In dieser Landschaft wurden die Space-Bilder in "Interstellar" gedreht. Foto: Flickr, Jennifer Boyer
Dominic Grzbielok

Filmkritik „Interstellar“

Ganz lange habe ich mir „Interstellar“ aufgehoben, in meiner Watchliste bei Netflix. Ganz lange auch deshalb, weil der ganz lang ist: mit zweidreiviertel Stunden liegt der deutlich über dem, was ich an einem normalen Werktag abends auf der Couch mir ansehen möchte. Wie mittelalte Männer dicker und satter werden, werden Blockbuster ja immer länger. Ab 125 Minuten muss man als Kinozuschauer oft Aufschlag zahlen, und die Fernsehsender, die die Free-TV-Rechte erwerben, freuen sich auch über die Gelegenheit, mehr Werbepausen in dem Schinken unterzubringen.

„Interstellar“ war der letzte Film von Christopher Nolan, den ich noch nicht gesehen hatte. Man merkt, ich mag seine Art, Filme zu machen. Ich betrachte ihn als Sohn im Geiste von Michael Mann, einem meiner Lieblingsregisseure. Beide sind sich in vielem einig: der visuellen Wucht ihrer Geschichten, dem Einsatz von Musik zur Verstärkung der Gefühle und ihrer völligen Unfähigkeit, Geschichten über Frauen zu erzählen, bei denen Frauen mehr sind als ein Love Interest.

„Interstellar“ habe ich immer begriffen als das Opus Magnum von Nolan – er will zeigen, „Ich kann auch bedeutungsvolle Science Fiction“. Wobei sich diese Begriffe im jüngeren Kino ja geradezu ausschließen. (Vom Überraschungshit „Gravity“ abgesehen.) Und er hatte endlos Budget zur Verfügung für ganz atemberaubende Aufnahmen und Effekte, und alle Schauspieler wollen mit ihm arbeiten.

Eigentlich ist die Geschichte ganz simpel: Die Erde plagt die Menschen mit Plagen. (Die Erde, oder ist da mehr?) Der Weizen ist hin – und wächst nicht mehr, andere Futterpflanzen verdorren auch. Und der Mais ist auch dabei einzugehen. Weltweit. Der Menschheit droht das Verhungern. Sie ist auf der Suche nach Alternativen: besserem Ackerbau, oder der Flucht von der Erde. Dafür rüstet die NASA im Geheimen eine bemannte Mission durch ein Wurmloch in eine weit entfernte Galaxie aus, unter der Leitung von Professor Brand (Michael Caine). Erste Expeditionen haben gezeigt, dass es da bewohnbare Planeten der M-Klasse geben könnte. Und der Ex-Jetpilot Cooper (Matthew McConaughey) ist dessen erste Wahl als Pilot des Raumschiffes.

Was das Sterben der Futterpflanzen ausgelöst hat, erklärt Nolan nicht einmal ansatzweise, vielleicht ist es der Klimawandel. Das kann man dem Film vorwerfen, dass er seine Prämisse nicht ausbuchstabiert. Ich persönlich finde es einen geschickten Kunstgriff. Mit beinahe unmerklicher Sorgfalt nimmt Nolan (gemeinsam mit dem Drehbuch seines kongenialen Bruders) das Interesse des Zuschauers gefangen und führt in die Verwerfungen der Familie von Cooper hinein. Seit „Spider-Man“ mit Tobey Maguire ist das das Mittel der Wahl, wenn man Filme mit Superhelden / Raumschiffen erden will.

Coopers Frau ist gestorben, seine Kinder leben mit ihm und seinem Schwiegervater auf einer Farm. (Die erinnert an drei Dinge: den Dust Bowl, die Dürreerfahrung der US-Amerikaner im Vorfeld der Großen Depression; die Farm aus „Feld der Träume“ von Kevin Costner; und mich auch an die Farm aus dem M. Night Shyamalan-Film, indem sich die Kinder mit Wassergläsern… – aber ich will nicht den Twist kaputt machen.)

Warum sage ich, dass die Kinder mit ihm dort leben? Die Kinder haben sich an das Leben dort angepasst. Sohnemann zumindest. Der Papa trauert seiner Frau und seinem alten Leben als NASA-Pilot und Möchtegern-Raumfahrer nach. McConaughey sieht genauso aus wie in „True Detective“ und fast so kaputt ist er auch. Seine Wut, und die muss eine große sein, lässt er an den naiven Lehrern seiner Kinder aus. Das ist das ganze „korrupter Held“-Programm. Als die NASA ruft „Erde retten“, nimmt er das gern als Flucht aus dem anstrengenden Familienleben an, so wie wir Smartphone-Nutzer Downtimes aus unserem Leben verbannt haben.

Nach einer guten Stunde geht es endlich los ins All – und dann passieren viele und auch merkwürdige Dinge, die ich gar nicht spoilern will. Als Zuschauer muss man sich an dem Punkt entscheiden: Lasse ich mich auf diese Reise mit Nolan durch die Raumzeit ein, oder beende ich das Experiment an Ort und Stelle und beende den Film. Beides ist verständlich. „Interstellar“ kann man lieben oder hassen, ich habe mich (wohl auch aus alter Nolan-Verbundenheit) für Lieben entschieden.

Das liegt an dem, was an dem Film so anders ist als sonst im Kino der Raumschiffe, Aliens und :

Mein größtes Problem mit dem Film ist es, dass die Erzählstränge allzu adrett am Ende zusammengeführt werden. Es scheint das richtige Ende für eine Fokusgruppe oder ein Test-Screening zu sein. Man hat ein gutes Gefühl, aber gefühlt ist es das saubere Ende. Aber ich habe mir gedacht, da könnte noch mehr gehen – noch mehr Verlust, noch mehr Schroffheit. Mehr „Blade Runner Director’s Cut“. Bei einem solchen Budget ist das wohl nicht.

Ich finde den Film sehr, sehr interessant, weil er klassische Darstellungsmuster und visuelle Gewohnheiten umgeht. Dass das manche als Zumutung empfinden, ist aber genauso richtig.

Filmwertung: vier von fünf Dimensionen

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