Über den Unsinn von Sperrfristen

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Sperrfristen zerstört werden müssen.Ich will hier gar nicht wie Michael Arrington klingen, auch wenn ich an den als ersten gedacht habe. (Hier erläutert der Techcrunch-Gründer, warum er sich unmöglich an Sperrfristen halten könne: http://techcrunch.com/2008/12/17/death-to-the-embargo/)

Heute früh habe ich ein Stück bei DWDL gelesen, dessen Grundtenor ich gar nicht vollständiger teilen kann. (http://www.dwdl.de/magazin/33059/der_fernsehpreis_und_die_lachnummer_mit_der_sperrfrist/) Sperrfristen sind Unsinn, vorgeführt am Durchsickern von Meldungen trotz eigentlich verhängter Berichterstattungsverbote.

Was war passiert?
Sonntagabend fand die Verleihung zum Deutschen Fernsehpreis statt. Die Gewinner sollten nicht verraten werden, hatten offenbar die Veranstalter / die begleitenden Pressebetreuer gebeten. So klingt es zumindest durch im Text. (Link: http://www.dwdl.de/magazin/33059/der_fernsehpreis_und_die_lachnummer_mit_der_sperrfrist/)

Aber die Gewinner wurden bekannt, weil die Meldung der dpa mit der Sperrfrist doch publiziert wurde:

So verschickte die dpa am späten Sonntagabend eine Meldung mit den wichtigsten Gewinnern des diesjährigen Fernsehpreises. Mit Sperrfristhinweis für den 3. Oktober, 23 Uhr. Doch diese Meldung wurde binnen Minuten von Focus Online offenbar automatisch veröffentlicht.

In der Folge liefert DWDL Beweise dafür, wie viele Webseiten die Meldung einfach durchpubliziert haben, ohne dass ein Redakteur diese Tickermeldung hätte bearbeiten müssen. Außerdem arbeitet sich der Autor, Thomas Lückerath, an der Gleichartigkeit der Berichterstattung der Regionalverlage im Web ab. Berechtigter Vorwurf, aber hier irgendwie auch am Kern der Sache vorbei.

Worum geht es eigentlich hierbei? Es war etwas passiert, nennen wir es Sachverhalt A. Reporter B schreibt das auf, veröffentlicht es als Meldung M. Redakteur C schickt Hinweis hinterher, dass man das noch nicht drucken darf. Redaktion D bekommt die Meldung, hat aber im Redaktionssystem E keine Sperre eingebaut, die Nachrichten auf die Zeichenkette “Sperrfrist” hin untersucht und filtert. User F liest es, teilt die Nachricht über Social Media mit der Welt – Nachrichtenagentur F kann mit einem Rückzug der Meldung gar nichts mehr erreichen.

Was ist an diesem Konstrukt falsch? Am Event G, an dem auch Sachverhalt A passiert ist und Reporter B hoffentlich teilgenommen hat, um Meldung M zu schreiben, nehmen mehrere hundert weitere Personen teil. Die reden mit anderen Freunden (so war das zumindest früher, wenn Geheimnisse keine Geheimnisse mehr blieben), smsen die Ergebnisse und twittern und facebooken und bloggen sie in die Welt. Weil sie sich freuen und die Freude mit der Welt teilen wollen – ist ja auch alles richtig so. Deswegen war die Sperrfrist für diesen Event wie für jeden Event eine blöde Idee. Das neue Diktum im Journalismus ist: Wenn etwas passiert ist, ist es passiert. Punkt, aus. Oft genug wird man als Sportfan in der Sportschau für dumm verkauft, am schlimmsten ist es immer bei der Entscheidung um die Meisterschaft. Da gibt es dann in der Sendestrecke die Fiktion, man wisse noch nicht, dass die Mannschaft T Meister gewurden ist. Sondern es wird mit einer künstlich übergestülpten Chronologie der Gemeinsamkeit versucht, Spannung zu erzeugen. Früher nannte man das Aufhotten, heute gibt es sicher einen besseren Begriff in den Redaktionen dafür.

Eine Sperrfrist für einen Event ist einfach Unsinn. Entweder ist ein Unfall passiert, ein Haus eingestürzt oder jemand hat einen Glitzerpreis bekommen – oder nicht. Auf diesen Grundkonsens müssen wir uns einigen können, ohne Angst zu haben, nicht wieder zu der Veranstaltung eingeladen zu werden. Diese klitzekleine, piefige Angst der Medien, warum sie sich an Bitten zu einer Sperrfrist halten, gehört abgeräumt.

Und warum Pressemeldungen mit Sperrfrist noch größerer Quatsch sind? Die Pressemeldung bezieht sich auch auf einen Event oder suggeriert einen Event, der nicht wichtig ist – eine Pressekonferenz zu einem Launch oder so. So ist es zumindest im Technikjournalismus oder Medienjournalismus. So ist der Gegenstand der Berichterstattung wirklich meist nur ein neues Handy oder einen Firmenfusion. Sollten wir dafür als Journalist unsere Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzen? Lohnt sich das wirklich? Es lohnt sich wirklich, dies mal auf den Kopf zu stellen und zu diskutieren, ganz so, wie es DWDL schreibt.

Man kann über den Sinn von Sperrfristen lange philosophieren und leidenschaftlich darüber diskutieren.