Filmkritik „Crazy, Stupid, Love“

Es gibt bei angetrunkenen Halbstarken eine ganz schlimme Angewohnheit, vorbeilaufende Mädels und Frauen zu benoten, auf einer Skala von 1 bis 10. Wer schon mal auf Mallorca war oder auf dem Oktoberfest war, kennt das. 

Wenn man sich dieses schockierende, sexistische Schauspiel ansieht, übersieht man etwas: Die Frauen bekommen Noten, aber die Jungs selbst benoten einander nicht. Die Frau mag von der Attraktivität her eine Acht sein, aber die Männer, die das tun, sind nicht mehr als eine Drei.

Jacob Palmer (Ryan Gosling) würde das nie verbalisieren, was er denkt. Aber er springt nur auf schöne Frauen an. Alles ab neun, habe ich mir so gedacht auf der Couch. Er ist aber selbst auch mehr als eine Drei. Viele Frauen würden Gosling sicher auch hoch bewerten, wenn man sie auf eine solche Skala festlegen könnte. Mitte der Nuller Jahre kamen die Pick-up-Artists auf, die Männern vorlebten, dass die Objektifizierung von Frauen eine gute Sache sei. Ihr Wissen teilten sie in Bestsellern mit den pickligen Jungs, die zwar in Gruppen Mut hatten, aber keinen, um die Frauen anzusprechen. Palmer ist so etwas wie ein Naturtalent unter den Aufreißern. Als er ein besonders bedauernswertes Exemplar der Gattung „Scheuer Rehbock ohne Chance beim weiblichen Geschlecht“ in seiner Stammbar wittert, nimmt er den Mann, der sein Vater sein könnte, unter seine Fittiche: Cal (Steve Carell) lebt in Trennung von seiner Frau. Die wollte nach einer Affäre gleich die Scheidung. Wiewohl sie selbst diese Affäre hatte.

Der hilflose, aber gutherzige Mann wird von dem Schwerenöter auf Vordermann gebracht, aber auch der Aufreißer kann vom mehrfachen Papa noch etwas lernen. Die Geschichte läuft schnell auf Autopilot. Dass sich das verkrachte Paar wieder am Ende findet, wissen wir von der ersten Minute an. Aber das macht den Film nicht schlechter. Eher, dass das riesige Finale überkonstruiert ist.

Was wirklich spannend ist: Die Gesellschaft mit Minivan in den Vororten wird dekonstruiert. Ein paar Beispiele:

Was bedeutet eigentlich Freundschaft?

So muss sich ein Freund der Familie auf Druck seiner Frau entscheiden, mit wem man noch Umgang pflegt. Er entscheidet sich für die Frau, die erfrischenderweise erst einmal die sexuelle Aggressorin ist. Hier wird die US-amerikanische Definition von Freundschaft erschüttert. Wenn alle Freunde sind, hat keiner wirklich Freunde. Dem hingebungsvollen Papa bleiben keine eigenen echten Freunde, mit denen er etwas machen kann.

Sanitäter in der Not

Außerdem wird die Rolle des Alkohols bei Männern überdeutlich herausgestellt. Der hoffnungslose Poet Franz Josef Wagner hat bereits geschrieben: Saufen ist Weinen. Als Schmidt noch ein großes Licht und auch aktiv war, war das eine meiner Lieblingsnummern in der Late Night.

Paarbeziehung und Wer bin ich?

Viele langjährige Paare mit Kindern kennen das sicher: Nehmen wir einander noch wahr oder leben wir nur mehr für die Kinder? Sind wir noch wir? Gibt es noch Zeit für ich im wir und im sie? Mich als zweifachen Vater hat das sehr angesprochen und nachdenklich gemacht. In einem so gutmütigen Umfeld tut das auch nicht so weh.

Die Besetzung gibt dem Film auch Halt: Emma Stone spielt die Frau, die den Schwerenöter kuriert und einfängt, Julianne Moore ist als Ehebrecherin dabei. Mich persönlich hat der frühreife Teenagersohn von Cal und seiner Ex genervt, aber der soll wohl ganz bewusst so sein. Marisa Tomei hat einen viel zu kurzen Auftritt als Flamme des aufblühenden Papas, und Kevin Bacon ist der Grund, warum Julianne Moores Figur den Halt unter den Füßen verloren hat.

Wertung: drei von fünf Minivans

Filmkritik „J. Edgar Hoover“

Es gibt ein Schimpfwort in der Filmindustrie. Die Rede ist von Oscarware. Der Volksmund nennt das Oscar-Anwärter. „J. Edgar Hoover“ von Clint Eastwood fühlt sich danach an. So ernst und wundervoll gestaltet ist alles. Aber anders als bei der toll ausgestatteten Lebenslauf-Groteske Benjamin Button fühlt sich das nicht echt an und es rauscht an einem vorbei. Ok, Rauschen kann man das nicht nennen. Eher so ein Nachtröpfeln als Erzählgeschwindigkeit.

Ich habe keine Ahnung, wann „J. Edgar Hoover“ herauskam, im Jahresverlauf seines Erscheinungsjahres. Aber ich möchte auf Dezember wetten, wann die Oscar-tauglichen Filme in Hollywood auf den Markt geworfen werden.

(Ich habe es inzwischen gegoogelt, es war in den USA:  Der deutsche Starttermin ist für die Oscar-Nominierung irrelevant, aber das wissen Sie alles.)

Dieser Film ist all das, was mit den Filmen, die auf Preise schielen, falsch ist. Machen wir mal eine Liste:

  • Maske, die so auffällig ist, weil sie DiCaprio um Jahrzehnte altern lässt.
  • Die Titelfigur ist ein Arschloch, und eines, das man nicht versteht. Aber anders als bei „Legend“ will ich das auch gar nicht wissen.
  • Die Ausstattung ist makellos. An ihr erkenne ich immer, in welcher Zeit der Film spielt.
  • Filmkörnung: Auch hier gibt es Unterschiede zwischen verschiedenen Epochen.
  • Besetzung: Bis in die kleinste Nebenrolle ist der Film toll besetzt. Auch wenn die Schauspieler nur ein paar Sätze zu sagen haben

Diese Filmkritik ist die erste, die ich geschrieben habe, ohne den ganzen Film gesehen zu haben.

J. Edgar ist die seltsame Namensform der Vornamen von Hoover, den man wirklich ein Muttersöhnchen nennen kann. Bis zum Tod seiner Mutter hat er bei ihr im Haus gewohnt. Und wir kriegen zwar viele Szenen der beiden mit, aber die Beziehung verstehen wir auch nicht. Wir denken uns nur, „Wow!“ – dass sie Dame Judi Dench bekommen haben. Aber auch das ist nur eine Nebenfolge von Besetzung toll.

Der Film lenkt geschickt davon ab, dass er eigentlich streng chronologisch erzählt ist. Bei der Länge des Lebens von Hoover wären auch andere Organisationsformen des Stoffes denkbar gewesen, aber allein FBI-Chef war  Hoover ja mehrere Jahrzehnte. Immer wieder unterbrochen wird der lange, ruhige Erzählfluss zu Flashforwards, in denen Hoover immer neuen Schergen/juniorigen Agenten sein Leben erzählt. Offenbar war das seine Art, sich immer gut aussehende Männer in sein Umfeld zu holen.

Followerpower: Kommt der Film noch mal aus dem Knick? Wir sind beinahe eingeschlafen, und wir fanden drei Filme aus dem Spätwerk von Eastwood wirklich toll: „Mystic River“, „Million Dollar Baby“ und „Gran Torino“.

Wertung: zwei von fünf gefühlten Stunden Laufzeit

Filmkritik „The Nice Guys“

Dass es jetzt offenbar eine zweite Karriere für Russell Crowe gibt, freut mich: „The Nice Guys“ ist bereits der zweite Film in kurzer Zeit, den ich bei einem Streaminganbieter mit ihm gesehen haben („Man of Steel“ war der andere). Diesmal spielt er nicht den Vater von den Typen, die er früher gespielt hätte, sondern den Typen selbst, nur 20 Jahre später, der anachronistisch und mittlerweile als trockener Alkoholiker durch die schwer veränderte Welt taumelt. Wahrscheinlich wäre Crowe auch für „Revolutionary Road“ die perfekte Besetzung gewesen: für einen strahlenden Hollywood-Star hatte er immer ein bisschen zu starken Körperbau, strahlte er auch immer mehr Gewaltbereitschaft als Liebesfähigkeit aus.

Genau das kommt hier bei seiner Rolle als Schläger-for-Hire Healy zum Tragen. Er ist ein Kleinganove mit gutem Herzen, der lieber den echten Bösewichten für ein kleines Salär einheizt, als das große Ding zu planen. Es gibt mehrere Kämpfe mit dem Handlanger des Oberschurken, die wie aus der Zeit gefallen wirken. Alle anderen sind voller Drogen und tanzen auf einer Party, und die beiden tanzen wie Schmetterlinge im Ali’schen Sinne. Und dann wird zugestochen – Klappmesser, Totschläger. Schusswaffengebrauch nur im äußersten Fall. Das ist alles alte Schule, und Regisseur Shane Black erzählt das so nebenbei, dass es verstanden wird, ohne dass es explizit gemacht wird. „Bosch“ würde sich in dieser Welt daheim fühlen.

Der ganze Film ist sehr Shane Black: Der hat schon „Lethal Weapon“ geschrieben, und so fühlt sich auch der Film an: Zwei Männer werden Freunde, die eigentlich nicht zueinander passen und sich doch ganz wundervoll ergänzen.

Der andere ist Privatdetektiv (Ryan Gosling), der aber eigentlich auch nix in seinem Job taugt. Wenn man das Setting in die Zukunft extrapolieren würde, sind beide wahrscheinlich enttäuschte Konservative, die Trump wählen würden. Just saying. Dennoch schließen wir beide in unser Herz.

Gosling spielt den Tollpatsch, der eigentlich nicht mal als zwar liebevoller, aber ständig betrunkener Frage etwas taugt. Vielleicht ist es der Alkoholismus, in dem die beiden Charaktere miteinander verbunden sind. Nachdem ich jetzt immer mehr Gosling-Filme gesehen habe, weiß ich, warum der so ein Star wurde. Egal, wie nachlässig er spielt oder auch nur inszeniert wird, er kann den Hollywood-Star alter Schule nicht unterdrücken. In 20 Jahren ist er der neue George Clooney. Spätestens. Mark my words.

Wie kommen die beiden Figuren also zusammen? Crowes Charakter hat einen Job angenommen, von einem Mädchen, das danach verschwindet. Und der Job war, die Nachforschungen des Privatdetektivs zu beenden. Als das Mädchen verschwunden ist, ändert sich aber alles – die beiden stoßen auf eine Verschwörung, die bis in höchste Kreise der Auto-Industrie und der Strafverfolgungsbehörden reicht.

Hier treffen wir dann auch Kim Basinger, und ein Film, der Basinger und Crowe wieder vereint, nach ihrem wundervollen „L.A. Confidential“, ist allein schon eine Empfehlung wert. Black weiß auch um das Potenzial der Paarung, und vor unserem geistigen Auge als Kinobesucher läuft die Affäre der beiden ab. Sie ist gleichsam mit im Raum, obwohl die beiden diesmal gar keine sexuell aufgeladene Beziehung haben. Black fügt dem Oeuvre der Los-Angeles-Filme eine weitere Blüte hinzu, auch wenn die Stadt mehr als Folie wichtig ist: Ganz klar ist das L.A., in dem der Film spielt, das von „Boogie Nights“, einem andere Meisterwerk. Und die Verschwörung, die normale  Menschen nicht beenden können, ist ein Verweis auf „Chinatown“. Jeder Film, der es sich traut, zu den großen Filmen der Vergangenheit so eine starke Referenz aufzubauen, und das auch einlöst, ist willkommen.

Dabei hat er so seine Schwächen. Die beiden Hauptfiguren, „The Nice Guys“, also „die Guten“, torkeln und taumeln durch die Unterwelt, dass es die Glaubwürdigkeit ihrer Ermittlungserfolge strapaziert. Einmal fällt ein Bösewicht mit Gosling vom Dach. Der Bösewicht neben den Pool, platsch, tot, Gosling hinein, auch platsch, aber große Welle – unwahrscheinlich, aber eben fürs Plot wichtig.

Die kleinen Grenzverletzungen, die Black begeht, machen den Film kritisch interessant: Die Tochter im Teenageralter, die mit ins Porno-Milieu geht und sich sogar einen Film ansehen muss – das würde sich ein herkömmlicher aktueller Film nicht trauen. Auch das ganze Setting in der halbseidenen Unterwelt – nicht Saal-1-tauglich im Multiplex. Ganz besonders aber die Nacktheit: Ein Porno-Starlet wird mit nacktem Oberkörper gezeigt, außerdem einige Partynymphen in einem Meerjungfraukostüm. Ich kann mich nicht erinnern, mal so viel Nacktheit in einem Kinofilm in letzter Zeit gesehen zu haben. Wir reden hier nicht von HBO, ja, „Game of Thrones“ macht das ja auch. Ne, wir reden vom weich gespülten PG-13-Kino. Das hier ist R, also ab 17, und auch noch stolz darauf. Nicht wegen der Gewalt, sondern weil das eine Party für Erwachsene ist.

Wertung: drei von fünf Freeway-Streifen.