Filmkritik „The Nice Guys“

Dass es jetzt offenbar eine zweite Karriere für Russell Crowe gibt, freut mich: „The Nice Guys“ ist bereits der zweite Film in kurzer Zeit, den ich bei einem Streaminganbieter mit ihm gesehen haben („Man of Steel“ war der andere). Diesmal spielt er nicht den Vater von den Typen, die er früher gespielt hätte, sondern den Typen selbst, nur 20 Jahre später, der anachronistisch und mittlerweile als trockener Alkoholiker durch die schwer veränderte Welt taumelt. Wahrscheinlich wäre Crowe auch für „Revolutionary Road“ die perfekte Besetzung gewesen: für einen strahlenden Hollywood-Star hatte er immer ein bisschen zu starken Körperbau, strahlte er auch immer mehr Gewaltbereitschaft als Liebesfähigkeit aus.

Genau das kommt hier bei seiner Rolle als Schläger-for-Hire Healy zum Tragen. Er ist ein Kleinganove mit gutem Herzen, der lieber den echten Bösewichten für ein kleines Salär einheizt, als das große Ding zu planen. Es gibt mehrere Kämpfe mit dem Handlanger des Oberschurken, die wie aus der Zeit gefallen wirken. Alle anderen sind voller Drogen und tanzen auf einer Party, und die beiden tanzen wie Schmetterlinge im Ali’schen Sinne. Und dann wird zugestochen – Klappmesser, Totschläger. Schusswaffengebrauch nur im äußersten Fall. Das ist alles alte Schule, und Regisseur Shane Black erzählt das so nebenbei, dass es verstanden wird, ohne dass es explizit gemacht wird. „Bosch“ würde sich in dieser Welt daheim fühlen.

Der ganze Film ist sehr Shane Black: Der hat schon „Lethal Weapon“ geschrieben, und so fühlt sich auch der Film an: Zwei Männer werden Freunde, die eigentlich nicht zueinander passen und sich doch ganz wundervoll ergänzen.

Der andere ist Privatdetektiv (Ryan Gosling), der aber eigentlich auch nix in seinem Job taugt. Wenn man das Setting in die Zukunft extrapolieren würde, sind beide wahrscheinlich enttäuschte Konservative, die Trump wählen würden. Just saying. Dennoch schließen wir beide in unser Herz.

Gosling spielt den Tollpatsch, der eigentlich nicht mal als zwar liebevoller, aber ständig betrunkener Frage etwas taugt. Vielleicht ist es der Alkoholismus, in dem die beiden Charaktere miteinander verbunden sind. Nachdem ich jetzt immer mehr Gosling-Filme gesehen habe, weiß ich, warum der so ein Star wurde. Egal, wie nachlässig er spielt oder auch nur inszeniert wird, er kann den Hollywood-Star alter Schule nicht unterdrücken. In 20 Jahren ist er der neue George Clooney. Spätestens. Mark my words.

Wie kommen die beiden Figuren also zusammen? Crowes Charakter hat einen Job angenommen, von einem Mädchen, das danach verschwindet. Und der Job war, die Nachforschungen des Privatdetektivs zu beenden. Als das Mädchen verschwunden ist, ändert sich aber alles – die beiden stoßen auf eine Verschwörung, die bis in höchste Kreise der Auto-Industrie und der Strafverfolgungsbehörden reicht.

Hier treffen wir dann auch Kim Basinger, und ein Film, der Basinger und Crowe wieder vereint, nach ihrem wundervollen „L.A. Confidential“, ist allein schon eine Empfehlung wert. Black weiß auch um das Potenzial der Paarung, und vor unserem geistigen Auge als Kinobesucher läuft die Affäre der beiden ab. Sie ist gleichsam mit im Raum, obwohl die beiden diesmal gar keine sexuell aufgeladene Beziehung haben. Black fügt dem Oeuvre der Los-Angeles-Filme eine weitere Blüte hinzu, auch wenn die Stadt mehr als Folie wichtig ist: Ganz klar ist das L.A., in dem der Film spielt, das von „Boogie Nights“, einem andere Meisterwerk. Und die Verschwörung, die normale  Menschen nicht beenden können, ist ein Verweis auf „Chinatown“. Jeder Film, der es sich traut, zu den großen Filmen der Vergangenheit so eine starke Referenz aufzubauen, und das auch einlöst, ist willkommen.

Dabei hat er so seine Schwächen. Die beiden Hauptfiguren, „The Nice Guys“, also „die Guten“, torkeln und taumeln durch die Unterwelt, dass es die Glaubwürdigkeit ihrer Ermittlungserfolge strapaziert. Einmal fällt ein Bösewicht mit Gosling vom Dach. Der Bösewicht neben den Pool, platsch, tot, Gosling hinein, auch platsch, aber große Welle – unwahrscheinlich, aber eben fürs Plot wichtig.

Die kleinen Grenzverletzungen, die Black begeht, machen den Film kritisch interessant: Die Tochter im Teenageralter, die mit ins Porno-Milieu geht und sich sogar einen Film ansehen muss – das würde sich ein herkömmlicher aktueller Film nicht trauen. Auch das ganze Setting in der halbseidenen Unterwelt – nicht Saal-1-tauglich im Multiplex. Ganz besonders aber die Nacktheit: Ein Porno-Starlet wird mit nacktem Oberkörper gezeigt, außerdem einige Partynymphen in einem Meerjungfraukostüm. Ich kann mich nicht erinnern, mal so viel Nacktheit in einem Kinofilm in letzter Zeit gesehen zu haben. Wir reden hier nicht von HBO, ja, „Game of Thrones“ macht das ja auch. Ne, wir reden vom weich gespülten PG-13-Kino. Das hier ist R, also ab 17, und auch noch stolz darauf. Nicht wegen der Gewalt, sondern weil das eine Party für Erwachsene ist.

Wertung: drei von fünf Freeway-Streifen.

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