Pathfinder auf dem Mars. Foto: Nasa

Filmkritik „The Martian“

Das Buch zu „The Martian“ fand ich sehr, sehr gut, und natürlich kann der Film nicht an die existenzielle Verzweiflung, die man im Buch fühlt, herankommen. Zu sicher, zu souverän steuert Astronaut Mark Watney (gespielt von Matt Damon, hallo Meme!) durch die Krisen auf dem roten Planeten.

Jetzt war der Film bei Amazon Video im Angebot (zum Leihen), in der gleichen Woche, in der auch das neue Buch von Andy Weir („Artemis“) erschienen ist. (Eine Enttäuschung, aber dazu wird es einen eigenen Post geben.) Das Leben hat so seine Art, Querbezüge herzustellen. (Ist natürlich nur mein Kopf, alles Zufall, aber wir sind so toll darin, Muster zu erkennen, wo keine sind, dass es mich immer wieder begeistert.)

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Ein Hauch von Baywatch. Foto: Natalie Collins/Unsplash

Filmkritik „Baywatch“

Der Ton wird früh gesetzt, schon nach zwei Minuten: Baywatch will nicht anspruchsvoll sein, sondern seichte Unterhaltung mit Brecherwitzen, die über die Hauptdarsteller ausgeschüttet werden. Da kommt eine große Atlantik(?)welle und bricht an haushohen, digital ins Bild eingefügten Buchstaben – der Baywatch-Schriftzug. Das ist over the top, fast schon Camp – genau wie die perfekt modellierten Körper, allen voran der von Ex-Teenie-Schwarm Zac Efron. (Genug für die Standbildfunktion, wenn der Film auf DVD veröffentlich wurde.)

Das ist für mich die Offenbarung an dem Film, bei dem viel Zeit bleibt, darüber nachzudenken, warum einiges so gemacht wurde von den Machern.

Dass Dwayne Johnson (Actor formerly known as The Rock) 2016 vom People-Magazin zum sexiest man alive gewählt wurde, hat wohl eher mit seiner Popularität zu tun als nur mit seinem Aussehen. Und in Baywatch lässt er sein Shirt an. Und läuft in Schwimmschuhen über den Strand, die wir von Kindern, auch meinen, aus dem Freibad kennen. Ich frage mich:

  • Hat er hässliche Füße?
  • War der Sand zu heiß?

Es ist diese Art Film: Es passiert nix, also schaltet das Gehirn vom Leerlauf irgendwann in Hochbetrieb um, so eine Art Vollgas im Leerlauf.

Die Keuschheit passt auch zur Rolle des Mitch Buchanan, denn Hasselhoff hat das in der Original-B-Serie auch selten getan, wenn ich mich richtig erinnere. (Auch wenn ich die Hawaii-Folgen nie gesehen habe.) Als Baywatch das erste Mal ein Hit war, war Pamela Anderson ein Weltstar, und Hasselhoff ein Typ aus der Weltpolitik. Nicht wenige dachten, dass er mit seinem blinkenden Lederfummel die Mauer zum Einsturz gebracht hat. Wie rief er einst:

„I’ve Been Looking for Freedom“

Und die Freiheit, die er meinte, waren ein Kabelanschluss und ein Netflix-Abo. Immer noch träumen hunderte von Freiwilligen davon, Menschen vorm Ertrinken zu bewahren – und das ein oder andere Strand-Babe abzuschleppen, äh, zu retten. Am Hormoncocktail des Kinopublikums hat sich im Vergleich zum Serienpublikum von früher wenig geändert.

„Baywatch“ bleibt sich treu – das war früher Trash, und es ist es heute noch. Wer mehr erwartet, geht am Markenkern vorbei.

Wertung: 1 von 5 Bikinis 

Photo by Natalie Collins on Unsplash

Das Smartphone führt Regie. Bild: Joshua Newton

Unser Leben, eine Montage

Ab und an schreibe ich Dinge aus meinem Alltag als Papa als Kolumne für die Parenting-Webseite hallo-eltern.de auf, für die ich Produkt und Technik verantworte. Eine Kolumne, die ich jetzt gelesen habe, hätte ich am liebsten selbst geschrieben. Habe ich aber leider nicht. (Was fehlt: deutsches zusammengesetztes Hauptwort, das das Gefühl ausdrückt, leider etwas nicht selbst geschrieben zu haben. Phantomtextschmerz?)

Für das sofort Einleuchtende:

Picture Book — Real Life:

Any day I can convince them not to watch Paw Patrol is a victory.

Und für das, für das man länger zum Verdauen braucht:

Thankfully, the massive corporations that now watch over our daily lives were there to help. We downloaded the Google Photos app to store our photos, but it does more than that. It also offers to aestheticize them, creating slideshows and montages via algorithm, returning my memories to me in the form of little movies.

Google is not the only company creating videos from its users’ personal data. Facebook and Apple have products that offer similar experiences, telling us an unexpected story about ourselves. Watching Moana’s entire childhood and adolescence unfold over the course of a few minutes can seem strange, but watching something similar about me or my family can feel even stranger.

Der Post interessiert mich auch als ehemaligen Studierenden der Filmwissenschaft, weil er natürlich auch auf Eisenstein referenziert.

Und Moana ist auf der Watchliste gerade ein paar Plätze weiter nach vorn geklettert.

Filmkritik: „La La Land“

Zwei Minuten ist der Film „La La Land“ alt, da gibt es schon kein Vertun mehr. Ein Stau auf einem Freeway in Los Angeles, und die Staufahrer steigen aus ihren Autos, singen und tanzen auf der Straße und auf den Autodächern. In der klassischen Musik nennt man das Ouvertüre, wenn Motive des ganzen Werkes schon in der Eröffnung angespielt werden. Genauer, eine Operettenouvertüre, wenn ich Wikipedia glauben darf.

Eine Variante der Opernouvertüre ist die Potpourri-Ouvertüre, welche besonders häufig bei Operetten vorkommt. Darin werden die wichtigsten Melodien aus der Oper oder Operette zusammengemischt

La La Land: kein Film wie andere

Wer solche Filme nicht mag, hat die Chance, das Kino oder das Sofa zu verlassen. Die Mischung aus realistisch anmutenden Szenen mit Figuren, die sich normal verhalten (Frau fährt nicht an, weil sie ins Smartphone schaut. Typ hinter ihr hupt und zeigt ihr unmissverständlich, dass sie nicht die beste Autofahrerin der Welt ist #fastmittelfinger), und die Überhöhung der Wirklichkeit durch märchenhaft anmutende Hintergründe, Beleuchtung oder auch Kostüme: die bleibt.

Suspension of disbelief hieß der Deal, auf den man sich als Filmzuschauer einlassen muss, soweit ich mich an die Einführung in die Filmwissenschaft erinnere. Diese Theorie soll erklären, warum man das, was auf der vierten Wand passiert, so als Werk akzeptiert. Und meine Güte, bei „La La Land“ habe ich diesen Deal beinahe ausgesprochen: Ok, da musst du dich jetzt drauf einlassen. Dass alle singen und Kleidung in Grundfarben tragen – und auf einmal Stepptanzschuhe anziehen und auf eine Parkbank hüpfen.

Wenn man diesen Sprung tut, es ist beinahe einer des Glaubens, dann wird man mit einem funkelnden Feuerwerk belohnt. Es ist schwierig, darüber zu schreiben, ohne zu viel über den Film zu verraten. Daher: Ab jetzt kommen ein paar Spoiler.

Noch da?

Spoiler-Alarm für „La La Land“

Einen Director’s Cut braucht „La La Land“ nicht, er nimmt das alternative Ende gleich mit in seine normale Spielzeit mit hinein. Das ist einerseits sehr ungewöhnlich, andererseits zeigt der Film damit, dass er sich für die erwachsene Form des Erzählens entscheidet und nicht für die märchenhafte Wunschvorstellung. Manche Kritiker werfen dem Anfang daher vor, gar nicht so ouvertürenhaft für den Rest des Films zu stehen – nicht ganz falsch, denn so eine große Ensemblenummer kommt danach nicht wieder. Ich halte die Entscheidung, der ganz, ganz großen, alles verzehrenden Liebe die Alltagstauglichkeit abzusprechen, für enorm richtig und wichtig. Vielleicht ist das auch das, was die Academy daran nicht mochte. Der Fast-Oscargewinner hat damit für mich aber an künstlerischem Wert gewonnen.

Die unterschiedlichen Ebenen des Erzählens werden damit unauflöslich mit der harten Wirklichkeit verbunden.

From great romantic sparks come great relationship woes.

Diesen Ratschlag hat Onkel Ben (nein, nicht der Reismann) seinem Neffen Peter Parker nicht mehr geben können, aber kennen wir Erwachsenen das nicht? Ob aus eigenem Erleben oder Passiv-Beziehungen (Freund/in mit Jammern ist uns noch im Ohr). Für eine erfolgreiche Beziehung braucht es auf mehr Feldern eine gute Bewertung. Testsieger leisten sich kaum Schwächen, Stiftung Ehetest ist da nicht anders als Stiftung Warentest.

Emma Stone und Ryan Gosling können zwar nicht überragend tanzen oder singen, aber sie sind Typen zum Anhimmeln. Filmstars, so wie vor 20 Jahren George Clooney, die Jolie oder die Zeta-Jones. (Chicago!) Gerade in den Momenten, wo die vierte Wand vor übertriebener Künstlichkeit bröckelt – das realistisch gesetzte Licht verschwindet, und unsere Helden bekommen einen Spot auf sie gesetzt. Disco! Also Jazz-Disco, denn Gosling spielt einen Hard-Core-Jazz-Fundamentalisten, der die Welt mit seiner alten Vorstellung von Jazz beglücken möchte.

„La La Land“ ist dabei nicht so musicalesk wie Chicago, das mit einer sehr reduzierten Kulisse auskennt. Nein, der Film macht sich das Leben viel schwerer, indem er mal im real existierenden, staugeplagten Los Angeles spielt, und dann wieder auf der Soundstage (also im Hollywood-Studio). Rückblickend macht diese Leichtigkeit des Springens von Welt zu Welt „Hail Caesar“ zu einer noch bemühteren Sache, als sie mir damals schon vorgekommen war.

TL;DR: Alle Preise für „La La Land“ sind aus meiner Sicht gerechtfertigt, er ist ein seltenes Exemplar dieses „Einmal-im-Jahrzehnt-macht-jemand-ein-Musical-uns-es-funktioniert“-Genres. Wenn dir „Magnolia“ gefallen hat, wird dir auch „La La Land“ gefallen.

Wertung: 4,5 von 5 Hollywood-Buchstaben

P.S. Eine Lebenslektion für uns alle Nicht-Los-Angeles-Bewohner hat der Film auch bereit: Sei immer freundlich zu deiner/m Barista. Du weißt nicht, wer/was in ihm/ihr steckt.

Filmkritik „Man of Steel“

Da ist ja im Moment diese Zwei-Stunden-Schallgrenze bei meinem Filmkonsum nach dem Zubettbringen der Kinder. Netflix and Chill, klar, aber nicht zu vill. Dann muss ich wirklich schlafen gehen, will ich auf meine acht Stunden Schlaf kommen, die ich zu mehr als bloßem biologischen Funktionieren brauche. Egal, wie viel Kaffee ich morgens hinzufüge.

„Man of Steel“ liegt knapp darüber, wurde mir aber jetzt bei Netflix empfohlen. Superheldenfilme fand ich mal toll, dann wieder absolut verzichtbar (das Spider-Man-Reboot mit Garfield habe ich immer noch nicht gesehen). Jetzt suche ich mir aus, welche ich gut finde. An „Man of Steel“ hat mich die Nolan-Connection interessiert. Und Regisseur Zack Snyder ist auch interessant.

„Man of Steel“ bekommt einen guten Platz in meinem eigenen Superheldencomicverfilmungkanon. Das liegt auch an der Bodenhaftung, die der Film durch die extrem gute Besetzung beginnt. Superman ist ein reines, äußerst moralisches Wesen. Das gelingt wenigen Superman-Filmen wirklich glaubwürdig, zu übertrieben ist das. Aber es ist so, als hätte Zack Snyder das channeln können, was Bill in „Kill Bill 2“ über Superman sagt: Er muss sich verkleiden, damit wir ihn ertragen können.

Superman didn’t become Superman. Superman was born Superman. When Superman wakes up in the morning, he’s Superman. His alter ego is Clark Kent. His outfit with the big red „S“, that’s the blanket he was wrapped in as a baby when the Kents found him. Those are his clothes. What Kent wears – the glasses, the business suit – that’s the costume. That’s the costume Superman wears to blend in with us. Clark Kent is how Superman views us. And what are the characteristics of Clark Kent. He’s weak… he’s unsure of himself… he’s a coward. Clark Kent is Superman’s critique on the whole human race.

Clark Kent hat bekanntermaßen biologische Eltern auf der untergegangenen Welt Krypton (Russell Crowe ist sein Vater), und seine irdischen Eltern (Diane Lane und Kevin Costner). Das ist alles schon tausend Mal erzählt worden, ich bin etwa mit den Smallville-Serienfolgen ganz gut vertraut und dachte, ich würde den inneren Konflikt von Clark Kent / Kal-El verstehen. Aber ich habe den noch nie so ernst nehmen können wie „Man of Steel“. Und das hat wohl auch mit den Terroranschlägen vom 11. September zu tun. Metropolis wird im Laufe des Filmes von Außerirdischen ordentlich bearbeitet, und das ist zwar comicartig, aber nicht ganz so leicht und locker dahin geworfen wie beim Avengers-Universum. Echte Menschen wischen sich den Staub aus dem Gesicht, einstürzende Häuser haben wirklich Wucht. Bis in die kleinste Nebenrolle ist „Man of Steel“ gut besetzt und leiht sich auch hier die Ernsthaftigkeit, die der Doug-Stamper-Darsteller einem Redakteur beim Daily Planet leihen und Lawrence Fishburne dessen Chef.

Um was geht es eigentlich? Die weitentwickelten Außerirdischen, die auf Krypton daheim waren, haben einst das Weltall kolonisiert. Dann haben sie sich fatalerweise auf ihren Heimatplaneten zurückgezogen und den ausgebeutet, bis sein Planetenkern zerfällt. Milliarden Planetenbewohner sterben. Der demokratische Rat des Planeten hat die Katastrophe kommen sehen und war nur zerstritten. Zwei starke Männer haben das nicht passieren lassen wollen. Der militärische Führer des Planeten (Michael Shannon) putschte, aber zu spät. Da war der Planet nicht mehr zu retten. Der wissenschaftliche Star des Planeten (Crowe) hat die DNA aller Bewohner auf einen USB-Stick geladen, und diese mit seinem Kind ins All in Richtung Erde geschossen. Dieses Kind wächst als Clark Kent in Kansas auf.

Viele Elemente sind unglaublich ausgelutscht. So etwa das Kryptonit, das Superman schwach werden lässt. Wenn ich es nicht überhört habe, kommt das Material in „Man of Steel“ überhaupt nicht vor. Es wird anders erklärt, dass Superman in einer kryptonartigen Umgebung (Raumschiff) weniger Kraft als auf der Erde hat – durch so eine Art Photosynthese, die die starke, junge Sonne mehr befördert als die Verhältnisse, die eine Kopie von Krypton darstellen.

Die Schauwerte sind natürlich ganz toll, aber mir hat vor allem die Modernisierung der Beziehungen zwischen den einzelnen Protagonisten, und wie auch die klassischen Bestandteile aktualisiert werden, sehr gefallen.

4 von 5 Raumschiffen

Im Dunkeln sitzen, und auch noch Geld dafür bekommen: der Luxus-Job des Filmkritikers. Photo by Jake Hills on Unsplash

Disney und die Filmkritiker im Speziellen, Filmkritik im Allgemeinen

Man muss nicht ganz so dick auftragen wie Jack Shafer, aber in der Sache hat er Recht:

Don’t Be Fooled. Disney Won Its Fight With the Press. – POLITICO Magazine: „Journalists have become so powerless that they can now be safely ignored.“

(Via .)

In der Filmkritik ganz sicher. 

Nur ist das nichts, was man an dem aktuellen Fall festmachen sollte. Der aktuelle Fall: Disney hatte Journalisten der Los Angeles Times von Pressevorführungen für aktuelle Filme ausgeladen, weil man bei Disney mit der Berichterstattung der Zeitung über Geschäftsbeziehungen mit Anaheim, einer Gemeinde in der Metropolregion Los Angeles, unglücklich war. Inzwischen dürfen Journalisten der L.A. Times wieder umsonst vor Filmstart ins Kino. Andere Journalisten (auch von der New York Times) hatten sich mit den ausgeschlossenen Kollegen solidarisiert.

Filmkritiker sind auch ansonsten machtlos. Sie sehen (in der Mehrzahl) Filme, die keiner ihrer Leser/Hörer/Zuschauer je sehen wird. In diesem Job war ich auf vielen Filmfestivals, dem Höhepunkt der Entferntheit des Filmkritikerjobs von normalen Kinobesuchern. Pro Jahr waren es etwa 250-300 Filme. Und wer das hauptberuflich macht, kommt locker auf mehr. Es ist ein Privileg und reiner Luxus, und die Filme, die man auf Festivals oder im Programmkino vorab sieht, werden in der Folge vielleicht von mehreren zehntausend Menschen in Deutschland im Kino gesehen. Falls überhaupt. Manchmal auch nur von ein paar hundert auf eben diesem Festival.

Meine Erfahrung als Filmkritiker ist es darüberhinaus, dass der Filmkritiker-Geschmack (und auch seine Reife) oft genug vom Geschmack der Masse abweicht, und dass es ein Gutes ist, dass weniger dünkelhafte Filmfans auf ihren Webseiten den Filmen oft gerechter werden als wir, und ich bin immer noch Mitglied im Verband der deutschen Filmkritiker. Ich sage bewusst: abweicht. Nicht, dass er besser sei. Mit der kritischen Auseinandersetzung mit dem Sujet Film steigt auch die sprachliche Fähigkeit, bei den Qualitäten zu 

Bei Rotten Tomatoes gibt es noch eine Trennung zwischen Top Critics und Publikum, und eigentlich möchte ich die da auch nicht mehr sehen (so etwas wie die künstliche Journalist-Blogger-Dichotomie im Netz). Warum werden die „professionellen“ Kritiker höher gewichtet? Da folge ich eher der Logik der IMDB – jeder nur ein Kreuz.

Warum gebe ich Shafer Recht? Filmkritik ist überflüssig. Ich habe schon lange keine mehr gelesen, und nicht nur deshalb, weil ich nur mehr Kinderfilme sehe –  und die meisten Menschen, die ins Kino gehen, auch nicht. Nur 5,2 Prozent der Kinobesucher haben laut FFA eine Kritik gelesen, bevor sie ins Kino gehen. (PDF-Download)

Und da ist da noch der berechtigte Hinweis von Jeff Jarvis, mittlerweile acht (!) Jahre alt:

 

Every paper doesn’t need a local movie critic  when movies are national and we are all critics. Papers should not devote resources to the commodified news we already know. They need to find new efficiencies, thanks to the link.

Jarvis, Jeff. What Would Google Do?: Reverse-Engineering the Fastest Growing Company in the History of the World (S.26). HarperCollins. Kindle-Version.

 

Filmkritik „Guardians of the Galaxy Vol. 2“

In meinem Herzen habe ich einen reservierten Platz für Superheldenfilme. Reihe 7, Platz 7. Kino Mitte, Mitte. Als ungefähr einziger Mensch, den ich kenne, halte ich den ersten „Spider-Man“ mit Tobey Maguire“ von der Erzählstruktur für ein Meisterwerk. Das ging verloren mit den weiteren Teilen, das gebe ich zu. Das Reboot kann ich nicht bewerten, das habe ich nicht gesehen.

Inzwischen gibt es aber natürlich ein Überangebot an Superheldenstoffen. Mehrere Marvel-Universen existieren parallel nebeneinander:

  • Fox macht die X-Men-Filme
  • Disney macht die Avengers, Iron Man, Thor usw.
  • Netflix macht die Defenders: Jessica Jones, Daredevil usw.
  • Sony macht Spider-Man und Co.
Und dann gibt es noch DC mit dem Batman (und Justice League). Ja, das kann erschlagen, vor allem mich, der nie Comics aus dieser Welt gelesen hat.

Deswegen mochte ich die Ausreißer aus diesem Haudruff-Genre am meisten: „Logan“, eine Studie übers Älterwerden und die wirklich mächtigen Kräfte im Leben. „Watchmen“, weil es einfach anders erzählt ist. Den ersten Teil „Guardians of the Galaxy“, weil mir die Exposition mit der schlechten, abgenutzten Musik, die diese Musik noch mal zu ihrer ursprünglichen Kraft führt. 

In einer Kritik über den zweiten Teil habe ich gelesen, dass GOTG Vol. 2 nicht mehr ganz so lockerleicht ist, sondern etwas bemühter um Witze kämpft. Das ist alles richtig, und weil das schon so gut gesagt wurde, wiederhole ich das mal hier:

Shot for shot, line for line, it’s an extravagant and witty follow-up, made with the same friendly virtuosic dazzle. Yet this time you can sense just how hard the series’ wizard of a director, James Gunn (now taking off from a script he wrote solo), is working to entertain you. Maybe a little too hard.

Bradley Cooper bekommt mit seinem Waschbär Rocket deutlich mehr gute Lines als im ersten Teil. Und Groot wird diesmal viel greifbarer – wahrscheinlich die unsinnigste Figur in allen Superheldenfilmen. Wer in einem Multiplex-Foyer steht und sich nicht entscheiden kann, macht nix falsch. Aber man muss nicht extra für diesen Film ins Kino gehen.

Wertung: 3 von 5 Superhelden

Filmkritik „Die Schöne und das Biest“ (2017)

Hach, was ist Emma Watson schön!

Longbottomen ist ja mittlerweile ein Wort – für Jungs aus der Besetzung der Harry-Potter-Filme, die Männer wurden, und was für hübsche.

Alle, die mehr als Platitüden erwarten von diesem Text, sind jetzt hoffentlich weg. Ich fühle mich bei Musicals wie diesem eh etwas seltsam, wenn ich wirklich belastbar die Qualität des Filmes beurteilen soll. Das ist bei Komödien auch ähnlich, da steht und fällt die Wirkung des Films mit der Synchronfassung. Belle (Emma Watson) singt auf Deutsch ganz nett, das Biest hingegen nicht so. 

Vor einigen Wochen bewarb Netflix auf seiner Startseite (die natürlich in den HÖCHSTEN Tönen und BUNTESTEN Farben personalisiert ist) die Zeichentrickversion von „Die Schöne und das Biest“, den ersten aus der Reihe der großen Erfolge von klassischen Disney-Filmen in den neunziger Jahren. Alle Kolleginnen, die auch bei Netflix sind, haben das auch angezeigt bekommen.

Mein Favorit war während dieser Disney-Renaissance in den 90ern übrigens nicht „Der König der Löwen“, sondern „Aladin“ – wohl auch wegen der Stimme von Robin Williams (er sprach den Geist aus der Flasche). Die Lieder kann ich heute noch mitsummen, obwohl ich den Film mindestens ein Jahrzehnt nicht gesehen habe.

Und der alte Film „Die Schöne und das Biest“ ist dramaturgisch erstaunlich ruppig. Einige Längen, einiges ging mir zu schnell. Da ist das Real-Life-Action-Remake in 3D schon etwas ganz Anderes. In einer verlässlichen Geschwindigkeit bewegt sich der Film, wirklich auf handwerklich herausragendem Niveau. Aber irgendwie wollte bei mir der Funke nicht überspringen. Viele Details sind wirklich bezaubernd:

  • Etwa wenn Belle durch den Garten des verwunschenen Schlosses geht und als gelber Fleck in der Ferne verschwindet – da verlässt sich Regisseur Bill Condon („Gods and Monsters“, zwei Twilight-Filme/-Teile) allein auf die Kraft des Bildes. Warum ist das kein inniger Moment? Weil die Continuity gepennt hat: Die Entfernung zwischen der Schönen und dem Biest verändert sich mehrfach in dieser Szene. Das ist kein Jumpcut, sondern Schlamperei, die sich in einem so teuren Film einfach lieblos anfühlt.
  • Im Original-Zeichentrick ist das Highlight die 3D-animierte Tanzszene von Belle und dem Biest – im großen Saal des Schlosses. Da schimmert alles, die Lichtstimmung passt, wie bei einem Krönungsparteitag einer Demokratie. Es ist der Moment, in dem sich der letzte Rest von Spannung zwischen den beiden löst. Die andere Art der Animation in dieser Szene bleibt aber auch eine Art Fremdkörper, weil es so anders aussieht. Im Remake arbeitet die Musik stark auf diese Auflösung hin, aber filmisch wird keine andere Ebene betreten: Alles bleibt glatt und geht seinen Gang.
  • Im Original sind die Figuren Karikaturen, vor allem die Bösen – Gaston und sein Buddy/Mitläufer Le Fou. Erstaunlicherweise gewinnt Gaston ein wenig Charakter. Er ist immer noch ein frauenverachtender Macho, der am liebsten mit seinem Spiegelbild Kinder haben würde, das sei klar gestellt. Aber Luke Evans schafft es, der Figur trotz aller Überzeichnung noch einen menschlichen Charakter zu geben.

Ich freue mich nach dem handwerklich tollen Film jetzt auf das Remake von „Aladin“ und vor allem auf „Untitled Disney Fairy Tale (Live Action)“ (Variety-Bericht zur Filmstartsankündigung). Der kommt 3x 2019 ins Kino, und einmal im Jahr 2020. Mindestens.

Das war Ironie.

Wertung: 3,5 von 5 computeranimierten Haushaltsgegenständen

P.S. 3D ist natürlich auch bei diesem Film absolut überflüssig. Immerhin hatte ich mal ausnahmsweise eine Brille, die ich über meinen großen, bebrillten Kopf bekommen habe – und fast gar nicht beschlug. Im Abspann finden die Macher eine schöne Idee, Schrift gemeinsam mit kleinen Vignetten der Figuren zu kombinierten. Wenn man endlich seine 3D-Brille loswerden will, gibt es hier noch mal was zum Staunen. (Bis dahin war mir vor allem der Star-Wars-Schriftzug aus dem Trailerblock im Kopf geblieben. Und Schiff/Speere/toter Vogel aus dem „Fluch der Karibik“-100-Trailer.)

Grün ist das Gift: Filmkritik „Batman vs. Superman: Dawn of Justice“

Filme mit grünen Gegenständen haben einen schweren Stand. Mir scheint es fast, als hätten sich die Filmgötter gegen Grün verschworen. „Green Lantern“ war ein verzichtbarer Superheldenfilm, der beinahe Ryan Reynolds’ Karriere zerstört hätte. (Er konnte sich mit „Deadpool“ aus dem Kader der angeschossenen Filmstars retten.) „Green Hornet“ – ein Superheldenfilm mit Seth Rogen. Kein Wunder, dass das nicht funktioniert hat. Hätte ich auch wissen können, ohne den ganzen Film erleiden zu müssen. Hat mir ja auch bei „The Interview“ auch gereicht, der Groteske über einen untalentierten Moderator/Interviewer, der nach Nordkorea reist. Das war fast genauso unerträglich wie Filme von Sacha Baron Cohen. (Und ja, Ali G fand ich wirklich lustig. Aber irgendwann wurden ihm, wie auch Ricky Gervais, die  Grenzübertretungen wichtiger als dabei auch noch lustig zu sein.)

Kryptonit ist grün, das weiß doch jedes Kind. Auch wenn es nie Comics gelesen hat, so wie ich. (Tim & Struppi ja, aber DC und Marvel? Ne.) Also rufe ich jetzt den Zusammenhang mit der Grün-ist-Gift-Theorie auf. Im ersten Teil kam Kryptonit nicht vor, und das fand ich gut. Jetzt aber umso mehr. Es wird waffenfähig gemacht, auf eine schlaue, und auf eine steinzeitliche Art, die sich natürlich als die richtige im Kampf gegen den orkartigen Endgegner entpuppt.

Nachdem „Man of Steel“ dem Aufbau der Persona Superman/Clark Kent diente, und dennoch gute Unterhaltung bot – geht es jetzt um die Wurst. Also eher: Wer ist der beste Beschützer der Menschheit? Er oder ich? Wer ist der Geilste? Das ist der Kampf aus dem Titel, er beginnt zwei Stunden nach Filmbeginn, und er ist noch nicht die Klimax des Films. Jungs müssen tun, was Jungs tun müssen.

Selten habe ich einen Film erlebt, indem das Setup, das die beiden Kraftbolzen aufeinander zurasen lässt, so durchschaubar und manipulativ war. Die beiden sollen gegeneinander kämpfen? Da muss ordentlich was passieren. So macht Bruce Wayne Superman dafür verantwortlich, dass er seinen Wolkenkratzer und viele Angestellte verloren hat – im Kulminationspunkt eines Kindes, das seine Mutter in den Trümmern des Wayne-Towers verloren hat. Jaja, Tränendrüse wird erzwungen, aber eben erzwungen. Ben Affleck kann das mit seiner Mimik nicht so ganz ausdrücken. Die wurde hölzern genannt, das ist auch soweit zutreffend. Er hätte allein für diesen Film all die Witze verdient, die auf Matt Damons Kosten in „Team America“ gemacht wurden.

Die Titel passen ganz gut: „Man of Steel“ war menschlich, im neuen Teil steht das „vs“ im Vordergrund. Das ist ein bisschen wenig für 151 Minuten Laufzeit, aber in den letzten Jahren ist das Zusammenbringen diverser Franchises und Vermarktungswelten wichtiger geworden.

Wertung: 2 von 5 Muskelpaketen

Filmkritik „Limitless – Ohne Limit“

Der Stoff gibt eigentlich nicht mal einen überzeugenden Film her, wie hat man dann aus „Limitless“ eine Serie machen können? Erfolgloser Autor trifft seinen Schwippschwager. Der war und ist Drogendealer, gibt ihm ein Mittelchen, mit dem er sich viel besser konzentrieren kann und das ihn zu neuen Leistungsniveaus katapultiert. Seinen Roman schreibt er in vier Tagen zu Ende.

Wenn man so will, ist „Limitless“ eine Parabel auf die Gefühle, die Crystal Meth- und Tablettenabhängige in sich erzeugen. Einen so drogenverherrlichenden Film habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Religionslehrer werden ihn hassen. Für mich ist er wie eine schillernde Erscheinung, etwa wenn man einen Star ganz von nahe sieht. Sehr faszinierend, und ein elektrisierendes Erlebnis. Aber ein kalter Glanz, keiner, den man sich immer und immer wieder an kalten Tagen, an denen die Stimmung auch gedämpft ist, hervorholt.

Das liegt für mich auch an der sehr gewollten Übertreibung auf der visuellen Ebene. Bereits in den Titeltafeln zu Beginn des Films präsentiert „Limitless“ seinen Vorzeigeeffekt: Es ist ein Zoom auf Menschen auf New Yorker Straßen, der nicht aufhören will. Immer dann, wenn eine normale Kameralinse an ihre optischen Grenzen stößt, wird ein weiteres Bild, ganz offensichtlich durch den Computer unterstützt, daran geschnitten. Man merkt die Schnitte nicht. Das ist eben so berechnend wie kindisch. Das ist ein ganz normales filmisches Instrument, das es schon lange gibt: vom ersten Film, in dem eine einfahrende Dampflok die Zuschauer erschreckt hat bis hin zu Meisterregisseuren wie David Fincher, die bei der trickreichen Kamerafahrt durch ein geschlossenes Fenster und eine Kaffeekanne die Grenzen der Physik und die Nerven der Zuschauer strapazieren.

„Limitless“ zeigt ganz deutlich die Grenzen der schauspielerischen Künste von Bradley Cooper. Zu Tode betrübt nimmt man ihm einfach nicht ab, und damit bekommt der Film auch keine Fallhöhe. In Komödien ist er toll, aber nicht in psychologischen Studien.

Bewertung: 3 von 5 Buchverträgen