schwächen. Die beiden Hauptfiguren, „The Nice Guys“, also „die Guten“, torkeln und taumeln durch die Unterwelt, dass es die Glaubwürdigkeit ihrer Ermittlungserfolge strapaziert. Einmal fällt ein Bösewicht mit Gosling vom Dach. Der Bösewicht neben den Pool, platsch, tot, Gosling hinein, auch platsch, aber große Welle – unwahrscheinlich, aber eben fürs Plot wichtig.

Die kleinen Grenzverletzungen, die Black begeht, machen den Film kritisch interessant: Die Tochter im Teenageralter, die mit ins Porno-Milieu geht und sich sogar einen Film ansehen muss – das würde sich ein herkömmlicher aktueller Film nicht trauen. Auch das ganze Setting in der halbseidenen Unterwelt – nicht Saal-1-tauglich im Multiplex. Ganz besonders aber die Nacktheit: Ein Porno-Starlet wird mit nacktem Oberkörper gezeigt, außerdem einige Partynymphen in einem Meerjungfraukostüm. Ich kann mich nicht erinnern, mal so viel Nacktheit in einem Kinofilm in letzter Zeit gesehen zu haben. Wir reden hier nicht von HBO, ja, „Game of Thrones“ macht das ja auch. Ne, wir reden vom weich gespülten PG-13-Kino. Das hier ist R, also ab 17, und auch noch stolz darauf. Nicht wegen der Gewalt, sondern weil das eine Party für Erwachsene ist.

Wertung: drei von fünf Freeway-Streifen.

Also on:

Filmkritik „Robot & Frank“

Apropos „Robot & Frank“: Über Filmtitel lohnt es sich im Deutschen in der Regel nicht, länger nachzudenken. Ich meine auch nicht den deutschen Nachsatz, der wie alle Filmtitelnachsätze vollkommen verzichtbar, beinahe geschmacklos ist: „Zwei diebische Komplizen“. Das ist noch nicht ganz im „Völlig unverfroren“-Terrain, hat aber schon nach Wohnungen in diesem Sprachgebiet gesucht. „Robot & Frank“ – das gesteht dem titelgebenden Roboter eine Rolle zu. Und zwar eine wichtige. Der sieht ein bisschen so aus wie die Pflegeroboter, die man aus Japan kennt. Genug an Knuddeligkeit, und was ich besonders charmant finde, auch von einem Darsteller mit Kostüm gespielt – im Abspann taucht die Rolle des Roboter-Darstellers auf. Die Stimme leiht ihm eh ein gestandener Schauspieler, an dem man seine Knautschigkeit mag: Peter Sarsgaard. Ich bin auch für einen Oscar für Voice Acting, im Übrigen. Wenn die Rubrik der animierten Filme auch immer größer wird.

Frank (der ausgerechnet auch von einem Frank gespielt, Frank Langella, den wir auch als Nixon schon gesehen haben) vergisst immer mehr. Er lebt noch allein, er steht eigentlich kurz vor der nächsten Pflegestufe. Er braucht Hilfe. Sein Haushalt verwahrlost. Der Sohn (James Marsden) wohnt weit weg, versucht sich zu kümmern und dreht dann im Streit durch. Die Tochter (Liv Tyler) führt ein Leben als Digitalnomade und ist nur mehr eine Telepräsenz für ihren Vater. Das ist dem ganz recht, da kann er seine Fassade aufrechterhalten. Am Sohn bleibt der Großteil der Pflege hängen. Der ist ein Helikopter-Sohn, arbeitet viel, hat selbst Familie, fliegt mit dem Auto ein, kümmert sich, flattert im Streit wieder davon. Wahrscheinlich sind sich die beiden zu ähnlich.

Frank hat vergessen, welche Restaurants noch geöffnet sind in seiner Heimatstadt. Und bald geht ihm auch die wichtigste Anlaufstelle verloren, die er noch hat: die Bücherei. Dort arbeitet die reizende Bibliothekarin (Susan Sarandon), der er nachstellt. Dafür plant er die Wiederaufnahme seines alten Berufes: Er war Juwelendieb. Jetzt will er ihr ein Juwel von einem Buch aus der Bücherei klauen. Als Geschenk. Denn die Bücherei soll geschlossen werden, alle Bücher wurden längst digitalisiert. Doch damit kann Frank nix anfangen. Der Coup soll ihm das Herz der Bibliothekarin öffnen. Mit dem Roboter plant er den Diebstahl.

Spoiler für „Robot & Frank“

Wie man sich das nach dieser Vorgeschichte denken kann, stellt der Film die großen Fragen: Was heißt es eigentlich, ein Mensch zu sein? Ist das eigentlich so in Stein gemeißelt, wie wir denken? Wie ist das, wenn sich ein Mensch, den wir zu glauben kennen, auflöst, weil sich seine Erinnerung auflöst? Ist das dann der gleiche Mensch? (Nein.) Wie gehen wir damit um? (Schlecht.)

All das sind entscheidende Fragen in Gesellschaften wie unseren westlichen, die immer älter werden, weil die Lebenserwartung jedes Jahr beharrlich um einige Monate steigt. Und in Gesellschaften, in denen jetzt schon nicht genug Menschen die Pflege anderer Menschen übernehmen wollen. In der U-Bahn in München gibt es genauso viele Plakate für Stellenausschreibungen für Pflegekräfte wie für Entwickler. Sicher nur ein Indiz, aber der Markt ist leergefegt. Die Geschichten von treu sorgenden polnischen Einwanderinnen, die zwar illegal beschäftigt werden, wurden bereits erzählt. Für viele Familien mit Intensivpflegefällen sind sie die einzige Rettung.

So weit ist Frank noch nicht, ihm bleiben noch einige seiner Eigenschaften. Aber die Symptome werden schlimmer. Seine Aussetzer im Erinnern werden mehr, er wird unordentlicher. Der Roboter kam fast schon zu spät. Und der Roboter, der nur den einen Zweck hat, hält uns Angehörigen den Spiegel vor: Wie wirst du mit der Pflegesituation deiner Eltern umgehen? Bist du darauf vorbereitet, wenn sich dein Gegenüber nicht dankbar verhält? (Nein.)

Wer schon einmal erlebt hat, wie aus dem Körper eines geliebten Menschen dessen Geist schwindet, den trifft der so leichte und lockere Filme doppelt. Deshalb habe ich jetzt auch einige Zeit nicht darüber schreiben können, obwohl er so viel in mir zum Schwingen gebracht hat. Er stellt die Fragen, die sich Mittdreißiger bis Mittvierziger stellen sollten. Auch wenn sie sich hoffentlich noch ganz lange Zeit nicht stellen, weil wir natürlich alle gesunde Eltern haben.

TL;DR

Bei Filmkritiken sind die falschen Anführungszeichen in Calypso wirklich nervig. Der Film ist aber toll.

4 von 5 Büchern

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